Ein Lebensstoff, der schmerzt: über Abschied, Alter, Demenz und TodNachdem er sich 2015 in „Ende des Vogelgesangs“ seiner Kindheit und Jugend in der Kriegs- und Nachkriegszeit gewidmet hat, treten nun Alter und Tod in Michael Buselmeiers Blick- und Schreibfeld. Dabei interessieren ihn vor allem die grundlegenden Veränderungen, die das Alter und speziell Alzheimer bewirken, die Metamorphosen, die wir dabei erfahren, das Verborgene, das sich im Geist einnistet – ein Lebensstoff, der schmerzt und im Detail nacherzählt werden will. Der Ich-Erzähler protokolliert die Demenzerkrankung seiner Frau Elisabeth über zwölf Jahre, beginnend mit einer Art Essay über „das fiese Alter“. Tagebuchaufzeichnungen des Ich-Erzählers und Notizen von Elisabeth selbst, die ihre Panik angesichts dessen, was mit ihr geschieht, reflektieren, begleiten ihre Erkrankung. Schonungslos, aber tief berührend schreibt Buselmeier von den dunklen Seiten des Alters.
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aus Gänserndorf
5/5
19.08.2022
Buch (Taschenbuch)
Protokoll einer Ehe zu dritt
Rezension von Andrea Stix, MSc, Akademische Demenzexpertin, August 2022
Der Autor schlüpft zu Beginn in die Rolle des Ehepartners und beschreibt anhand von Tagebuchaufzeichnungen wie das Leben eines bis dahin glücklichen Ehepaares durch eine Demenzerkrankung komplett auf den Kopf gestellt wird.
Liegt am Beginn noch der gemeinsame Kampf gegen die Krankheit vor, so verringert sich dieses Engagement im Krankheitsverlauf und wird zur Resignation und zur Gleichgültigkeit des gesunden Ehepartners. Dabei beschreibt der Autor sehr gut das Wechselbad der Gefühle – von der Hoffnung, wenn es gute Momente gibt und von der Verzweiflung, wenn die Krankheit einem alles nimmt, ähnlich einer Welle, die alles mit sich reißt in die Tiefen des Meeres: Zukunftspläne, Strukturen, Selbstverständlichkeiten, die den Alltag lebenswert machen. Immer öfter machen sich Trauer und Unverständnis breit und es folgt fast automatisch ein Rückzug aus der gemeinsamen Welt, da keine Gespräche auf Augenhöhe mehr geführt werden können und die gemeinsamen Interessen mangels Durchführbarkeit scheitern.
Die Auseinandersetzung mit neuen Aufgaben, die mit zunehmenden Krankheitsverlauf fast automatisch dem gesunden Ehepartner übergestülpt werden, zeigen auch die Überforderung, wenn man sich plötzlich für eine ehemals selbständige Person verantwortlich fühlt.
Es wird auch aufgezeigt, dass sich Freunde und Bekannte immer mehr zurückziehen und so das betroffene Ehepaar noch mehr in Isolation gerät. Dennoch versucht der Ehemann seine Frau zu unterstützen, indem er für sie eine Tagesbetreuung organisiert. Diese kleine Auszeit schafft auch für ihn ein wenig Entlastung.
Er selbst findet lediglich bei einem langjährigen Brieffreund Verständnis, da dessen Frau ebenfalls an Demenz erkrankt ist. Sehr gut wird bei den Begegnungen der beiden Ehepaare dargestellt, dass die Krankheit sehr individuell ist und jede Person anders lebt und auch erlebt wird.
Ebenso wird realitätsnah die eigene Wahrnehmung beschrieben, dass sich mit zunehmenden Krankheitsverlauf die Erkenntnis einstellt, wie viel an eigenen Plänen und Wünschen nie mehr erreicht werden können.
Schließlich spannt der Autor auch noch den Bogen zur erkrankten Person selbst, in dem er anhand von ihren Aufzeichnungen die Schwierigkeiten, welche die Krankheit von Beginn an mit sich bringt, beginnend mit einem stressigen Alltag bis zum Ausbruch der Krankheit.
Resümee: Dieses Buch lässt dich nicht mehr los, fesselnd und spannend wie ein Krimi geschrieben, beinharte Realität mit Berg-und-Tal-Facetten wie es in Partnerschaften tatsächlich passiert, wenn der neue „Lebenspartner Demenz“ auftaucht!
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