»La vie est brève«: Chansonweisheit, nächtlich gesungen im Salon der Señora Mami in Buenos Aires. Doch »man kann viele Male leben, viele mehr oder minder lange Leben«. Juan María Brausen, illusionsloser Texter in einer Werbeagentur, macht nach einer schweren Operation seiner Frau die Erfahrung, daß er nicht zu einer einzigen Existenz verurteilt ist. Hinter der dünnen Wand der Nachbarwohnung hört er die Lebensäußerungen der Prostituierten Queca, und in Gedanken wird er zu Juan María Arce, ihrem brutalen Geliebten. Zugleich phantasiert er sich in die Gestalt des Arztes Díaz Grey, Hauptfigur eines Drehbuchs, an dem er schreibt. Als die Queca von ihrem Zuhälter ermordet wird, identifiziert Brausen sich mit dem Mörder und flieht, als Juan María Arce, nach Santa María, in die von ihm entworfene Stadt, wo sich sein Weg mit dem von Díaz Grey kreuzt.
Das kurze Leben, 1950 erschienen, hat Onettis Ruhm begründet: ein herausforderndes, ebenso faszinierendes wie hartes Stück Literatur.
Noch stärker verdichtet, enigmatisch bei erster Lektüre und immer leuchtender beim Wiederlesen, sind Onettis Kurzromane Abschiede und Für ein Grab ohne Namen von 1954 und 1959.
Die Übersetzungen von Curt Meyer-Clason und Wilhelm Muster wurden von den Herausgebern für diese Ausgabe Satz für Satz revidiert, so daß Onetti, dieser nur scheinbar dunkle Jahrhundertautor, ganz neu zu lesen ist. Der Band enthält einen ausführlichen Anhang mit Anmerkungen, Zeittafel, Bibliographie und Nachwort.
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Zitronenblau
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29.04.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Onettis Leichensammler
Der Roman um die Figur des "Leichensammlers" Larsen, der ein Bordell in der Stadt Santa Maria eröffnet, gehört zum Santa-Maria-Zyklus. Im Wesentlichen behandelt Onetti zwei Geschichten: die Eröffnung und der Niedergang des Bordells. So beginnt der Roman mit: "Schnaufend und glänzend, breitbeinig über den Sprüngen des Eisenbahnwagens auf der Seitenlinie Enduro, ging Sammler durch den Gang, um sich einige Kilometer vor der Einfahrt des Zuges in Santa Maria der Gruppe der drei Frauen [Dirnen] anzuschließen. Er lächelte..." Enden tut der Roman dann mit: "Es waren sehr wenige Leute, die auf die roten Scheinwerfer des einfahrenden Zuges warteten. [...] ich sah einen Leichensammler von verminderter Statur, mit hängendem Kopf, die Hände auf dem Rücken verschränkt, aufrecht gehalten von den Überresten eines seltsamen Stolzes." Die Gemeinde konterkariert das Bordell. Sprachrohr der Sittenstreber ist Pfarrer Bergner, Instrument der Brief an die Angehörigen, datiert auf die Personen, die sich im Lusthaus schändlich besudelten. Dabei verlässt Onetti die auktoriale Erzählweise, um aus der Perspektive des jungen Jorges zu schreiben. Mit diesem verbindet sich die zweite Geschichte, nämlich seine Liebe zu Julita, die mit dessen Bruder, Frederico, ihre wahre Liebe fand, nach dessen Tod aber sich ihren Dämonen sukzessive ergibt: dem Alkohol, der Zerstreuung durch Hurerei im Bordell und der wahnhaft, quälenden Krankheit zum Tode mit der Schließung des Freudenhauses. Jorges Sicht wird dabei im Präsens ostentativ gemacht (in der auktorialen Perspektive schreibt Onetti in der erzählerischen Vergangenheit). Jorges drückt hier insbes. sein Verhältnis und seine unbeantwortete Liebe zur Julita aus.
Durch die Zyklus-Zugehörigkeit des Romans wird scheinbar an einigen Stellen ein Hintergrund zu Santa Maria und seinen Einwohnern vorausgesetzt. Der Roman ist aber in sich geschlossen (wie o. gezeigt wurde). Onetti besticht durchaus mit einem epischen Stil. Pittoreske und arabeske Beschreibungen werten die häufig vom Dialog getragenen Kapitel auf. Sein Wortschatz ist durchaus umfassend und abwechslungsreich, mitunter von poetischer Farbe. Dramaturgisch jedoch gelingt ihm weniger der Clou. Das Bordell kommt und geht wie eine sanfte Welle, die sich schleppend in den Sand der Kleinstadt spült und sich gähnend in die ozeanische Bedeutungslosigkeit zurückzieht. Mehrmals wird die Angst angesprochen ("Der Mensch ist Verausgabung [...] und Angst vor der Verausgabung."). Dennoch bleiben die Einwohner schemenhaft, identitätslos, selbst Jorge und der Leichensammler, die Protagonisten, fallen mit Tat und Hadnlung kaum auf. Sie geben sich ihrem Schicksal hin und überzeugen kaum. Der Sammler weniger noch als Jorge, der Ich-Erzähler, der sich in episodenhaften Reminiszenzen verliert. Der Roman ist wohl nur vor dem Hintergrund des ganzen Zyklus angemessen zu bewerten. Eine letzte Deutung will mir hier nicht gelingen. Die Bedeutung liegt wohl in der Stadt, ihren Idealen und der Ereignishaftigkeit wechselnder Schicksale...
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