Gabriele Reuter: Das Tränenhaus. Roman Lesefreundlicher Großdruck in 16-pt-Schrift Großformat, 210 x 297 mm Berliner Ausgabe, 2026 Durchgesehener Neusatz bearbeitet und eingerichtet von Theodor Borken Erstdruck: Berlin, Fischer, 1908. Hier nach der Neubearbeitung von 1926, ebenda. Umschlaggestaltung von Thomas Schultz-Overhage unter Verwendung des Bildes: Gabriele Reuter, München, 1896.. Gesetzt aus der Minion Pro, 16 pt. Henricus - Edition Deutsche Klassik GmbH
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Faszinierendes Sittengemälde
Hornita aus Augsburg am 07.05.2026
Bewertungsnummer: 3131640
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Man merkt am Schreibstil und der Wortwahl, dass das Buch schon etwas älter ist, aber daran habe ich mich sehr schnell gewöhnt und den Unterschied nach kurzer Zeit auch gar nicht mehr wahrgenommen. Die Geschichte ist aus der Sicht der gut situierten Schriftstellerin Cornelie Reimann geschrieben, die sich aufgrund ihrer ungewollten Schwangerschaft aus dem normalen Leben zurückzieht. Sie landet in einem Geburtshaus, in dem weibliche Jugendliche und Frauen verschiedener Gesellschaftsschichten bis zur Geburt die Zeit überbrücken und sich regelrecht verstecken müssen. Ich fand es sehr gut gemacht, wie die Autorin die unterschiedlichen Schicksale durch die Bewohnerinnen, die Besucherinnen, die Betreiberin und auch die Ortsbewohner dargestellt hat. Das Buch lässt sich sehr gut lesen, ich fand es sehr interessant und finde es wichtig, dass diese Art von Literatur sichtbar wird. Obwohl ich viel lese, hatte ich bisher noch nie von diesen Geburtshäusern gehört und kann mir sehr gut vorstellen, dass das Buch 1908 beim Erscheinen einen Skandal verursacht hat. Als Bonus gibt es am Ende ein sehr informatives und hilfreiches Nachwort von Annette Seemann, das einem bei der Einordnung der Schriftstellerin und der Zeit hilfreich ist. Ich finde das Buch ausgesprochen interessant und empfehlenswert!
Dokument der Selbstermächtigung
leukam aus Baden-Baden am 27.04.2026
Bewertungsnummer: 3122423
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Reclam-Verlag hat schon Gabriele Reuters erfolgreichsten Roman „Aus gutem Hause“, der zu Recht neben Fontanes „Effi Briest“ gestellt wird, neu herausgebracht. Nun ist in derselben Reihe „Reclams Klassikerinnen“ ihr 1908 veröffentlichtes Werk „Das Tränenhaus“ in einer hochwertigen Ausgabe neu erschienen.
Wie man dem aufschlussreichen Nachwort von Annette Seemann entnehmen kann, beruht hier vieles auf eigenen Erfahrungen. Die Autorin hat selbst in einem Geburtshaus für Ledige ihre Tochter bekommen. Heute würde der Text im Bereich Autofiktionalität eingeordnet werden.
Das titelgebende „Tränenhaus“ ist ein Heim für unverheiratete schwangere Frauen. Hier konnten sie sich bis zur Geburt zurückziehen, denn ihr Zustand musste geheim gehalten werden. Ein Kind ohne Trauschein war ein Makel, den es zu verbergen galt. Heimlich brachten die Frauen dort ihre Kinder zur Welt, die dann in die Obhut von Ziehmüttern gegeben wurden. Danach konnten sie wieder in ihr gewohntes Umfeld zurückkehren.
Hierher zieht die Protagonistin Cornelie Reimann, eine erfolgreiche Schriftstellerin, unschwer als Alter Ego der Autorin zu erkennen. Anfangs grenzt sie sich von den anderen Bewohnerinnen des Hauses ab, möchte keinerlei Kontakt. Es liegen Welten zwischen ihnen. Cornelie ist eine gebildete Frau aus gutem Hause; finanziell unabhängig kann sie ihre Entscheidungen selbst treffen. Außerdem ist sie älter und an Lebenserfahrung reicher. Doch „war [sie] sich ein Einzelfall bisher gewesen“, so merkt sie bald, dass sie ein gemeinsames Schicksal teilen. Und sie verbündet sich mit den andern gegen die habgierige Hebamme Frau Uffenbacher, die das Haus mit eiserner Zucht und zweifelhaften Methoden leitet.
Gabriele Reuter beschreibt nun sehr eindringlich das Schicksal der Frauen im Tränenhaus. Meist sind es einfache Mädchen vom Land oder niederem Stand, die aus unterschiedlichen Gründen in die „ missliche Lage“ kamen, die sie hierher gebracht hat.
Da gibt es die lebenslustige Annerle, die seit Jahren mit ihrem Hans zusammenlebt, ihn aber nicht heiraten darf. Hans ist Jude und seine Eltern wünschen sich für ihn ein reiches Mädchen aus ebenfalls jüdischem Hause. Außerdem ist Annerles Onkel „Dekan“, auch der ist gegen die Verbindung. So kommt es, dass das Mädchen schon zum zweiten Mal bei Frau Uffenbacher Gast ist.
Eine andere fiel aus Naivität auf einen Verführer herein und eine Studentin der Malerei erlag dem Charisma ihres Lehrers. Doch der ist ein viel zu großer und berühmter Künstler, um eine kleine Malschülerin zu heiraten. Die junge Frau endet besonders tragisch - sie stirbt bei der Geburt.
Alle Frauen sind das Opfer patriarchaler Doppelmoral. Männer kommen im Roman kaum vor und das aus gutem Grund. Sie entziehen sich fast alle ihrer Verantwortung.
Das Thema bewegt noch heute. So lange liegt es noch garnicht zurück, dass eine ungewollte Schwangerschaft eine Frau in große Verzweiflung stürzen konnte. Die Männer waren meist fein raus. Sie hatten nicht mit den Konsequenzen zu leben und ihrem Ruf hat es in der Regel auch nicht geschadet.
Auch wenn heute ledige Mütter nicht mehr von der Gesellschaft geächtet werden und soziale Hilfen zur Verfügung stehen, so leiden alleinerziehende Frauen unter der großen Belastung und Verantwortung und haben ein höheres Armutsrisiko.
Cornelie selbst durchläuft eine tiefgreifende Entwicklung während dieser paar Monate im Tränenhaus. Wollte sie anfangs nur Ruhe finden, sich verstecken vor der Welt, war sie beinahe des Lebens müde, so gewinnt sie durch die Begegnung mit den Nöten und dem Schicksal anderer neue Kraft und ein gestärktes Selbstbewusstsein. Und am Ende sieht sie ihr Glück in einem Leben ohne Mann, ohne Ehe, dafür mit Kind und Beruf.
Was für eine revolutionäre Vorstellung für jene Zeit. Kein Wunder, dass man den Roman als Skandal empfand. Nicht nur hatte die Autorin es gewagt, sog. „gefallene Mädchen“ ins Zentrum zu rücken und die Doppelmoral anzuprangern, sie propagierte auch noch die freie Mutterschaft.
„Nun legte das Bewusstsein der gewonnenen Kraft ihr eine Verpflichtung auf, der sie sich nicht mehr zu entziehen dachte. Nicht in die Einsamkeit galt es zu fliehen. Nein - dort, gerade dort, wo man sie früher gekannt, wo sie früher gelebt und gewirkt hatte, dort wollte sie mit ihrem Kinde weiterleben, arbeiten und wirken. Zeugnis musste sie ablegen für sich und die anderen, … Zwingen musste sie die Menschen zur Achtung vor dem selbstgewählten Lebenslos, zu einer Anerkennung, die auch ihren verfolgten Schwestern zugutekommen sollte.“
An den altertümlichen, manchmal schwülstigen Sprachstil muss man sich erst gewöhnen. Er zwingt zum aufmerksamen und konzentrierten Lesen.
Die Geschichte spielt in der schwäbischen Provinz und so sind viele Dialoge zwischen der Uffenbacherin und den Mädchen im schwäbischen Dialekt gehalten. Das schafft Atmosphäre und macht das Erzählte lebendig. Gleichzeitig steht die Mundart im Kontrast zur gebildeten Ausdrucksweise von Cornelie.
Einige humoristische Szenen lassen schmunzeln und machen so das Bedrückende der Situation erträglich.
Gabriele Reuter erweist sich als einfühlsame und genaue Beobachterin. Alle Charaktere werden als komplexe Figuren beschrieben. Ihre Konflikte, ihre Ängste und Sorgen werden differenziert und glaubwürdig geschildert. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der inneren Entwicklung der Hauptfigur Cornelie. Das lässt ihren Emanzipationsprozess nachvollziehbar machen, auch wenn man nicht all ihre Ansichten zu Ehe und Partnerschaft teilen muss.
So ist „Das Tränenhaus“ ein Roman, der auch heute noch mit Gewinn gelesen werden kann: Ein Aufruf zu weiblicher Solidarität, ein Dokument der Selbstermächtigung, eine Kritik an Doppelmoral und patriarchalen Strukturen.
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