Michael Köhlmeier selbst liest seinen großen Roman über eines der legendären »Philosophenschiffe«, mit denen Stalin Intellektuelle deportierte
Mit diesem großen Werk schließt Michael Köhlmeier an seinen Bestseller »Zwei Herren am Strand« an. Zu ihrem 100. Geburtstag lädt die Architektin Anouk Perleman-Jacob einen Schriftsteller ein und bittet ihn darum, ihr Leben als Roman zu erzählen. In Sankt Petersburg geboren, erlebt sie den bolschewistischen Terror. Zusammen mit anderen Intellektuellen wird sie als junges Mädchen mit ihrer Familie auf einem der sogenannten »Philosophenschiffe« auf Lenins Befehl ins Exil deportiert. Nachdem das Schiff fünf Tage und Nächte lang auf dem Finnischen Meerbusen treibt, wird ein letzter Passagier an Bord gebracht und in die Verbannung geschickt: Es ist Lenin selbst.
Ungekürzte Lesung mit Michael Köhlmeier
1 MP3-CD, 7h 17min
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4.0/5.0
bookloving
4/5
25.04.2024
Hörbuch (Audio)
Beeindruckende Geschichtsstunde
Der neue historische Roman des vielfach ausgezeichneten Autoren Michael Köhlmeier mit dem Titel „Das Philosophenschiff“ ist ein gelungenes, tiefsinniges Werk. Es gewährt uns nicht nur aufschlussreiche und beklemmende Einblicke in den bolschewistischen Terror nach der Oktoberrevolution sondern zeigt auch die vielfältigen Gefahren durch Diktaturen, Willkürakte von ideologisierten Staatenlenkern und die Verfolgung von Andersdenkenden auf und regt sehr zum Nachdenken an.
In der Rahmen- und Binnenerzählung seiner fesselnden Geschichte verwebt Köhlmeier auf beeindruckende Weise Fiktion und viele historische Fakten, die er sehr sorgsam recherchiert hat.
Im Mittelpunkt des Romans steht die Begegnung eines namenlos bleibenden Journalisten und Schriftstellers mit der hochbetagten russisch-jüdischen Architektin Anouk Perleman-Jacob, die ihn überraschend zu ihrem hundertjährigen Geburtstag eingeladen hat. Die alte Dame möchte, dass er ihre bewegte und bewegende Lebensgeschichte verfasst, die eng mit den Schrecken der Russischen Revolution und dem bolschewistischen Regime verflochten ist. In Anouks rückblickenden Berichten erfahren wir nach und nach, wie sie auf Befehl von Lenin 1922 als 14-jähriges Mädchen mit ihren Eltern und vielen unliebsamen Intellektuellen des Landes, darunter Schriftsteller, Philosophen, Journalisten und Historiker, auf einem der sogenannten "Philosophenschiffe" aus Russland ins Exil deportiert wurde. Überraschender Weise begegnet das junge Mädchen auf einem abgeriegelten Deck dem schwerkranken Lenin, der sich mit ihr in Gesprächen über Macht und Revolution austauscht.
Der Autor hat sich mit dieser fiktiven Begegnung eine literarische Freiheit herausgenommen und nutzt dieses geniale Stilmittel geschickt für eine subtile Darstellung von Lenin. Die verschiedenen einfühlsam erzählten Momentaufnahmen von Anouks Schicksal und dem der Verbannten auf dem Philosophenschiff hat mich sehr berühren können. Köhlmeier versteht es hervorragend, die Anspannungen, Ängste, Verzweiflung und das gegenseitige Misstrauen der Passagiere angesichts ihrer ungewissen Zukunft sehr authentisch und glaubhaft einzufangen.
Mich hat Köhlmeiers facettenreiches Spiel mit Wahrheit und Fiktion sehr in den Bann geschlagen. Gekonnt thematisiert er darüber hinaus in den Reflektionen des Schriftstellers auch die vielen Ebenen in Bezug auf die Kunst des Erzählens und den Unschärfen biografischen Schreibens.
ZUM HÖRBUCH
Der Roman wird vom Autor selber ungekürzt und äußerst überzeugend eingelesen. Michael Köhlmeier erweist sich als versierter Sprecher. Seine getragene Stimme passt hervorragend zur Geschichte und den Figuren. Er vermittelt die bedächtig und einfühlsam erzählte Geschichte sehr akzentuiert und nuancenreich, so dass sie einen immer mehr in ihren Bann zieht.
Ein grandioses Hörbucherlebnis!
FAZIT
Ein gelungenes, tiefsinniges Werk und eine faszinierende, nachdenklich stimmende Geschichtsstunde, die sehr zum weitergehenden Recherchieren anregt.
Gesellschaftliche Betrachterin
aus Großraum Halle (Saale)
5/5
28.09.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
"You don’t need a weatherman to know which way the wind blows"
Klare Leseempfehlung. Michael Köhlmeier nimmt uns mit in die Zeit der sozialrevolutionären Wirren in der Sowjetunion in der Phase des Übergangs der Macht von Lenin und Trotzki auf Stalin, basierend auf den Erinnerungen einer 100-jährigen (und damals 14-jährigen) Frau, die dem Autor aus dieser Zeit berichtet hat. Die Frau ist natürlich fiktiv und so fabuliert der Autor seine eigene Darbietung der Geschehnisse und Zusammenhänge um eine Gruppe von Menschen, die (so Trotzki) politisch unzuverlässig seien und sich eines Tages gegen die Revolution wenden würden. Und diese Darbietung ist bei Köhlmeier kurzweilig - zumal die charmante alte Dame ihre Geschichten öfter korrigiert - und konsequent pazifistisch. Wir begegnen Leonid Kannegiesser, der am 30. August 1918 in Petrograd den sowjetischen Volkskommissar Moissei Urizki erschoss, anschließend dämlicherweise mit dem Fahrrad flüchtete und natürlich gefasst wurde. Und war die sehbehinderte Fanny Kaplan wirklich in der Lage, ihrerseits an demselben Tage einen Attentatsversuch auf Lenin beim Verlassen einer Moskauer Fabrik zu unternehmen? Der gewaltsame Tod Urizkis und der fehlgeschlagene Mordanschlag auf Lenin wurden von den Bolschewiki zum Anlass und zur Rechtfertigung für die danach einsetzenden blutigen Verfolgungen solcher „politisch Unzuverlässigen“ genommen und wer nicht hingerichtet wurde, fand sich auf dem Philosophenschiff wieder. Und bei den historischen Zusammenstellungen mittels fiktiver und realer eingeflochtener Personen erfährt die begeisterte Leserin sogleich noch etwas über die linke militante Untergrundorganisation Weathermen, die unter anderem im Oktober 1969 in Chicago die „Days of Rage“ gegen den Vietnamkrieg organisierte.
Bewertung
5/5
15.09.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Nominiert für den Deutschen Buchpreis, Longlist
Ein neuer Köhlmeier. und dasnn gleich die Longlist zum Deutschen Buchpreis. Zurecht? Mit Sicherheit! Ein tolles Buch, welches uns von Anfang an fesselt. Die Idee mit der 100 jährigen Architektin, die ihre Biographie schreiben lassen will beinhaltet so viel Möglichkeiten zu fabulieren.
Und der ausgesuchte Schriftsteller, dem nie einer glaubt und daher gut geeignet! Sicherlich mit augenzwinkern geschrieben.
Und sehr schön die ausufernden Erzählungen von Anouk, der hundertjährigen. Sicher hat sie nicht so viel Gesprächspartner oder - partnerinnen.
Gut beobachtet.
Worum geht es in dem Buch? Lasst es euch nicht erzählen, sondern lest selber. Es lohnt sich!!!
Bewertung
5/5
04.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was ist wahr?
Keine geradlinigen Erinnerungen sind es, die dem Erzähler da aufgetischt werden. So wie vielen Protagonisten nicht zu trauen ist, erzählt Anouk auch nicht immer ganz die Wahrheit. Vieles fügt sich oder wird im Laufe der Geschichte neu erzählt und bekommt eine zusätzliche Bedeutung. Und doch ein philosophisches Zeitbild mit vielen Bezügen zur Gegenwart.
Bewertung
5/5
02.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Leseerfahrung über eine revolutionäre Zeit voller Angst, Lügen, Verdrängungen und Grausamkeiten
Der neue Roman von Michael Köhlmeier lässt die hundertjährige Architektin Anouk Perelman-Jacob über ihre Jugend erzählen. Ihre intellektuellen Eltern hatten in Paris im Exil auf freizügige avanguardistische Weise gelebt, eher in einer Dreierbeziehung. Als die Revolution in Russland ausbricht, kehren sie zurück. Die Geschichten werden mehrmals erzählt und variieren in ihrer Bedeutung. Am Anfang des Romans wird erwähnt, dass der interviewende Schriftsteller, es nicht so ernst mit der Wahrheit nimmt und bekannt dafür ist, erfundene Dinge mit in seine Geschichten einzuweben. Gerade deshalb habe Anouk ihn ausgewählt.
Die gesprochene Sprache, die kurzen Sätze, die Wiederholungen und Abweichungen lassen das Gespräch zwischen dem Schriftsteller und der Hundertjährigen echt wirken. Man sitzt mit den beiden zusammen im Wohnzimmer, hört zu, wie die uralte Frau ihr Leben offenbart. Man isst zusammen, wird müde, der Schriftsteller möchte weg und bleibt dann doch.
Was ist real an dieser Geschichte? Bei jeder erlebten und nacherzählten Geschichte ist das schwierig. Hier handelt es sich sogar um Erinnerungen, die schon fast hundert Jahre zurückliegen, aus einer höchst brisanten, gefährlichen Zeit. In so einer Zeit wird mehr gelogen und erdichtet, die Lüge wird lebensnotwendig. Im Nachhinein kann es dann schwer sein, zwischen Dichtung und Wahrheit auseinanderzuhalten. Die Frage entsteht, ist es hier überhaupt wichtig? In diesem Roman scheint es eher darum zu gehen, die Essenz der Zeit nahezubringen. Der ermordete Dichter und Liebhaber von Anouks Mutter Gumiljow wird zitiert, „dem Sein nahekommen“, darum gehe es hauptsächlich. Manchmal kann Dichtung reeller sein, als kalte Fakten.
Die Eltern und Anouk werden von der Geheimpolizei abgeholt und auf einem Luxusdampfer mit anderen wenigen Intellektuellen zwangsausgewiesen. Nicht alle kommen auf dem Schiff an, einige werden umgebracht.
“Niemand kam, um uns eine Erklärung zu geben“ (Zitat aus dem Roman).
Das Schiff hält auf offenem Meer an. Die Ungewissheit, Todesangst, ist zum Atmen nahe. Niemand möchte die anderen kennenlernen, aus Angst beschuldigt zu werden. Diese Situation erinnert an den Roman von Kafka, der Prozess.
“Das Gerücht liebt das Nichts. Angst und Gerücht, das sind zwei Halunken. Wenn die sich zusammentun, das wird eine Verheerung.“ (Zitat aus dem Roman)
“Ich dachte sogar, ich könnte der Spitzel sein“, sagt Anouk. (Zitat aus dem Roman).
Irgendwann beginnt sich Anouk trotz der Angst zu langweilen und erkundet eine abgesperrte Zone des Schiffes und trifft in der ersten Klasse auf Lenin, der ein alter Greis geworden ist.
Zwischendurch werden Erfahrungen aus anderen Zeiten erwähnt, die Freundschaft Anouks zu einer Frau, die bei der terroristischen amerikanischen Gruppe Weather Report aktiv war, oder der Mitbewohner des Schriftstellers, der damals beim KBW war. Sie haben „Stalinismus gespielt“, sagt dieser.
Warum wird Lenin Anouks „Freund“? Das Unverständnis scheint beabsichtigt. Im dem damaligen Chaos von Mord und Revolution war nichts mehr zu verstehen. Die Wahrheit vermischt sich mit Halluzination und Totenstarre.
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5/5
26.01.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Kindheit im bolschewikischen Russland mit großer Dichte erzählt.
Die hundertjährige Architektin Anouk Perleman-Jacob lädt einen Schriftsteller ein, um ihm ihr Leben zu erzählen, damit er darüber einen Roman schreiben kann.
Sie schildert ihre Kindheit im bolschewikischen Russland, die Willkürherrschaft der Regierenden, die, unter anderem, dazu führte, dass keiner mehr dem anderen vertraute. Und die ständige Unsicherheit der Menschen, weil sie nie wußten, wann sie bei den Herrschenden in Ungnade fallen würden.
Als Anouk vierzehn ist, müssen sie und ihre Eltern Russland verlassen. Sie werden auf einem der sogenannten Philosophenschiffe deportiert. Und in einer Nacht wird ein neuer Mitreisender auf das Schiff gebracht.
Es ist Lenin.
" Das Philosophenschiff" ist ein Roman von großer Dichte und seine Protagonistin ist eine sehr eigenwillige, kluge Erzählerin.
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4/5
14.11.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was ist Fiktion, was Wirklichkeit?
Architekturprofessorin Anouk Perleman-Jacob möchte ihre Memoiren schreiben und sucht hierfür einen Schriftsteller. Als sie ihn gefunden hat, beginnt sie zu erzählen. 1923 wurde die damalige 14jähriges Anouk, zusammen mit ihren Eltern, auf ein sog. Philosophenschiffe gebracht. Als Intellektuelle waren die Eltern in ihre Heimat, Sowjetrussland, nicht mehr gern gesehen und sollten diese verlassen. Das Ziel ungewiss. Nach fünf Tagen auf hoher See, triff Anouk an Bord auf Lenin, der selbst in die Verbannung geschickt wurde.
Ausdrucksstark, großartig recherchiert und eine absolute Bereicherung. Als Leser bleibt ein unglaubliches Staunen zurück. Große Leseempfehlung!
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