Joseph Roth (1894–1939) sah Berlin schärfer und unbestechlicher als viele seiner Zeitgenossen. Diese Anthologie versammelt seine eindrucksvollsten Texte über die deutsche Hauptstadt – Reportagen, Beobachtungen und Miniaturen aus den Jahren, in denen er hier lebte und arbeitete. Von 1920 bis zu seiner erzwungenen Flucht 1933 durchstreifte der erfolgreiche Schriftsteller und Feuilletonist die Metropole und porträtierte das rastlose Treiben auf den Straßen, das Leben in den Cafés und Kneipen, die Härten des Alltags und die Poesie des Flüchtigen. In seinen Texten erweist er sich als Chronist einer Epoche im Umbruch.Bibliophile Ausstattung: Pappband mit Halbleinen und Prägung
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31.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zeichner der Zeit schreibt über Berlin in Mampes Gute Stube
Eine gute Gelegenheit, die zuweilen geniale Sicht Joseph Roths kennenzulernen.
In dem Berliner Verlag Bebra ist jetzt das Buch „Berliner Flair“ mit 29 Texten von Joseph Roth erschienen. Die Journalistin und Buchautorin Ingrid Feix hat zahlreiche Zeitungsberichte von ihm zum Thema Berlin in den 1920er Jahren herausgegeben. Sie schreibt in einem Nachwort: „Joseph Roth war kein Berliner. Vermutlich konnte er nur deshalb Berlin und seine Menschen in den 1920er Jahren auf eine Weise beschreiben, die zwischen Erstaunen, ein wenig Bewunderung und auch Ablehnung liegt.“ Roth ist ursprünglich Österreicher, sein Geburtsort Brody liegt in der heutigen Ukraine. Er spricht deutsch, jiddisch, hebräisch, polnisch, ukrainisch, russisch und später französisch. Er studiert Germanistik in Lemberg und Wien. Stipendien und Hauslehrerstellen erlauben ihm die Anschaffung guter Anzüge. Mit Stock und Monokel sieht er aus wie ein Dandy.
Von 1917 bis Kriegsende ist er dem militärischen Pressedienst zugeteilt. Noch während seiner Militärzeit beginnt Roth, Berichte und Feuilletons für Zeitschriften zu schreiben. 1919 wird er Redakteur bei einer Wiener Zeitung, die auch Alfred Polgar und Egon Erwin Kisch zu ihren Mitarbeitern zählt. In diesem beruflichen Umfeld gehört es dazu, Stammgast im Café zu sein. Ende April 1920 stellt die Zeitung ihr Erscheinen ein. Roth zieht nach Berlin und schreibt für die Neue Berliner Zeitung. Ab 1923 wird er Feuilletonkorrespondent für die renommierte Frankfurter Zeitung. Das wird sein Sprungbrett zum Starjournalisten. Er veröffentlicht mehr als 1300 journalistische Arbeiten, darunter Reportagen, Glossen und Stadtteilstudien.
Ausgewählte Texte aus den Jahren 1920 bis 1930 sind hier nun zusammengestellt. Mit ironisch-distanzierter Erzählweise wirft Roth einen spöttischen Blick auf die Nachkriegszeit in Berlin. Er beobachtet die gute Gesellschaft und die Bohème in den Cafés genau. Einmal sagt er, er wolle das Gesicht der Zeit zeichnen. Meist sitzt Roth in seiner Lieblingskneipe und schreibt dort. Mampes Gute Stube befindet sich in einem mehrstöckigen Mietshaus aus dem Jahr 1889 am Kurfürstendamm 15. Die Kneipe ist stadtbekannt und immer gut besucht. Ein Ort zum Sehen und Gesehen werden. Auf der beheizten Kudammterrasse sitzt halb Berlin. Marlene Dietrich und Heinrich Mann zählen zu den Gästen. Öfen mit Delfter Kacheln, alte Stiche, Fayencen, Holztäflung, Parkettboden und Ledersessel schaffen drinnen das Ambiente.
Er ist aber auch in vielen anderen Kneipen der Berliner Szene unterwegs. So beschreibt er in einem Artikel die Nächte in Kaschemmen. In vielen Kneipen wird der berühmte Bitterlikör Halb und Halb für 25 Pfennige ausgeschenkt, ein Gemisch aus dem Bitteren Tropfen und Früchten. Der Bittere Tropfen wird ursprünglich als Magenelixier in Preußen gegen die Cholera von dem Arzt und Königlich Preußischen Geheimen Sanitätsrat Dr. med. Carl Mampe aus Alkohol und gesundheitsfördernden Kräutern erfunden. Roth ist ein zynischer Beobachter, zeigt aber auch Mitgefühl mit den Abgehängten. Er seziert in seiner manchmal etwas sperrigen, aber dennoch schönen Sprache präzise das Berliner Milieu. Er schreibt aber auch für das Satiremagazin Der Drache, er gehörte neben Autoren wie Erich Kästner und Joachim Ringelnatz zu den Gastautoren.
Solche Artikel sind hier ebenfalls nachzulesen. Die Leser finden Berichte aus verschiedenen Zeitungen, in denen er wie später Wallraff, undercover auf Arbeitsuche geht und von Ladenbesitzern abgewiesen wird. Er schreibt über kalte Sonntage, an denen einsame in der Stadt Gestrandete sich in der warmen Bäckerei aufhalten oder von verbalen Angriffen in Cafés von verbitterten ehemaligen Soldaten auf die geistige Elite. Roth besucht den Reichstag als Unpolitischer. Er ist bald einer der am besten bezahlten Journalisten der Weimarer Republik. Er schreibt für die FZ auch Reisereportagen. Kurz arbeitet er in Paris als Korrespondent, wohin er direkt am Tag der Machtergreifung mit seiner Freundin, der Redakteurin Andrea Manga Bell, ins Exil geht.
Bereits im Sommer 1932 hat der jüdisch-österreichische Autor in Mampes Gute Stube hellsichtig prophezeit: Es ist Zeit wegzugehen. Sie werden unsere Bücher verbrennen und uns damit meinen. Im Exil veröffentlicht er seine Romane, wie seine spätere Freundin Irmgard Keun und andere Schriftstellerkollegen, z. B. Ernst Toller, in niederländischen Exil-Verlagen. 1939 wird Roth ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem er die Nachricht vom Selbstmord Tollers erhalten hat und er im Café de la Poste zusammengebrochen ist. Er stirbt an einer Lungenentzündung, der Verlauf der Krankheit wird durch den abrupten Alkoholentzug begünstigt, mit nur 44 Jahren in Paris.
Fazit: Wer gerne kurze und kurzweilige Berichte und Zeitdokumente aus dem Berlin der 1920er liest, ist hier an der richtigen Adresse. Feix hat auch einen Essay aus „Juden auf Wanderschaft“ ausgewählt. Das schön gestaltete Buch ist ein gelungener Einstieg, sich mit den Texten Roths zu befassen und eine gute Gelegenheit, die zuweilen geniale Sicht eines Zeitzeichners kennenzulernen.
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