Carofiglio, der Meister feinster psychologischer Nuancen, entwickelt eine Geschichte von Schuld und einem tiefen, menschlichen Groll.
Ein einflussreicher Mailänder Chirurg und Universitätsprofessor stirbt unerwartet an einem Herzinfarkt, der Arzt bescheinigt den natürlichen Tod, die Leiche wird eingeäschert. Doch die Tochter geht von einem Verbrechen aus und wendet sich an Penelope Spada. Die ehemalige erfolgreiche Staatsanwältin und Stabhochspringerin hat unter rätselhaften Umständen ihre Karriere abrupt beendet. Von nagenden Schuldgefühlen geplagt, betäubt sie seitdem den Schmerz mit Alkohol und Zigaretten, treibt exzessiv Sport und schlägt sich mit privaten Ermittlungen durch. Widerwillig übernimmt sie den schier aussichtslosen Fall, der zur dramatischen Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit wird. Sie muss sich ihren Dämonen stellen.
The Italian Grisham - ein Meister des "legal thriller"
"Was wollen die Opfer eines Verbrechens? Die Bestrafung der Täter? Natürlich, auch das. Aber was die Opfer wirklich wollen, ist die Wahrheit."
(Gianrico Carofiglio)
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Das Testament
clematis am 12.09.2023
Bewertungsnummer: 2020163
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Zum Nachteil seiner sehr jungen Ehefrau möchte der bekannte und erfolgreiche Chirurg Vittorio Leonardi sein Testament abändern. Wenige Wochen danach ist er tot. Hat die nunmehrige Witwe rasch nachgeholfen oder handelt es sich tatsächlich um einen schlichten Herzinfarkt? Die ehemalige Staatsanwältin und aktuell (illegale) private Ermittlerin Penelope Spada wird von Leonardis Tochter Marina zwei Jahre später zu Rate gezogen. Der Fall scheint klar und aussichtslos, denn der Tote wurde umgehend eingeäschert.
Mit unverwechselbarem Schreibstil erzählt Carofiglio diese Geschichte aus der Sicht der – in ihren eigenen Augen – gescheiterten Penelope. Zigaretten, Alkohol und ausufernde Sporteinheiten bringen sie durch den Tag, Bullterrier Olivia ist ihr einziger treuer Begleiter. Während sie sich in die Nachforschungen vertieft, schwenkt die Handlung immer wieder um fünf Jahre in die Vergangenheit zu einem anderen interessanten Fall, zu Penelopes Zeit als Staatsanwältin. Ruhig und strukturiert legt diese ihre Ermittlungen an, eine stilistisch hervorragende Reise zu menschlichen Überlegungen und psychologischen Abgründen beginnt. Fein charakterisiert werden die wesentlichen Figuren, langsam nähert man sich der Wahrheit an, denn nichts als die Wahrheit ist das, was die Opfer wirklich wollen.
Ein absolut außergewöhnlicher Kriminalroman, der durch die Sprache eines Staatsanwaltes besticht und einem aussichtslosen Unterfangen Raum gibt. Auch die wenigen Figuren und die (Rahmen)Handlung überzeugen rundum. Schön, dass ich mit „Groll“ einen weiteren fabelhaften Schriftsteller kennengelernt habe!
Durchwachsen
Bewertung am 05.10.2023
Bewertungsnummer: 2037339
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Die frühere Staatsanwältin Penelope Spada arbeitet heute unfreiwillig als Privatdetektivin ohne Lizenz. Marina Leonardi bittet sie, den Tod ihres Vaters unter die Lupe zu nehmen. Offiziell starb der bekannte Chirurg an einem Herzinfarkt, doch er hat sein Testament zugunsten seiner jungen Ehefrau geändert. Spada übernimmt zwar den Fall, macht Marina aber wenig Hoffnung, zumal die Leiche ihres Vaters bereits seit zwei Jahren eingeäschert ist. Gäbe es da nicht einen Hinweis, dass Vittorio Leonardi die Absicht hatte, sein Testament erneut zu ändern. Doch Marina scheint lediglich wütend auf ihren Vater zu sein, zu dem sie nie eine herzliche Beziehung hatte.
Soweit zu der Kriminalhandlung, die aber weder im Vordergrund steht noch genügend Spannung aufweist, um mich dauerhaft bei der Stange zu halten. Sie ist lediglich der Aufhänger für Spadas innere Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit, die zunächst angedeutet wird. Die Ermittlungen plätschern vor sich hin, mehr vom Zufall bestimmt, da es ja eigentlich nichts mehr zu ermitteln gibt, und Spadas Unlust ist fast spürbar.
Ziemlich schnell fand ich heraus, dass es bereits das zweite Buch über die Privatdetektivin ist, das erste wurde nie übersetzt. Das störte mich immer wieder, weil bereits zu Beginn angedeutet wird, dass etwas Entscheidendes vor fünf Jahren passiert sein muss und nun im Zusammenhang mit dem Fall in Spada mächtig arbeitet. Ständig hatte ich das Gefühl, mir würde Hintergrundwissen fehlen. Ob dem tatsächlich so ist, kann ich nicht sagen, zum Glück wird aber die damalige Begebenheit rückblickend aufgearbeitet. Dennoch war es lange Zeit für mich verwirrend.
Hinzu kommt, dass Spada ein ziemlich sperriger Charakter ist. Sie ist von Schuldgefühlen und Selbsthass geplagt, betäubt sie mit Alkohol Zigaretten und One-Night-Stands. Die ehemalige Stabhochspringerin betreibt fast exzessiv ihre Sporteinheiten, gern auch im Park, wenn sie mit ihrer Bulldogge Olivia unterwegs ist. In einer gleichrangigen Nebenhandlung lernt sie dort Alessandro kennen. Im Laufe der Geschichte werden sie sich, vor allem auf intellektueller Ebene, näher kommen. Aber so richtig zünden wollte das bei mir auch nicht. Hier ist wohl auch alles auf eine Serie angelegt.
Hauptsächlich geht es um die innere Auseinandersetzung Spadas mit sich selbst, denn seit ihrem Fehler vor fünf Jahren hadert sie mit sich selbst und kann sich nicht verzeihen.
Sie ist nicht in der Lage anderen zu vertrauen, ständig ist sie auf der Suche nach dem Haken am anderen. Das ist psychologisch gut herausgearbeitet und nachvollziehbar – macht Spada aber nicht sonderlich sympathisch. Ein Konflikt tut sich auf, als sich Spada der jungen Witwe Lisa anfreundet. Hier liegt sicher auch Carofiglios Stärke, die moralischen Untiefen auszuloten. Er selbst war viele Jahre Antimafia-Staatsanwalt und hinterfragt hier die ethischen Aspekte der Aufklärungs- und Ermittlungsarbeit. Darf man auf der Suche nach der Wahrheit Grenzen überschreiten?
Interessant wurde dann ihr alter Fall doch noch, der uns ein wenig in die italienische Welt der Geheimgesellschaften einführt. Allerdings auch nur ein wenig, denn hier hätte das Spannungspotenzial gelegen.
Dass mir der ganze Roman eher nüchtern und verhalten erschien, liegt letztlich wohl an der spröden Protagonistin. Vielleicht hatte ich tatsächlich einen Krimi erwartet und war deshalb so gespalten in meinem Eindruck. Hätte ich den Fokus eher auf die psychologische Komponente gelegt, vielleicht hätte es mich mehr erreicht.
Also alles in allem ein durchwachsenes Leseerlebnis, das mich aber nicht davon abhält, mehr von dem Autor zu lesen.
Meinung aus der Buchhandlung
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Eines gleich vorweg: Groll ist kein klassischer Krimi - Wie auch in Carofiglios Reihe um Avvocato Guerrieri, dreht sich hier vieles um Gesetze und die Justiz.
Protagonistin ist dieses Mal eine ehemalige Staatsanwältin, die sich nach ihrer Suspendierung als Privatermittlerin verdingt. Wer einen spannenden Page-Turner mit Plot-Twists und hektischen Ermittlungen erwartet wird hier enttäuscht werden. Warum, bzw. wann sollten Sie dann trotzdem unbedingt Carofiglio lesen?
Weil Carofiglio mit Sprache umzugehen weiß; Weil es ihm gelingt spannende und vielschichtige Charaktere zu erschaffen; Weil er das Leben mit allen seinen Facetten aufmerksam beschreibt und weil er es schafft auch banale Dinge, wie den Alltag seiner Figuren für die Leserschaft interessant zu machen.
Alles in allem ein toller "Krimi" für Literat*innen.
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