In fiebriger Erregung warten die Einwohner Wiens am 31. Juli 1914 das Verstreichen des deutschen Ultimatums ab. Die Stadt ist ein reißender Strom, in allen Straßen bricht sich die Kriegsbegeisterung der jungen Generation bahn. Mitten in diesen Taumel gerät Hans, ein Pferdeknecht aus Tirol, der sich auf den Weg in die Metropole gemacht hat, um die Psychoanalytikerin Helene Cheresch aufzusuchen. Dort angekommen trifft er auf Adam, einen musisch begabten Adligen, und Klara, die sich als eine der ersten Frauen an der Universität Wien im Fach Mathematik promovieren wird. Gemeinsam verbringen die drei jungen Menschen den letzten Abend vor der Mobilmachung – in einer Stadt, die sich ihrem Zugriff mehr und mehr zu entziehen droht.
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Großartig, rasant und klug
MarieOn am 12.12.2024
Bewertungsnummer: 2362480
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Wien 1914.
Der Pferdeknecht Hans war nach dem plötzlichen Tod seines Vaters kilometerweit weggebracht worden, um auf dem Hof eines Bauern zu dienen. Seit nun sieben Jahren hat er den Hof nie verlassen und keine Schule besucht. Er glaubt, dass er die Gedanken anderer Menschen lesen kann und mit dieser besonderen Gabe packt er seinen Rucksack und macht sich bei Nacht und Nebel davon, sein Glück in Wien zu versuchen. Im Gepäck, die Zeitungsannonce der Psychoanalytikerin Helene Cheresch.
Am Wiener Hauptbahnhof herrscht ein Treiben, wie es Hans nie zuvor erlebt hat. Menschen in so edler Kleidung, dass ein einzelnes Fädchen des Rocks bei weitem übersteigen würde, was Hans je besessen hat. Burschen anderer Sprache lachen ihn an und geben ihm von ihrem Laib Brot. Hans sucht sich fragend den Weg zu Helenes Haus. Dort angekommen ist er überwältigt von den Gründerzeitvillen. Weil auf sein Klopfen niemand reagiert, legt er sich matt von der Reise auf das Trottoir, kurz die Augen zu schließen. Gleich darauf wird er von einer resoluten Frau mittleren Alters hochgescheucht. Es ist die Psychoanalytikerin. Kurz darf Hans bei ihr vorsprechen, um gleich darauf wieder fortgeschickt zu werden. Unten trifft er auf eine junge schöne Frau und kommt mit ihr ins Gespräch, es ist die Mathematikerin Klara, die ebenfalls bei Helene in Behandlung ist. Und als Klara Hans den adligen Adam vorstellt, beginnt der atemlose Ritt durch das nächtliche Wien der Aufbruchsstimmung.
Fazit: Was für eine Geschichte Raphaela Edelbauer zustande gebracht hat. Der Vielvölkerstaat Österreich droht auseinanderzubrechen, als der serbische Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger tötet. Es sind die letzten Stunden vor der österreichischen Kriegserklärung an den Zaren. Ganz Wien taumelt ausgelassen im Willen für Ehre und Vaterland zu kämpfen. Der Klassenunterschied ist riesig. Die Auserwählten des gehobenen Bürgertums halten Kriegsrat und motivieren alle Männer, die jung genug sind zu kämpfen, sich am nächsten Tag zu melden. In dieser aufgeheizten Stimmung schwirren Klara, Adam und Hans durch die Wiener Unterwelt. Hans, der nie etwas anderes als Natur, Vieh und vereinzelte Frauen, die zum Hof gehörten, erlebt hat, fühlt sich wie in Sodom und Gomorrha. Unwiederbringlich hält die Moderne Einzug in Kunst, Musik und Architektur. Die Suffragetten setzen sich für Frauenrechte ein, allen voran das Frauenwahlrecht. Frauen studieren, lieben Frauen, Männer lieben Männer, syphilitisch gezeichnete Huren überschminken ihre Läsionen und versehen ihre Dienste. Ganz nebenbei etabliert sich die Tiefenpsychologie durch Freud und Helene erforscht das kollektive Bewusstsein. Die Geschichte ist anspruchsvoll und hat mir alles abverlangt. Die Sprache kommt hochgestochen daher und vertritt die Stimme des gehobenen Bürgertums. Ich finde die Geschichte sowohl großartig, rasant und klug erzählt, als auch anstrengend. Und doch, wie die Autorin diese wahnhafte Aufbruchsstimmung eingefangen und auf mich losgelassen hat, ist bewundernswert. Ganz großes Schreibtalent.
„Haben in der Konsequenz nicht wir die Ideen, sondern haben sie uns?“
Gesellschaftliche Betrachterin aus Großraum Halle (Saale) am 20.07.2025
Bewertungsnummer: 2544203
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein sprachgewaltiger Roman mit gesellschaftlicher Weitsicht! - Der Bauernknecht Hans Ranftler trifft mit einer Visitenkarte der Psychoanalytikerin Helene Cheresch in Wien ein. Ihn plagt seine seherische Fähigkeit, dass er in manchen Situationen einen Satz schon genau kennt, den sein Gegenüber im nächsten Moment aussprechen wird. Sein im Unterbewusstsein hysterisches Empfinden tritt aber in den Hintergrund angesichts der propagandistisch entfachten, sich lauffeuernd durch Wien bewegenden Massenhysterie für die Mobilmachung zum Beginn des Weltkrieges. Ist der Wiener Bahnhof bei Hans frühmorgendlichen Ankunft am 30. Juli 1914 bereits proppenvoll mit Menschen und flüchtigen Eindrücken von ihnen, wird sich in den nächsten 36 Stunden der Romanhandlung die Masse Mensch zur Undurchdringbarkeit steigern. Auf der Schwelle der auf der Visitenkarte markierten Praxis begegnet Hans den gleichaltrigen Adam und Klara und bewegt sich mit ihnen fortan gemeinsam gegen den Menschenstrom. Hans muss ohne Geld die Zeit bis zum für den Nachmittag des Folgetages vereinbarten Termin mit Helene überbrücken, ohne in eine Musterungsstelle zu schwappen. Adam, mit aristokratischem Stammbaum und Offizierslaufbahn, hat seinen Einberufungsbefehl schon und zweifelt (noch in ziviler Kleidung) hin- und hergerissen, ob er in den Krieg ziehen soll. Klara, die sich aus niedersten sozialen Verhältnissen lösen konnte und sich an der Stufe zur akademisch anerkannten Spitzenmathematikerin befindet, muss zu ihrem Rigorosum in die Universität, wohingegen die bellizistischen Macker den Frauen in der Gesellschaft nur noch den Wert von dringend benötigten Uniformschneiderinnen zumessen. Die Stationen, die die Autorin Raphaela Edelbauer Hans, Adam und die stets klarsehende Klara in diesen anderthalb Tagen nehmen lässt, seien hier nicht verraten – seien Sie als Leserin stets überrascht. Vermeiden Sie beim Lesen aber bitte keinesfalls den Parallelblick auf heutige gesellschaftliche Zustände, die nicht wirklich anders sind als am 30. Juli 1914, denn: „Das Prophetische tarnt sich stets als Erinnerung.“
Meinung aus der Buchhandlung
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Mathematik, Psychologie und Geschichte - großartig miteinander verwoben.
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Wien 1914, ein Tag vor der Machtergreifung.
Hans, ein Knecht aus Salzburg und quasi mittellos , geht nach Wien um eine Psychotherapeutin um Hilfe zu bitten.
Währenddessen lernt er drei weitere junge Menschen kennen.
Für alle ist klar, dass ab dem nächsten Tag alles anders sein wird und es ihr Leben, so wie es bisher war, nicht mehr geben wird.
Ein anspruchsvolles, großartig geschriebenes Buch, in dem die Autorin die Geschichte Wiens und Österreichs parallel zu den Ereignissen erläutert.
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Ein Wimmelbild des Vorabends des ersten Weltkrieges
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Wien, 1914 – Vorabend des ersten Weltkrieges, wortwörtlich. Der Bauernknecht Hans verlässt sein Dorf, um sich in Wien bei einer berühmten Psychoanalytikerin in Behandlung zu begeben. Praktisch ohne Mittel und durchnächtigt trifft er in der für ihn verwirrenden Großstadt ein. Die Stadt ist in Aufruhr, denn morgen läuft das deutsche Ultimatum gegen die Serben aus. Die Parapsychologin ist gewillt ihm am nächsten Tag einen Termin zu geben, außerdem trifft er vor ihrer Tür auf zwei andere Patient*innen: Den adligen Offizier Adam, der am morgigen Tag eingezogen werden soll, und die Doktorandin der Mathematik Klara, die am nächsten Tag ihre Doktorarbeit verteidigen muss. Zusammen verbringen sie die letzten Stunden vor dem Ausbruch des Krieges. Zwischen Orchesterproben, Dinner mit dem österreichischen Generalstab, und Suffragetten Kneipen, in denen Ragtime gespielt wird, durchzechen sie die Nacht.
Großartige historische Recherche, eine Momentaufnahme in die gesellschaftlichen Verwerfungen des baldig zerbrechenden Kaiserreiches. Der Auftakt lässt einen erst an einen klassischen Bildungsroman denken, der Roman liest sich aber mehr wie ein Wimmelbild über die Ideen, Gedanken und Menschen der Zeit – von CG Jungs esoterischen Archetypen in der Psychoanalyse, bis hin zum Nationalismus und Antisemitismus der herrschenden Klassen und natürlich der Manipulation der Massen.
Alle drei Figuren haben mit ihren eigenen parapsychologischen Phänomenen zu kämpfen, wegen derer sie sich auserwählt fühlen. Mit der Auflösung, was es mit diesen fast schon übernatürlichen Phänomenen auf sich hat, legt die Autorin einen Finger auf die gesellschaftlichen Probleme von heute.
Der Roman ist mit bildungsbürgerlichen Fachworten gespickt, die mich beim Lesen immer wieder ein bisschen herausgerissen und irritiert haben. Wer die Originale der Zeit von Robert Musil oder Joseph Roth genossen hat, wird hier eine selbst reflektierte, moderne Aufarbeitung ihrer Werke finden.
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