Gegen Ende der Achtzigerjahre stürzt in einem italienischen Küstenort ein Friedhof ins Meer. Eine Urne, die an den Strand gespült wird, gibt ein Geheimnis preis: Der fünfundzwanzigjährige Pinò erfährt, dass sein Vater vor ihm schon einen anderen Sohn hatte. Als Pinò bewusst wird, dass er immer nur als Ersatz gedacht war, beginnt er die verschwiegene Vergangenheit seines Vaters zu erforschen. Doch dabei riskiert er, dass auch sein eigenes Geheimnis aufgedeckt wird. Die rätselhaften Merkmale seines Körpers drohen ihn zu verraten: Sein Bauchnabel fehlt, seine Stimme erzeugt keinen Widerhall, sein Atem hinterlässt in der Kälte keine Spur. Denn Pinò war nicht immer ein Mensch.
In »Aus anderem Holz« interpretiert Giuliano Musio den Pinocchio-Stoff neu. Aus der Puppe ist ein junger Mann geworden, aber das Menschsein ist ihm fremd geblieben. Ein Roman über die Last der Herkunft und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Nicoles Bücherwelt
4/5
27.08.2026
eBook (ePUB 3)
Eine besondere Neuinterpretation von Pinocchio - ruhig und atmosphärisch erzählt
Mit seinem aktuellen Roman „Aus anderem Holz“ steht der Autor Giuliano Musio auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2026. Hier erzählt er die Geschichte von Pinocchio neu.
Ein Blickfang ist das geniale, wie schlichte Cover, das nur ein Radiergummi zeigt. Doch das Wichtigste ist natürlich der Inhalt – und der überzeugt ebenfalls.
Alles beginnt damit, dass in einem italienischen Küstenort ein Friedhof ins Meer stürzt, der auf einer Klippe angesiedelt war. Kurz darauf wird eine Urne an den Strand gespült, der ein Geheimnis preisgibt, dass das Leben des fünfundzwanzigjährigen Pinò durcheinanderbringt. Sein Vater Giuseppe Fabri -genannt Geppetto- hatte vor ihm schon einen anderen Sohn. Doch Geppetto, der plötzlich nicht mehr derselbe ist, kann nur schweigen. Um ihm zu helfen, zieht Pinó mit seinem pflegebedürftigen Vater in ein Dorf, in dem dieser früher schon einmal gelebt hat. Doch hier tauchen nur weitere Fragen auf und neben mysteriösen Geschehnissen fürchtet Pinó auch um sein eigenes Geheimnis…
In dieser interessanten Neuinterpretation der Pinocchio-Geschichte erzählt der Autor von der ehemaligen Puppe, die inzwischen als Mensch erwachsen geworden ist und versucht, sein Platz im Leben zu finden.
Der Schreibstil ist klar und die Geschichte lässt sich flüssig lesen. Die Story ist Ende der 1980er-Jahre angesiedelt und ist eher ruhig gehalten, was aber keineswegs langweilig ist. Sehr gut geschildert sind die Schauplätze, der italienische Flair wird gut sichtbar.
Besonders beschrieben sind immer wieder einige Momentaufnahmen von Situationen und Gefühlen.
Es wird geheimnisvoll und es ist interessant zu verfolgen, was Pinò noch alles erleben wird – und nach seinem Dasein als Puppe schon erlebt hat. Oft hadert er mit Entscheidungen und stellt sich Fragen nach seiner Herkunft. Die einzelnen Kapitel sind eher kurz gehalten, was sehr gut gewählt ist.
Ab und an hatte ich in der Mitte des Romans das Gefühl, dass die Story nicht richtig vorankommt und steckenbleibt. Doch dieses legt sich wieder – die Neugier, wohin sich alles entwickeln und einiges aufklären wird, war schnell wieder da.
Mein Fazit: Eine besondere Neuinterpretation von Pinocchio, der inzwischen erwachsen geworden ist - ruhig und atmosphärisch erzählt. Von Fragen über Herkunft und Zugehörigkeit, lange Verschwiegenem und natürlich Pinocchios eigenem Geheimnis – eine besondere Geschichte, die mit detailreichen Schilderungen und gut eingefangenen Momentaufnahmen überzeugt. Bis auf kleinere Schwächen im Mittelteil ein gelungener Roman.
Bewertung
5/5
25.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
einfach nur genial!!!!!
Spannend und tiefgründig. Einmal angefangen kann man das Buch kaum noch weglegen. Man befindet sich nach kurzer Zeit in der beschriebenen Gegend und es fühlt sich an als würde man alle/alles kennen.
Bianka
Thalia Book Circle Community
4/5
26.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Pinocchio, aber ganz anders
Pinocchio, aber ganz anders
Ich wusste ehrlich gesagt nicht so genau, was mich bei „Aus anderem Holz“ erwartet. Die Idee, den Pinocchio-Stoff aufzugreifen und daraus eine Geschichte für Erwachsene zu machen, fand ich aber sofort spannend. Und eines kann man dem Buch definitiv nicht absprechen, es ist ungewöhnlich.
Pinò ist 25 Jahre alt und lebt in einem italienischen Küstenort. Er versucht, ein möglichst normales Leben zu führen, obwohl er genau weiß, dass er anders ist. Denn Pinò war ursprünglich eine Holzpuppe und wurde erst Jahre später zu einem Menschen. Was das eigentlich bedeutet und warum er überhaupt erschaffen wurde, weiß er selbst nicht vollständig.
Als ein Friedhof ins Meer stürzt und eine angespülte Urne ein Geheimnis über seine Familie ans Licht bringt, beginnt Pinò, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Er erfährt, dass sein Vater Geppetto vor ihm bereits einen anderen Sohn hatte. Und plötzlich geht es für ihn nicht mehr nur darum, herauszufinden, wer dieser andere Sohn war, sondern auch darum, welchen Platz er selbst in dieser Geschichte eigentlich einnimmt. Dabei fand ich Pinòs Blick auf die menschliche Welt besonders interessant. Für ihn sind viele Dinge, die wir als selbstverständlich betrachten, eben nicht selbstverständlich. Auch sein eigener Körper erinnert ihn ständig daran, dass er anders ist. Er hat keinen Bauchnabel, seine Stimme erzeugt keinen Widerhall und selbst sein Atem hinterlässt in der Kälte keine Spur.
Das klingt teilweise ziemlich skurril und das ist das Buch auch. Gleichzeitig steckt hinter dieser ungewöhnlichen Geschichte viel mehr. Es geht um Herkunft und Familie, aber auch um Ausgrenzung, Schuld und die Frage, wie sehr wir von den Menschen geprägt werden, die uns erschaffen oder aufziehen. Auch Themen wie Homophobie und gesellschaftliche Vorurteile finden ihren Platz in der Geschichte, ohne dass sie dabei zum eigentlichen Hauptthema werden. Pinò möchte verstehen, woher er kommt, aber eigentlich sucht er dabei auch nach einer Antwort auf die Frage, wer er selbst sein möchte.
Gerade die Beziehung zwischen Pinò und Geppetto fand ich dabei interessant. Geppetto ist für ihn gleichzeitig Vater und Schöpfer. Und je mehr Pinò über seine Vergangenheit erfährt, desto schwieriger wird es, zwischen Vertrauen, Enttäuschung und dem Wunsch nach Antworten zu unterscheiden. Mir hat außerdem gefallen, dass der Roman nicht einfach nur eine moderne Pinocchio-Version erzählt. Musio nimmt bekannte Motive und verbindet sie mit einer Familiengeschichte, gesellschaftlichen Konflikten und einer teilweise ziemlich düsteren Vergangenheit. Dadurch bekommt die Geschichte mehr Tiefe, als man aufgrund der ungewöhnlichen Ausgangsidee vielleicht zunächst erwarten würde. Allerdings konnte mich das Buch nicht über die gesamte Strecke gleichermaßen packen.
Gerade am Anfang war ich sehr neugierig auf Pinò und seine Geschichte und wollte unbedingt wissen, was hinter seiner Herkunft steckt. Später wurde mir manches etwas zu rätselhaft und teilweise auch etwas verworren. Ich hatte dadurch zwischendurch das Gefühl, dass die Geschichte ihre ursprüngliche Sogwirkung ein wenig verliert. Trotzdem bleibt „Aus anderem Holz“ für mich ein Buch, das im Gedächtnis bleibt. Schon allein die Idee ist außergewöhnlich, und Pinò ist eine Figur, über die ich auch nach dem Lesen noch nachgedacht habe. Für mich sind es vier Sterne. Nicht alles hat mich am Ende vollständig überzeugt, aber die ungewöhnliche Interpretation des Pinocchio-Stoffes, die Atmosphäre und vor allem die Fragen nach Herkunft, Identität und Selbstbestimmung haben mir gut gefallen. Ein eigenwilliger, manchmal skurriler und gleichzeitig nachdenklicher Roman, definitiv kein Buch von der Stange.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
4/5
26.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Er konnte die Wahrheit aus den Worten tilgen, aber nicht aus dem Körper: 3,5⭐️
„Aus anderem Holz“ von Giuliano Musio spielt Ende der Achtzigerjahre. Als an einem italienischen Küstenort ein Friedhof ins Meer stürzt und ein alter Mann hinterherspringt, erfährt der 25jährige Pinò zufällig, dass sein Vater Geppetto vor ihm schon einen Sohn hatte. Geppetto ist seit dem Friedhofs-Unfall pflegebedürftig. Pinò kümmert sich fortan um ihn, möchte jedoch mehr über die geheimnisvolle Vergangenheit seines Vaters herausfinden. Denn auch Pinó hat ein Geheimnis, das er vor anderen Menschen hüten muss: Er war nicht immer ein Mensch – Pinó war früher eine hölzerne Puppe, die durch die Gnade einer katholischen Heiligen vor 13 Jahren zum Mensch wurde.
„In einer Ecke der Werkstatt, nackt und zusammengekrümmt, rang er nach Luft und erfuhr zum ersten Mal, was Schmerz bedeutete. An der Decke schwebte, umgeben von hellblauem Licht, das Gesicht der Madonna Turchina. Auf der Werkbank neben ihm lag die seelenlose Puppe, in der er gesteckt hatte: nichts weiter als zusammengeschraubte Holzstücke. Er betastete verwundert seine weiche, warme Haut. Dann kniete Geppetto sich neben ihn, sagte, dass sie fortan zusammen in der Wohnung leben würden. Und er nannte ihn bei seinem neuen Namen.
Pino roch, hörte und sah nun mehr als zuvor. Mit bloßen Händen grub er in der Erde, weil er es so aufregend fand, wie sich seine Finger krümmen konnten. Er staunte über alles, was sich mit seinen Fingernägeln anstellen ließ, wunderte sich, warum es mit den Zehennägeln nicht ging. Er studierte, was sich zwischen seinen Beinen befand, aber schämte sich jedes Mal sogleich, weil er wusste, dass die Madonna Turchina es gesehen hatte. Und er durfte zur Schule gehen, endlich mit anderen Kindern spielen. Er galt nun als verwaister Junge, als entfernter Neffe Geppettos, den dieser bei sich aufgenommen hatte. Sie fuhren zwei Stunden landeinwärts zu einem Pfarrer, der Pino in einer leeren Sakristei taufte, ohne Fragen zu stellen.
Doch bald zeigte sich, dass die Menschwerdung mangelhaft war. Geppetto sah Zuckungen in Pinos Gesicht, stellte fest, dass der Gang seines Jungen hölzern geblieben war. Manchmal glaubte er sogar ein Knarren in Pinos Gelenken zu hören. Wenn Pino sich verletzte, gerann sein Blut verdächtig schnell. Und oft konnte er die Kraft in seinen Händen schlecht einschätzen. Er ließ Gläser fallen, oder er zerdrückte sie. Geppetto ohrfeigte ihn verzweifelt. Er hatte den Verdacht, dass Pino nicht brav gewesen sei. Dass er etwas gestohlen oder sich auf dem Schulhof geprügelt habe. Wie sonst ließ sich erklären, dass die Madonna Turchina ihn nicht endlich von diesen Fehlern befreite? ‚Aus einem Holzscheit hab ich dich rausgeholt!‘, schrie Geppetto und schlug auf ihn ein. ‚Aus einem verdammten Holzscheit! Und so dankst du es mir? Und wie siehst du überhaupt aus? Du gleichst mir kein Stück!‘
Auch Pino fragte sich, warum der menschliche Körper ihm so fremd blieb. Hatte er seinem Vater nicht genug Respekt gezeigt? Oder war die Madonna Turchina von Anfang an davon ausgegangen, dass es ihm nicht gelingen würde, immer aufrichtig zu sein? Niemand hatte ihn darauf vorbereitet, wie viel Unruhe ein solcher Körper in sich trug. Und wie wenig der Geist ihr entgegensetzen konnte. Je älter er wurde, desto mächtiger wurde das Fleisch. Der Hunger, die Triebe, die Beschwerden. Der Verdauungsprozess war ihm unheimlich. Auch an den gleichmäßig schlagenden Klumpen in seiner Brust, von dem sein Leben abhing, hatte er sich nie gewöhnt. Oft wusste er nicht einmal, ob es Gefühle oder Organe waren, die in ihm rumorten.“
Doch Pinós Körper trägt rätselhafte Merkmale, die ihn verraten könnten; so fehlt ihm der Bauchnabel und seine Stimme erzeugt kein Echo, sein Atem hinterlässt in der Kälte keinen Dampf.
„Sein Leben lang hatte er geübt, sich nicht zu verraten. Er konnte die Wahrheit aus den Worten tilgen, aber nicht aus dem Körper.“
Um mehr über Geppettos ersten Sohn und andere Geheimnisse zu erfahren, zieht Pinò mit ihm in das kleine Dorf Faragno in der Nähe von Bergamo. Dort lebte Geppetto damals mit seiner Frau und seinem ersten Sohn, Pinuccio. Da Pinò ihm äußerlich sehr ähnelt, hält ihn im Dorf jeder für den zurückgekehrten Pinuccio, von dessen Tod offenbar niemand wusste. Als er seine Kinderfreundin Carla wiedertrifft, wird es immer schwieriger für Pinó, sein Geheimnis zu bewahren. Und auch im Dorf gibt es etliche andere Geheimnisse …
„Aus anderem Holz“ ist eine interessante Neuinterpretation der berühmten „Pinocchio“-Erzählung, die ich vor allem im ersten Teil sehr stark fand. Gegen Ende hin war mir vieles zu rätselhaft, etwas zu viel Mystery für meinen Geschmack. Auch der Schluss konnte mich nicht ganz überzeugen.
Dennoch hat Giuliano Musio hier einen durchaus beachtenswerten Roman über Herkunft, Scham und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung geschrieben, für den ich 3,5 von 5 Sternen vergebe.
Vielen Dank an den Luftschacht Verlag und an NetGalley für das digitale Rezensionsexemplar!
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