»Alec und ich gehen getrennte Wege. Wir lassen uns scheiden.« Nicht dass zwischen den Müttern von Betsy und Alec Canning je ein gutes Wort gefallen wäre, doch als Betsys Brief eintrifft, sind sie sich sofort einig: Die Scheidung muss um jeden Preis verhindert werden! Weder Betsys Geständnis, in der Ehe unglücklich zu sein, noch Alecs Seitensprünge ändern daran auch nur das Geringste. Ist das letzte Wort möglicherweise noch nicht gesprochen? Alec hofft, seine Frau umzustimmen, wenn er an sich arbeitet, und vielleicht bedenkt Betsy ja die Folgen einer Trennung für ihre drei Kinder. Doch die Mütter und all die anderen, die auf einmal unbedingt mitreden wollen – Hausangestellte, Nachbarn, Freunde –, machen das letzte bisschen Hoffnung auf eine Versöhnung zwischen den Eheleuten zunichte. Betsy und Alec sind den Rosenkrieg bald leid, aber da ist so mancher Fehler schon nicht mehr rückgängig zu machen … Ein hochkomischer Scheidungsroman und ein Porträt der feinen englischen Gesellschaft.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Bewertung
aus Baden-Baden
5/5
10.07.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Perfektes Lesevergnügen
Erfreulicherweise machen es sich immer mehr Verlage zur Aufgabe, unbekannte oder zu Unrecht vergessene Schätze zu heben. So auch der Schöffling- Verlag, der nach „ Das Fest“ nun einen weiteren Roman der englischen Schriftstellerin Margaret Kennedy veröffentlicht hat. Zur Freude des Lesers.
Die 1896 in London geborene und 1967 verstorbene Autorin war zu ihrer Zeit äußerst erfolgreich mit zahlreichen Romanen,
Theaterstücken und Drehbüchern.
Alec und Betsy sind ein gut situiertes Ehepaar im England Mitte der 1930er Jahre. Sie haben drei Kinder und Alec, ein ehemaliger Beamter, nun erfolgreicher Autor von Libretti, hat es zu Ruhm und Geld gebracht. Eigentlich könnte alles bestens sein. Doch Betsy fühlt sich nach siebzehn Ehejahren gelangweilt und unzufrieden. Sie möchte die Scheidung. Alec dagegen wünscht keine Veränderung und kurz scheint es so, als könne er seine Frau nochmals umstimmen. Aber zu spät! Die Schwiegermütter, von Betsy über ihr Vorhaben informiert, eilen herbei, um die Katastrophale aufzuhalten.
Deren Einmischung bewirkt allerdings das Gegenteil. Plötzlich scheinen die Fronten klar und es entwickelt sich ein Rosenkrieg, den ursprünglich keiner wollte.
Margaret Kennedy beginnt ihren Roman wie eine typisch englische Komödie, mit Sommerfrische am See, mit Dienstboten und Kindermädchen usw. Vor allem die beiden Schwiegermütter mit ihren Macken und Allüren werden vortrefflich gezeichnet.
Doch dann wird aus der Komödie eine Tragödie. Alec stürzt sich aus gekränkter Eitelkeit in eine Affäre mit dem Kindermädchen, das unglückseligerweise sofort schwanger wird. Betsy weiß garnicht mehr, was sie sich eigentlich von einer Trennung versprochen hat.
Auch der Freundes- und Bekanntenkreis äußert seine Meinung ( „ Du kannst keine Frau in Betsys Alter verlassen. Das ist nicht gerade ermutigend für uns, die wir die Zähne zusammenbeißen und bei der Stange bleiben.“) und ergreift Partei für die eine oder andere Seite.
Aber vor allem die Kinder leiden unter der neuen Situation. Langsam beginnen sie zu begreifen, dass damit das vertraute Familiengefüge zusammenbricht. „ Ihre gemeinsame behütete Kindheit war vorbei.“ An ihnen zeigt die Autorin exemplarisch, wie unterschiedlich Kinder auf eine Scheidung reagieren können.
Das alles gestaltet Margaret Kennedy souverän, mit sehr viel Witz und auch mit Seitenhieben auf diese englische Gesellschaft. Dabei stellt sie keinen Protagonisten bloß, sondern begegnet allen mit sehr viel Verständnis für ihre Schwächen und Eigenheiten.
Die Autorin versteht ihr Metier. Sie verwendet gekonnt verschiedene Textsorten, baut eine leise Spannung auf und überrascht mit unerwarteten Wendungen. Ihre Erfahrung als Schreiberin von Theaterstücken und Drehbüchern zeigt sich in pointierten Dialogen und prägnanten Szenen.
Der auktoriale Erzählstil wird heute nur noch selten verwendet, doch hier passt er bestens. Damit erlaubt uns die Autorin einen Blick in die Gedanken- und Gefühlswelt aller Charaktere. Dadurch ist der Leser oft schlauer als die Akteure, was für zusätzliche Komik sorgt.
Der englische Titel „ Together and apart“ ist weitaus passender als „ Die englische Scheidung“. Denn das Leben geht für alle Beteiligten auch nach der Scheidung weiter, möglicherweise nicht ganz so, wie anfangs gedacht und geplant, doch mit Bedingungen, mit denen man sich arrangieren kann.
Es ist nicht nur das Paar, das sich trennt. Es gibt auch andere Konstellationen, die sich voneinander entfernen und wieder annähern, so z.B. die Freunde des Paares, die Beziehungen der Kinder untereinander, die Beziehung zwischen Eltern und Kinder, das Verhältnis Schwiegertochter und Schwiegermutter. Alle durchlaufen einen Prozess der Veränderung. Alle wachsen an den Herausforderungen, nicht sofort, aber mit der Zeit. Dass dabei die einzelnen Figuren unterschiedlich gestärkt hervorgehen, ist nur realistisch. Von einer Scheidung sind immer mehr als zwei Menschen betroffen und das fängt die Autorin sehr gut ein.
Neben dieser klugen Betrachtung über Ehe, Familie und Trennung finden sich zahlreiche allgemein gültige Lebensweisheiten, wie z.B. folgende Sentenz: „ Menschen wurden nicht über Nacht netter. Oft steckte eine bittere Erfahrung dahinter. Es war mühsam und kostete viel Kraft, sich zu verändern. Trotzdem war es besser, sich auf schmerzenden Füßen auf einen Berg hinaufzuquälen, als ein Leben lang im Morast aus Apathie und Selbstmitleid festzustecken.“
Der Roman bietet kein Happy-End ( das hätte auch nicht gepasst ), aber ein Ende, das den Leser zufrieden zurücklässt.
Für mich war „ Die englische Scheidung“ ein perfektes Lesevergnügen, klug und unterhaltsam. Und es ist zu wünschen, dass der Schöffling- Verlag noch weitere Romane der Autorin folgen lässt.
Die gute Gesellschaft unter dem Brennglas – unterhaltsam und typisch englisch
Einen Klassiker zu rezensieren, ist zweischneidig. Würde man ihn doch in der Zeit, als er erschien, ganz anders gelesen, anders rezipiert haben als heute. Heute blickt man mit der aktuellen Brille auf den Roman, beeinflusst von dem heute üblichen Stil, dem Duktus und den Handlungstypen, die man gewöhnt ist, die man täglich liest.
Daher kann die Besprechung eines Romans, der im Original zuerst im Jahr 1936 erschien, nur mit Vorsicht und Bedacht formuliert werden. So ist schon allein die damals gebräuchliche auktoriale Erzählperspektive heute eher ungewöhnlich. Im vorliegenden Roman der 1896 geborenen Autorin, die mit mehr als 15 Romanen erfolgreich war, passt dieser Erzählstil aber perfekt, erlaubt er doch einen Blick in die Gedankenwelt aller Protagonisten.
In diesem Spiegel der sogenannten guten englischen Gesellschaft geht es um das Ehepaar Alec und Betsy Canning. Sie haben drei Kinder, sind einigermaßen gut situiert, doch in ihre Ehe ist Langeweile eingekehrt. Betsy fühlt sich unverstanden, ausgenutzt, während Alec, ein eher träger Mensch, am liebsten seine Ruhe hat. Alec schreibt Librettos zur Musik seines Freundes Johnnie, Betsy hingegen reibt sich auf zwischen der Kindererziehung, der Pflege des Haushalts, der Anleitung der Dienstboten sowie der weiteren Familie.
Da sind vor allem die Mütter der Beiden. Insbesondere Alecs Mutter Emily Canning mischt sich gerne und auf sehr subtile Weise in das Leben ihres Sohnes und seiner Familie ein. Als sie nun von Betsys Mutter erfährt, dass Alec und Betsy beschlossen haben, sich scheiden zu lassen, und zwar in absolut freundschaftlicher Weise, will sie das unbedingt verhindern.
Und nicht nur sie, auch andere mischen sich ein, Freunde, Personal, Verwandte und sogar die Familie Bloch. Die deutschen Juden sind nach England geflohen und Alec hatte ihnen Unterschlupf gewährt in einem Haus auf seinem Grundstück, sehr zum Verdruss seiner Frau.
Alle haben eine Meinung, alle halten mal zu dem einen Ehepartner, mal zum anderen, wechseln auch schon mal die Seiten. Dass Alec eine Affäre mit einem der Dienstmädchen beginnt, sorgt zusätzlich für Aufruhr, auch darüber wird in der Gesellschaft natürlich heftig diskutiert. Dazu kommen dann noch die Kinder Eliza, Kenneth und die Jüngste, Daphne, die selbstverständlich am meisten betroffen sind und jeweils Stellung beziehen.
All das wird erzählt auf eine sehr fesselnde Weise. Mit spitzer Feder, hintergründigem Humor und liebevollem Verständnis seziert die Autorin die Beziehungen innerhalb einer Familie, die Verflechtungen und die Reaktionen in der englischen Gesellschaft. Mal mittels einer langen Unterhaltung der beiden Mütter des Paares, mal in Form einer heftigen Diskussion unter den Kindern und mal als ein ganzes Kapitel in Form von diversen Briefen, die zwischen den Freunden und Verwandten der Familie Canning hin und her gehen – und dabei einiges offenbaren und erzählen.
Die bereits erwähnte auktoriale Erzählperspektive bringt es dabei mit sich, dass man beispielsweise mal „im Kopf“ der Tochter Eliza ist und im nächsten Absatz verfolgt man die Gedanken Kenneths. Das wechselt häufig, vor allem während eines Dialogs, manchmal gar innerhalb eines Satzes. Das sorgt für Dynamik und obwohl man es heute nicht mehr sehr gewöhnt ist, passt es hier hervorragend und bringt Spannung und Tempo in den Roman.
Auf der anderen Seite wirken die etwas langatmigen Beschreibungen heute eher langweilig, zäh. Sie bremsen die Handlung manchmal etwas aus. Dennoch ist der Roman, nicht nur für Liebhaber englischer Sittengemälde, ein empfehlenswertes Buch, auf dessen Stil man sich aber einlassen wollen muss.
Margaret Kennedy - Die englische Scheidung
aus dem Englischen von Petra Post und Andrea von Struve
Schöffling & Co., Mai 2024
Gebundene Ausgabe, 395 Seiten, 24,00 €
Jürg K.
4/5
22.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Drama und Liebesgeschichte in einem
Alec und ich gehen getrennte Wege. Wir lassen uns scheiden. Das steht in dem Brief an die Mütter der beiden. Sie sind sich einig, dass diese Scheidung verhindert werden muss. Betsy ist in der Ehe unglücklich und Alecs Seitensprünge ändern auch nichts daran. Alec hofft seine Frau umstimmen zu können. Doch die Mütter und all die anderen, die auf einmal unbedingt mitreden wollen, Hausangestellte, Nachbarn, Freunde, machen die Hoffnung auf eine Versöhnung zwischen den Eheleuten zunichte. Dies ist ein Roman der sich mit der Komplexität von Ehe, Scheidung und den damit verbundenen gesellschaftlichen Erwartungen befasst. Betsy und Alec sind den Rosenkrieg bald leid, aber da ist so mancher Fehler schon nicht mehr rückgängig zu machen. Den Leser erwartet ein hochkomischer Scheidungsroman und ein Porträt der feinen englischen Gesellschaft. Der scharfsinnige und prägnante Schreibstil erweckt eine Reihe von Charakteren zum Leben, von denen jeder seine eigenen Macken und Geheimnisse hat. Die Geschichte ist ein Mischung aus Komödie und Drama. Ein empfehlenswertes Buch.
SimoneF
5/5
30.05.2024
eBook (ePUB)
wenn alle mehr übereinander als miteinander reden....
Alec und Betsy gehören in den 1930er Jahren der gehobenen englischen Mittelschicht an. Sie sind seit 17 Jahren verheiratet und der Ehealltag fordert seinen Tribut. Alec hat eine Affäre, Betsy ist unglücklich, hadert mit ihrem Leben und möchte sich scheiden lassen. Alles sieht nach einer einvernehmlichen Trennung aus, bis Mutter und Schwiegermutter sich einmischen, um die Ehe zu retten. Nun entwickelt sich eine Dynamik, die sich nicht mehr aufhalten lässt und ungeahnte Folgen hat…
Mit „Die englische Scheidung“ erscheint der Roman „Together and apart“ von Margaret Kennedy aus dem Jahr 1936 in deutscher Übersetzung. Er zeichnet ein interessantes und detailliertes Bild der gehobenen englischen Gesellschaft der damaligen Zeit. Die einzelnen Charaktere, allen voran Alec und Betsy, werden lebendig und ambivalent beschrieben, mit all ihren Eigenheiten, Stärken und Fehlern. Margaret Kennedys Gespür für Menschen und die Komplexität von Beziehungen hat mir besonders gut gefallen. Sie verzichtet auf klare Schuldzuweisungen an Alec oder Betsy, vielmehr spielen viele verschiedene Parameter eine Rolle, dass Beziehungen scheitern oder sich in eine bestimmte Richtung entwickeln. Mit spitzer Feder zeigt sie auf, welche Entwicklung die Einmischungen von außen in Gang setzen. Verwandte, Freunde, Bekannte und Angestellte tragen dazu bei, dass eine Lawine ins Rollen kommt, die Alec, Betsy und ihre Kinder förmlich mitreißt. Jeder kennt nur einen Teil der Wahrheit, schmückt den Rest aus, oft begleitet von einem wohligen Schauer der Sensationslust, und indem vor allem übereinander und nicht miteinander geredet wird, wird die Lage immer verfahrener.
Auch wenn sich in beinahe einhundert Jahren gesellschaftlich und im Rollenverständnis der Geschlechter glücklicherweise einiges geändert hat, ist es doch sehr faszinierend, wie vieles bis heute erstaunlich aktuell ist. Betsy und Alec befinden sich beide in einer Midlife-Crisis, haben sich auseinandergelebt, und insbesondere Betsy verzweifelt an der Diskrepanz zwischen ihren Lebensträumen als junge Frau und dem Status Quo. Auch Alecs Suche nach seiner Rolle als Mann und Vater und die Unfähigkeit der beiden Ehepartner, miteinander zu kommunizieren, sich selbst kritisch zu reflektieren und einen Konsens zu erreichen, ist heute oftmals nicht anders. Und die Kinder sitzen zwischen den Stühlen oder werden zum Spielball im Kampf um die eigenen Interessen.
Ich habe den Roman binnen kürzester Zeit verschlungen und war schon fast traurig, als er zu Ende war. Zu gerne hätte ich nochmal 200 Seiten weitergelesen, um zu erfahren, wie es mit allen weitergeht.
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4/5
16.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Together and apart
Eine Scheidung im England der 30er Jahre. Ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Doch längst nicht alle Familienmitglieder sind damit einverstanden.
Margaret Kennedy erzählt in "Die englische Scheidung" erstaunlich modern von den Auswirkungen einer Scheidung in gewissen Kreisen der höheren, englischen Gesellschaft. Gerüchte in Bezug auf die Gründe, die zu dieser drastischen Trennung führten, werden ebenso thematisiert, wie die Frage, wer für wen Partei ergreift. Die Geschichte beginnt zunächst im Ferienhaus der Familie in Wales, im Sommer, der alles veränderte und umfasst schließlich auch die nachfolgenden Jahre, in denen alle mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen zurechtkommen müssen. Alle Figuren wirken vielschichtig, sodass man ihr Handeln nachvollziehen kann, auch wenn sie manchmal ihre negativen Seiten zeigen. Unterhaltsame und doch spannende Lektüre für Fans von Jane Gardam.
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