Als Kodo Sawaki in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts über das "Theater um dich selbst" sprach, über die "Schminke", mit der wir unser eigenes Gesicht verleugnen, über den Gruppenwahn, der uns glauben lässt, wir hätten noch nicht genug, da meinte er japanische Mönche, die sich selbst zu wichtig nahmen, japanische Vereinsmeier, japanische Bürger im Aufbruch der Nachkriegsjahre. Doch seine Sätze sind heute vielleicht noch aktueller als damals:"Finde dein eigenes Glück!" "Werde die beste Version deiner selbst!" "Du musst nur an dich glauben!" Die plakative Coaching-Sprache unserer Tage klingt so wohlmeinend und ist doch so erschöpfend. Und dann steht da Sawaki: "Was du für dich selbst hältst, bist du nicht wirklich. Lass dich nicht an der Nase herumführen!"Oder, noch trockener:"Dir geht's mal gut, dir geht's mal schlecht - aber lohnt es sich denn, dich von der Laune des Tages verrückt machen zu lassen?"Das ist keine spirituelle Lehre. Das ist die Weigerung, am ganzen Geschäft mitzumachen.Wer sich heute eine Achtsamkeits-App herunterlädt, wer auf einem Wellness-Retreat eine bessere Version von sich selbst sucht, wer Zen für eine Methode hält, die in das eigene Leben eingebaut werden kann wie ein Stehpult ins Homeoffice - der bekommt von Sawaki eine Korrektur: "Was heutzutage als Religion daherkommt, sind bloß schöne Worte, die zu nichts taugen - leeres Gerede, das heruntergeleiert wird, ohne irgendetwas mit unserem Leben zu tun zu haben." Sawaki kannte unsere heutige Wellness-Industrie noch nicht. Aber er kannte den Mechanismus, der sie erst möglich macht: das Bedürfnis, das eigene Leben zu einem Projekt zu machen, das man optimieren, vermarkten, vorzeigen kann.Wir leben in einer Zeit, in der die eigene Identität und die Zugehörigkeit zur jeweils richtigen Seite oft wichtiger geworden sind als das, was Menschen tatsächlich tun und sind. Diese Mentalität entlarvt Sawaki schonungslos: "Im Gruppenwahn hörst du auf zu verstehen, was weiß und was schwarz ist. Und wenn das, was du tust, auch noch so schlecht ist - wenn du es in der Gruppe tust, kommt es dir nicht mehr schlecht vor. Du verlierst dich selbst aus den Augen. Auseinander mit euch! Ich bin ich!" Das ist eine Aufforderung, die heute vielleicht noch befreiender ist als zu Sawakis Zeiten: Du musst nicht in jeden Streit eintreten, in den dich Algorithmen hineinziehen wollen. Du darfst dich entziehen. Du darfst du selbst sein, ohne dafür ein Banner hochhalten zu müssen.