Michelle Halbheers Mutter gehört der Platzspitz-Generation an; schwerst drogenabhängig, vernachlässigte und gefährdete sie nicht nur sich selber, sondern auch ihr Kind. Michelle ist knapp zehn, als sich ihre Eltern scheiden lassen und sie in die Obhut ihrer heroin- und kokainabhängigen Mutter kommt. Die folgenden Jahre werden für das Mädchen derart bedrohlich, dass es nur knapp überlebt. Das Elend dringt, auch über den besorgten Vater, immer wieder nach draußen. Aber Behörden, Ärzte, Polizeibeamte und zufällig involvierte Erwachsene bleiben untätig. Als Michelle endlich über das Unfassbare spricht, ist sie bereits ein Teenager. Sie wird umplatziert. Doch der Neuanfang bei den Pflegeeltern gerät, im dort streng religiösen Umfeld, zu einer weiteren Katastrophe. Als Michelle mit sechzehn ihr Leben selbst in die Hand nimmt, weiß sie noch immer nicht, was Normalität bedeutet. Etwas anderes jedoch weiß sie ganz genau: dass sie niemals so enden will wie ihre Mutter. Mit großer Willensanstrengung setzte die heute Dreißigjährige in den folgenden Jahren um, was viele andere Kinder aus Drogenfamilien leider nicht schaffen: Sie machte eine Ausbildung – und sie blieb suchtfrei. Mit ihrem Buch will Michelle allen anderen »vergessenen Kindern«, die noch heute zu Tausenden in Suchtfamilien aufwachsen, eine Stimme geben. Ihre.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
Renate Isabella
Orell Füssli Book Circle Community
5/5
04.07.2026
Buch (Taschenbuch)
Eine Geschichte die einen betroffen und sprachlos macht
Dieses Buch habe ich in kürzester Zeit durchgelesen. Nicht, weil es leicht ist. Im Gegenteil. Es ist hart, traurig und stellenweise kaum auszuhalten. Aber es lässt einen nicht mehr los.
Michelle Halbheer erzählt in ihrer Autobiografie von einer Kindheit, die durch die Drogensucht ihrer Mutter geprägt war. Nach der Scheidung der Eltern kommt sie mit knapp zehn Jahren zur Mutter, die heroin- und kokainabhängig ist und zur sogenannten Platzspitz-Generation gehört. Der Zürcher Platzspitz, damals international als „Needle Park“ bekannt, war Ende der Achtziger- und Anfang der Neunzigerjahre ein trauriges Symbol der offenen Drogenszene in Zürich.
Was Michelle erlebt, ist schwer zu fassen. Sie ist als Kind auf Gedeih und Verderb von ihrer drogenabhängigen Mutter abhängig. Vernachlässigung, Angst, Unsicherheit, Überforderung. Und dazu Behörden, Ärzte, Polizei und Erwachsene, die wegschauten oder zumindest mit der damaligen Situation völlig überfordert waren. Dass Michelle diese Kindheit überlebt hat, grenzt für mich fast an ein Wunder.
Besonders stark fand ich, dass hier nicht wieder nur über Drogenabhängige geschrieben wird, sondern über ein Kind, das mitten in dieser Misere aufwächst. Über die offene Drogenszene in Zürich wurde viel berichtet. Über die Süchtigen, über den Platzspitz, über die Politik. Aber über die Kinder wurde viel zu wenig gesprochen. Genau das macht dieses Buch so wichtig.
Mich hat das persönlich sehr getroffen. Ich war in dieser Zeit indirekt betroffen, durch ein drogenabhängiges Familienmitglied. Dass aber auch kleine Kinder in solchen Verhältnissen lebten, war mir in dieser Form nicht bewusst. Es hat mich schockiert. Und es hat mir nochmals gezeigt, wie viele Kinder damals einfach mitgelitten haben, ohne gesehen zu werden.
Michelle schreibt direkt, ungefiltert und ohne sich zu schonen. Man spürt, dass sie nicht Mitleid will, sondern sichtbar machen möchte, was Kindern aus Suchtfamilien passieren kann, wenn niemand hinschaut. Sie gibt diesen vergessenen Kindern eine Stimme.
Bewertung
aus Hamburg
5/5
27.12.2021
Buch (Taschenbuch)
Aufwachsen mit einer schwer drogenabhängigen Mutter
Die Orte Platzspitz und Letten waren in den 1980er Jahren in Zürich eng mit der harten Drogenszene verbunden.
Dort hat Michelle Halbheer viele Stunden ihrer Kindheit verbracht, das Elend hautnah miterlebt, Drogen für ihre Mutter besorgt, Menschen sterben sehen.
In den ersten vier Lebensjahren wächst sie noch relativ behütet mit ihrem Vater und ihrer Mutter auf, die beide einen Entzug hinter sich haben. Während der Vater stabil bleibt, wird die Mutter rückfällig und gelangt immer mehr in eine Abwärtsspirale, in der sie sich um nichts anderes mehr als ihre Drogen kümmern kann. Trotzdem erhält sie nach der Scheidung das alleinige Sorgerecht für ihre Tochter. Michelle ist fortan den unberechenbaren Launen ihrer Mutter, den Drohungen und Misshandlungen alleine ausgeliefert. Hunger, das Leben in einer vermüllten Wohnung, die Sorge um die Mutter sind ihr Alltag, in dem sie völlig auf sich alleine gestellt ist. Behörden und Polizei waren die Zustände bekannt - sie unternahmen trotzdem viele Jahre nichts. Dies hat mich am meisten erschüttert. So wie Michelle ging und geht es vielen Kindern, die in den Angeboten für suchtkranke Menschen kaum wahrgenommen und alleine gelassen werden. Trotz aller Widrigkeiten ist es Michelle gelungen, erwachsen zu werden und heute ein relativ normales Leben zu führen. Sie ist nicht, wie so viele ihrer gleichaltrigen Freundi:innen, früh gestorben oder selbst drogenabhängig geworden. Ihre Resilienz ist beeindruckend. „Platzspitz Baby“ verschriftlicht nicht nur Michelle Halbheers Lebensgeschichte, sondern macht auf schwersten Kindesmissbrauch aufmerksam, der durch staatliche Institutionen hingenommen wurde und auch heute teilweise noch wird. Ein sehr interessantes Interview mit Peter Burkardt, der für den Verein „Die Alternative in Ottenbach“ bereits Jahrzehnte im Bereich Suchttherapie arbeitet, erläutert, warum der Kinderschutz in den Ansätzen der Suchttherapie so wenig berücksichtigt wurde und Verantwortliche sich ihrer Verantwortung so leicht entziehen konnten.
Kürzlich erschien der gleichnamige Dokumentarfilm in Anlehnung an Michelle Halbheers Leben.
KerMeliest
aus Berlin
5/5
10.12.2021
Buch (Taschenbuch)
diese Geschichte geht einem sehr nahe...
Auch wenn der Schreibstiel sehr einfach daher kommt, hat es der Erfahrungsbericht von Michelle Halbheer doch in sich!
Als Kind einer stark drogenabhängigen Frau ist ihre Kindheit ein eiziger Kampf. Der Kampf ums überleben, ums gesehen werden und ein Kampf nicht selbst in die Drogenwelt abzudriften.
Michelles Vater versucht nur halbherzig seine Tochter aus dem Leben der Mutter zu nehmen, und auch offizielle Stellen wie Jugendamt, Polizei und Lehrer versagen auf der ganzen Linie. Erst als Michelle mit 16 stark genug ist sich selbst zu helfen und darüber zu sprechen anfängt, wird sie in eine Pflegefamilie gesteckt. Doch dort geht es ihr auf anderer Art auch wieder nicht gut.
Doch Michelle gibt nicht auf und kann mit ihrem starken Willen ihr Leben meistern.
Das Buch ist ein ehrlicher Bericht von einem Frau die in der Schweiz ihrer schlimmen Kindheit entkommen konnte. Ich wünsche ihr für ihre Zukunft nur noch sonnige Tage und bewerte das Buch mit 5 Sternen.
Bewertung
aus Birmensdorf ZH
5/5
09.04.2020
Buch (Taschenbuch)
Sehr eindrücklich
Rührende Geschichte, sehr gut geschrieben. Würde ich sofort empfehlen. Ein guter Mix zwischen eines tragischen Schicksal und der Geschichte Zürichs, der zum Denken anregt.
Bewertung
aus Caslano
5/5
18.03.2020
Buch (Taschenbuch)
Bewegend, traurig.
Gut geschrieben, traurig bewegende Geschichte; aber Michelle Halbheer hat es geschafft das Leben in die Hand zu nehmen und selbstverantwortlich zu handeln. Das ist der Lichtblick dieser Geschichte.
Gleichgültigkeit und Unfähigkeit der Behörden wird klar beschrieben.
Das es verantwortungslos war die Kinder den Süchtigen zu überlassen, wird klar und ist nur schwer zu verstehen.
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