Frankfurt, 1936: Die 19-jährige Sanna hat große Pläne – zusammen mit ihrem Freund will sie einen Zigarettenladen aufmachen. Doch Franz wird von einem Konkurrenten, einem SA-Mann, denunziert und verhaftet. Nach seiner Freilassung rächt Franz sich bitter und Sanna muss sich plötzlich entscheiden: für oder gegen ihre große Liebe... Irmgard Keun erzählt in ihrem ersten Exil-Roman, der 1937 erschien, über den Alltag der Menschen in der nationalsozialistischen Diktatur – zwischen Angepasstheit und Widerstand.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Bewertung
Book Circle Community
5/5
09.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Augenzeugin 1936 - brilliant, beklemmend und aktuell
Frankfurt, 1936: Menschenmassen strömen auf den Opernplatz und warten auf den Besuch Hitlers. Mittendrin und doch abseits verfolgt die 19-jährige Susanne das Geschehen….48 Stunden schildert Irmgard Keun durch die Augen ihrer Erzählerin den Alltag im nationalsozialistischen Deutschland. Mit genauer Beobachtungsgabe und scharfem Humor beschreibt sie die Erlebnisse, Gespräche und Widersprüchlichkeiten verschiedenster Menschen in dieser Zeit.
Brillant geschriebener Roman von einer Augenzeugin, denn die Autorin, Irmgard Keun, ging erst vier Jahre nach Hitlers Machtübernahme ins Exil. Die Geschichte ist deshalb aktuell, weil sie direkt, mit schwarzem Humor und mit wenigen Worten bildhaft beschreibt was passiert, wenn sich der Faschismus und Nationalsozialismus epidemisch ausbreitet. Ich denke, es ist gut, dass wir uns dessen erinnern - dass es sich lohnt, gegen solche Strömungen aufzubegehren. 1936 waren in Deutschland schon sehr viele NS-Strukturen etabliert: nicht nur der Hitlergruß oder das Deutschlandlied um Mitternacht, sondern zum Beispiel das Rassengesetz, die systematische Denunzierung, die Konzentrationslager und die Remigration (Deportation in Konzentrationslager). Eine realistische Zeitdokumentation über Frankfurt 1936 (Hitler besucht die Stadt), über die Mittelstände, über die Menschen in der Stadt - wahnsinnig lebensnah. Zwischendurch erklärende und erschütternde Rückblenden nach Köln, in treffenden und bildhaften Sätzen aus der Sicht einer schlauen und doch jungen, überforderten Frau (19 Jahre). Die Atmosphäre ist düster, und man spürt deutlich, wie sich die Schlinge immer enger zieht in einer Gesellschaft, die von Denunziation, Alkohol, Verzweiflung, Angst und Gewalt geprägt ist. Ein hervorragendes Buch - traurig und satirisch - das fühlbar macht, wie alles Leben in einer faschistischen Umgebung im Keim zu ersticken droht.
Bewertung
5/5
05.02.2025
Buch (Taschenbuch)
Absolut empfehlenswert
Gleichzeitig unendlich witzig und unendlich traurig. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie es damals in der NS Zeit gewesen sein muss als ganz normale Person. Die Ohnmacht und Tatenlosigkeit vieler Menschen wird hier clever aufgearbeitet - bis der Schleier fällt. Absolut empfehlenswert.
Bewertung
aus Ennepetal
5/5
23.02.2022
eBook (ePUB 3)
Spannender Roman
Meinung:
Die Autorin bringt nicht nur eine faszinierende Persönlichkeit zu Papier, sondern haucht den Seiten noch dazu so viel Leben ein, dass man als Leser das Gefühl hat, Irmgard Keun stets über die Schulter zu schauen.
Mit viel Humor, Herzenswärme und einem großartigen Blick für die Stärken und Schwächen der Menschen verfasster Roman einer vielen Menschen zu Unrecht unbekannten Autorin,
der als einer der wenigen zeitgenössischen das Leben im Nationalsozialismus beschreibt.
Das Buch gewinnt, je mehr man zum Ende kommt.
Beschreibt nüchtern die sich ausbreitende Nazi Atmosphäre.
Fazit:
Ein sehr lesenswertes Buch, das ich gern empfehle.
Miss.mesmerized
5/5
28.01.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Irmgard Keun - Nach Mitternacht
Nachdem sie aus ihren Eifeldorf zur Tante nach Köln gezogen war und von selbiger mehr als schlecht behandelt wurde, lebt Sanna im Winter 1937 schließlich bei ihrem älteren Bruder Algin in Frankfurt. Am Nachmittag hat sie nach Monaten der Stille einen Brief von Franz erhalten, dem Cousin, den sie in Köln zurückließ und heiraten will. Am Abend werde er kommen, er müsse mit ihr reden. Bis dahin durchstreift Sanna mit ihrer Freundin Gerti Kneipen, wohnt dem Besuch des Führers bei und erlebt eine ausufernde Party bei ihrer Schwägerin. Ihre Gedanken springen zwischen Erinnerung und Gegenwart und dokumentieren das Leben in der Großstadt in der dunkelsten Zeit Deutschlands.
Anlässlich des Lesefests „Frankfurt liest ein Buch“ wurde Irmgard Keuns Exilroman „Nach Mitternacht“ neu aufgelegt. Der Erscheinungstermin fiel sicher nicht zufällig mit dem Holocaust-Gedenktag zusammen, gilt der Roman als eines der wichtigsten Dokumente des Alltags in der Naziherrschaft und gibt wie nur wenige andere literarische Werke Einblick in das bürgerliche Leben der Zeit. Keun verfasste weite Teile der Geschichte noch in Deutschland, veröffentlichen musste sie den Roman jedoch zunächst in den Niederlanden und Frankreich.
Die Handlung um Sanna, die auf die Ankunft von Franz wartet, ist dicht und tritt hinter die viel beeindruckenderen dokumentarischen Aspekte des Romans zurück. Getragen werden diese von den Figuren, die die ganze Bandbreite des Lebens repräsentieren. Sannas Freundin Gerti ist naiv und jung und nutzt das Begehren der Männer ohne etwas zu hinterfragen. Ihr loses Mundwerk ist gefährlich, doch immer wieder kommt sie damit durch. Sannas Bruder Algin spürt die Repressalien deutlich, als Autor kann er nicht mehr schreiben, was er möchte, die Zensur ist streng und von dem einst pompösen Leben nach seinen Erfolgen ist wenig geblieben. Tante Adelheid wiederum hat sich bestens mit den neuen Zeiten arrangiert und wacht in ihrem Haus wie eine Bulldogge über die Einhaltung der Nazi Ideologie.
Durch Augen des 18-jährigen Mädchens erlebt man den offenen Judenhass - man mag ja gar nicht glauben, dass die sogar ganz adrett aussehen und nett sein können - SA und SS Männer erscheinen mehr als trinkfreudige Dummköpfe, die man jedoch nicht unterschätzen sollte, wie sich im Laufe des Romans herausstellt.
Absurd geradezu die Inszenierung des Besuchs Hitlers - und dann offenbart sich, dass es eben nicht nur eine Angelegenheit von einigen wenigen Verblendeten war, die aktiv unterstützten, sondern dass sich die Ideologie mit ihrer Doktrin dessen, was gesagt und gedacht werden durfte, bis in die letzte Ecke des Privatlebens hineingeschlichen hatte. In ihren eigenen Wohnungen können sie nicht vor der Politik flüchten und auch wenn sie sich scheinbar teilen in die, die offen unterstützen, und diejenigen, die sich wegducken und wegschauen und nur ihr Leben in Frieden leben wollen, gemeinsam bleibt ihnen jedoch, dass sie sehen und genau wissen, was geschieht.
Ein beeindruckendes Zeitzeugnis, in dem unsagbare Dinge gesagt werden, die man heute plötzlich auch wieder hören kann. Hinter der Aktion „Frankfurt liest ein Buch“ steht die Idee, Literatur zum Gesprächsthema zu machen. Wenn dem Roman dieses Ansinnen auch nur ansatzweise gelingt, ist im Jahr 2022 schon sehr viel erreicht. Dass er zur Pflichtlektüre werden sollte, steht dabei völlig außer Frage.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
4/5
03.12.2025
Buch (Taschenbuch)
Beklemmend realistisches Zeitdokument
Der Roman “Nach Mitternacht” von Irmgard Keun spielt an nur 2 Tagen im Jahr 1936 in Frankfurt am Main und beschreibt auf beklemmend realistische Weise den Alltag im nationalsozialistischen Deutschland. Die 19-jährige Erzählerin Sanna muss sich zwischen der Emigration und einem Leben in der Diktatur entscheiden, da ihr Verlobter Franz an die Gestapo verraten wurde.
„Nach Mitternacht“ zeigt auf, dass sich JEDER, der zu diesen Zeiten in Deutschland lebte und überleben wollte, in einem gefahrenbeladenen Alltag befand. Mit seinen eigenen Werten und Ansichten konnte man nicht weit kommen, sie konnten sogar gefährlich werden.
Das Buch ist meiner Meinung nach ein sehr wichtiges Zeitdokument und sollte nicht in Vergessenheit geraten. Der Schreibstil mag einigen gewöhnungsbedürftig vorkommen, aber ich finde, er passt genau so zu diesem Buch und dieser Geschichte. Die leicht naive umd kindliche Art von Sanna macht den Blick auf die damalige Situation während der Diktatur noch eindrücklicher.
"Ich war müde bis zu Verzweiflung - muß ich mein ganzes Leben nun hier bleiben? Plötzlich fielen mir Worte von Paul ein. Nie werde ich vergessen, wie er an einem Abend erzählte von Ländern, in denen man reden könne, was man wolle, in denen man keine Angst zu haben brauche, solange man sich nicht gegen die heiligen Zehn Gebote versündige. Länder gebe es ohne versteckte Gefahren, dort könne man grüßen, wie man Lust habe - an Festtagen dürfen man weinen und an Trauertagen lachen, wie’s einem gerade ums Herz sei.
Da überkam’s mich plötzlich. Hier saß ich und sollt bestraft werden und wußt nicht warum. Ich wußt nicht mehr, was gut war - ich wußte nicht mehr, was böse war. Ich dachte an die Länder mit den heiligen Zehn Geboten, in denen gut gut und böse böse ist. Ich dachte an die fernen fremden Länder, von denen Paul erzählte. Ich mußte weinen, wie ich noch nie in meinem Leben geweint hatte."
„Das Schlimme ist, dass ich gar nicht verstehe, was eigentlich los ist, ich hab jetzt nur allmählich raus, wo man sich in acht zu nehmen hat.“
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