Der Geschäftsführer eines legendären Kaufhauses wird ermordet aufgefunden. Doch bis die Polizei am Tatort eintrifft, hat Leonora Bloch alle Spuren beseitigt, so diskret und gründlich, wie sie schon seit 45 Jahren als Reinigungskraft bei Dr. Bronstett jeder Form von Unordnung begegnet. Als die Ermittlungen in die Austernbar in der fünften Etage führen, ist man schon mittendrin im Mikrokosmos dieses Kaufhauses, das von der paradoxen Sehnsucht nach vergangener Pracht und erschwinglichem Luxus lebt. Und niemand scheint sich in dieser Welt, wo Glanz und Elend, Armut und Reichtum so entwaffnend aufeinandertreffen, besser auszukennen als die 73-jährige Leonora. Doch kennt sie wirklich alle Geheimnisse und welche hütet sie selbst? Die gefeierte Stilistin Yael Inokai inszeniert eine Kriminalgeschichte, die ein feingefügtes Netz menschlicher Schicksale birgt.
Kundinnen und Kunden meinen
3.7/5.0
galaxaura
Thalia Book Circle Community
5/5
28.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wundervoller Literatursnack
„Die Auster“ von Yael Inokai, erschienen 2026 bei Hanser Berlin, ist ein erfrischender Mix aus Erzählung und Krimi, der sich sehr flott wegliest und dabei durchweg Spaß macht.
Leonora Bloch, ihres Zeichens Reinigungskraft und Gelegenheitsjobberin, 73 Jahre alt (die Handlung spielt 2019) und mit der einen oder anderen Eigenart ausgestattet, findet eines Morgens, als sie wie gewohnt im Haus von Dr. Bronstett putzen will, ebendiesen übel zugerichtet und ziemlich tot auf dem Fußboden auf. Korrekt, wie Leonora ist, wird die Sauerei natürlich erst einmal bereinigt und dann die Polizei gerufen – die Gewohnheit steckt halt in ihr, was soll sie machen.
Was sich ab hier auf etwas über 200 Seiten entspinnt, ist einfach herrlich zu lesen, voller Wendungen und besonderer Figuren, vor allem aber voller klugem Witz und großartigen Sprachbildern sowie klug strickter Details und Motive, die sich erst beim genauen Lesen in ihrer ganzen Pracht offenbaren. Die Autorin liebt spürbar ihre Figuren sowie ihre Handlung und gibt allen Menschen, denen wir in diesem kurzen Roman begegnen, mit unaufdringlichen und klaren Handgriffen Tiefe. Dabei ist die Frage, wer Dr. Bronstett so unappetitlich aus dem Leben befördert hat, eigentlich sekundär, viel interessanter sind die Lebensentwürfe, die im Roman stecken, die verpassten Chancen, aber auch wie einfach der Mensch doch zufrieden sein könnte – wenn er es denn eben kann. Was bedeutet Familie, was Freundschaft, was Beziehung und Liebe, wie viel Geld braucht der Mensch zum glücklich sein, was ist Würde und hilft sie einem weiter, wenn man einsam ist?
Inokai schreibt wunderbar trocken und trotz der Skurrilität, die durch die Zeilen leuchtet, sind die Figuren glaubhaft. Sehr besonders sind dabei ihre Beschreibungen, sowohl von Situationen als auch von Gefühlen. Und in dieser Welt ist es nur folgerichtig, wenn Leonora zwar den Mord aufklärt, ihr aber niemand glaubt – und das eigentlich auch gar nicht so wichtig ist. Aber auch Gesellschaftskritik und ein scharfer Blick auf Kapitalismus und die Unsichtbarkeit des Prekariats ist in der Tiefenstruktur deutlich lesbar, umarmt von tiefschwarzem Humor.
Einfach ein großartiger Literatursnack, der sprachlich und in der Konstruktion auf hohem Niveau arbeitet, auf der Handlungs- und Figurenebene einfach nur erfrischt. Sehr zu empfehlen – ein Perlenfund in der titelgebenden Auster.
Gina Lesefuchs
5/5
23.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Scharfsinnige Reinigungskraft als Mordermittlerin
Leonora Bloch putzt jeden Tag anderen Menschen hinterher. Wie schon ihre Mutter verdient sie damit ihren Lebensunterhalt.
Als sie eines Tages wie gewohnt im Wohnhaus ihres Arbeitgebers Dr. Bronstett putzen möchte, findet sie diesen tot vor. Unter Schock stehend muss Leonora Ordnung in ihre Gedanken und deshalb auch in ihre Umgebung bringen. Putzen ist ihr vertraut. Also macht Leonora das, was sie am besten kann: Sie putzt.
Das ist die skurrile Ausgangslage des Romans "Die Auster" von Yael Inokai.
Leonora wird natürlich von der Polizei befragt und wirkt wegen ihrer Putzaktion am Tatort zunächst auch verdächtig.
Als begeisterte Krimileserin überlegt Leonora gemeinsam mit dem Kaufhausdetektiv Friedhelm, welche Hintergründe zu dem Tod von Dr. Bronstett geführt haben könnten, dem Geschäftsführer eines großen Kaufhauses.
Zu ihrer großen Überraschung hat Dr. Bronstett Leonora mit der Organisation seiner Beerdigung beauftragt. Doch dann kommt seine Tochter Amande angereist. Sie beginnt, Leonora Aufträge zu erteilen und verlangt deren Rufbereitschaft, kauft ihr dafür sogar eigens ein Handy.
Es entspinnt sich eine unterhaltsame Geschichte um die 73jährige Leonora, die als Reinigungskraft ihren ganz eigenen Blick auf ihr Umfeld hat.
Ich finde Leonora sehr glaubwürdig gezeichnet. Sie ist als Reinigungskraft Zeit ihres Lebens von allen übersehen worden und hat noch dazu ihren Sohn als jungen Mann an AIDS verloren. Also erwartet sie nicht mehr viel vom Leben, sondern hat sich von allem und jedem zurückgezogen. Trotzdem beobachtet sie ihre Mitmenschen sehr genau und entdeckt so Details, die anderen entgehen.
Ich bin Leonora sehr gerne gefolgt und habe mich von den vielen Wendungen in der Geschichte gerne überraschen lassen.
Ihre Ansichten zum Thema Einsamkeit und Reichtum laden dabei zum Nachdenken ein, ohne belehrend zu wirken.
Ich empfehle diese skurrile Mischung aus Krimi und Milieustudie gerne weiter.
4,5 / 5 Sterne
Katrin
aus Kiel
5/5
17.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Glanz und Elend auf allen Etagen
Leonora Bloch arbeitet seit über 40 Jahren als Putzfrau, man könnte also sagen, sie weiß, was sie tut. Die meiste Zeit davon war sie in einem bekannten Berliner Kaufhaus beschäftigt, seit sie dort gegen ihren Willen in die Rente geschickt wurde, putzt sie nur noch zweimal die Woche bei dessen Geschäftsführer Dr. Bronstett. Doch eines Morgens liegt der tot in seinem Wohnzimmer. Vielleicht aus Schock oder purer Gewohnheit putzt Leonora wie gewohnt das Haus und vernichtet dabei natürlich auch etliche potenzielle Spuren. Entsprechend wenig begeistert ist die ermittelnde Kommissarin von ihrer Gründlichkeit. Doch wer nun einen klassischen Kriminalroman erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden, denn Yael Inokai geht es eher um das Kaufhaus als Mikrokosmos der Gesellschaft. Auch das einst so glamouröse Kaufhaus ist im Zuge der kapitalistischen Entwicklungen immer mehr verblasst, die Exklusivität verliert an Bedeutung, ebenso wie die Fähigkeiten der einzelnen Mitarbeiter*innen. Doch wer den einzelnen Menschen nicht erkennen kann, dem fehlt auch der Blick für Details. Und dann können ganz offensichtliche Dinge im Verborgenen bleiben. Leonora allerdings schaut hin, manchmal zu genau, und entdeckt so einiges, das vielleicht besser im Dunkeln geblieben wäre. Geheimnisse hat hier so ziemlich jede*r, ganz wie im echten Leben, Leonora selbst bildet da keine Ausnahme. *r, ganz wie im echten Leben, Leonora selbst bildet da keine Ausnahme.Die Autorin schreibt gleichzeitig distanziert und doch mit einem liebevollen Blick auf ihre Figuren, der Text wirkt wie ein zartes Gespinst, das man erst gegen das Licht halten muss, um es deutlich zu erkennen. Der Roman hat mich berührt und gut unterhalten.. Ein unerwartetes Highlight! Es geht um Klassismus, prekäre Arbeitsverhältnisse, die Nachwirkungen der Aids-Epidemie in den Achtziger- und Neunzigerjahren und noch so einiges mehr. Ein unerwartetes Highlight, dem ich noch viele Leser*innen wünsche!
Bewertung
aus Suhl
5/5
16.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Perle in der eigenen kleinen Welt
Die Auster von Yael Inokai (Hanser Berlin)
Dieser stille Roman, der so viel zu sagen hat, hat mich einfach gepackt! Skurril und auf den Punkt gebracht! Direkt, nüchtern, intensiv und gleichzeitig berührend schleicht sich die Autorin mit ihrem besonderen Schreibstil und den markanten Figuren an den Leser heran. Die Autorin beobachtet die Facetten unserer Gesellschaft, Luxus, Sehnsucht und Verlust, den nostalgische Hang der Vergangenheit sowie das Fortschreiten in die Andersartigkeit der Moderne durch die Augen ihrer 73-jährigen Protagonistin Leonora Bloch. In Gesprächen und feinsinnigen Beobachtungen schwelgt die Reinigungskraft in ihren Gedanken. Dabei zeigen sich Schicksalsschläge, Chancen und verpasste Momente, die das Leben bereit halten kann.
Neben diesen Alltäglichkeiten findet sich Leonora mit einer absurden Situation konfrontiert, der sie nur ihren Reinlichkeitsdrang entgegensetzen kann. Ein Toter mit abgetrennten Händen in einer Blutlache, der Geschäftsführer eines renomierten Kaufhauses, Dr. Bronstett. Somit ist er Leonoras Ex-Arbeitgeber und wir lernen ihn, auf den ersten Seiten, als Leiche kennen. Jahrelang putzte sie seine privaten Räumlichkeiten und kennt jede Faser seiner Einrichtung, seine Angewohnheiten und vielleicht auch die Geheimnisse seines Lebens. Darauf hofft zumindest die Polizei, die bei ihrer Ermittlungsarbeit auf diese Beziehung setzt. Doch Leonora weiß nicht alles und beginnt selbst zu recherchieren. Dabei hilft ihr Friedhelm Lösch seinerseits Kaufhausdedektiv.
Im Laufe der Geschichte ist der Kriminalfall unterschwellig immer präsent und wandelt sich am Ende zu einer Lösung mit Überraschungseffekt.
Fazit: Ich finde, diese Mischung funktioniert sehr gut. Ich habe diesen Roman sehr gern gelesen. Ein kurzweiliges Portrait, eine feine Beobachtungsgabe, Worte die Treffen und nachhallen.
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5/5
23.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Interessante Protagonistin
Die Auster von Yael Inokai beginnt mit dem Fund einer Leiche und entwickelt von der ersten Seite an einen Sog, der ebenso gut zu einem Kriminalroman passen könnte. Im Mittelpunkt steht jedoch die 73-jährige Reinigungskraft Leonora – eine ungewöhnliche, kluge Protagonistin, deren Beobachtungen und Erinnerungen die Geschichte tragen. Während sich nach und nach ihr Leben und ihre Beziehung zum Verstorbenen entfalten, entsteht ein fein gezeichnetes Bild von Einsamkeit, Macht und den Spuren, die Menschen im Leben anderer hinterlassen.
Ein außergewöhnlicher Roman für alle, die psychologische Spannung und vielschichtige Figuren schätzen.
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