1916 wird Sylvie Schenks Mutter geboren, die Großmutter stirbt bei der Geburt. Angeblich war diese eine Seidenarbeiterin, wie schon die Urgroßmutter. Aber stimmt das? Und welche Geschichte wird den Nachkommenden mit auf den Weg gegeben? Als Kind leidet Sylvie Schenk unter dieser Unklarheit, als Schriftstellerin ist sie deshalb noch immer von großer Unruhe geprägt. Mit poetischer Präzision spürt sie den Fragen nach, die die eigene Familiengeschichte offenlässt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Klaus Effing
aus Köln
4/5
11.03.2026
Buch (Taschenbuch)
Große Literatur über die Beziehung zu einer Mutter
Maman“ von Sylvie Schenk (Hanser Verlag, 175 Seiten) ist ein literarisch anspruchsvoller Roman über das Verhältnis einer Tochter zu ihrer Mutter. Ob es sich tatsächlich um die Mutter der Autorin selbst handelt, bleibt offen – vieles deutet darauf hin, doch eindeutig festgelegt wird es nicht. Gerade diese Schwebe zwischen autobiografischer Erfahrung und literarischer Gestaltung macht einen Teil des Reizes des Buches aus.
Im Zentrum steht eine Linie von Frauen über mehrere Generationen hinweg – mit ihren Stärken, Brüchen, Lernfeldern, Lügen und Wahrheiten. Dabei wird auch deutlich, wie sehr das Bild, das wir von unseren Eltern haben, durch unsere eigene Erinnerung und Interpretation geprägt ist. Eltern „nehmen Gestalt an“ in den Geschichten, die wir über sie erzählen und im Laufe unseres Lebens immer wieder neu zusammensetzen.
Viele Menschen kennen vermutlich dieses Gefühl: Man trägt ein bestimmtes Bild der eigenen Eltern in sich, doch mit der Zeit, durch neue Informationen oder prägende Ereignisse, verschiebt sich diese Wahrnehmung immer wieder. Auch in „Maman“ bleibt die Mutterfigur letztlich schwer greifbar – distanziert, nie ganz zu ergründen.
Sylvie Schenk schreibt reflektiert und sprachlich sehr präzise über Erinnerung, Herkunft und die Spuren, die Familiengeschichten hinterlassen. Trotzdem blieb für mich persönlich eine gewisse Distanz: Ich konnte den literarischen Anspruch und die Tiefe des Themas erkennen, habe aber emotional keinen wirklich engen Zugang zu der Geschichte gefunden.
Vielleicht ist „Maman“ gerade deshalb ein Buch, das bei Leserinnen und Lesern sehr unterschiedliche Resonanz auslöst – je nachdem, wie sehr man sich selbst in diesen Fragen von Familie, Erinnerung und Herkunft wiederfindet.
Juti
aus HD
5/5
04.11.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie das Leben so spielt…
Wie das Leben so spielt Schlechter kann ein Leben gar nicht beginnen. Die Mutter stirbt bei der Geburt, einen Vater gibt es nicht, da sie womöglich Prostituierte war. Also Adoption in eine Bauernfamilie, die aber nur am Geld für die Pflege interessiert ist und keinerlei Liebe gegenüber dem Säugling zeigt. Ja einem tritt sie sogar eine Kuh, weshalb ihre Nase ihr Leben lang eine Macke behält. Doch dann kommt die Wende. Den Behörden fällt auf, dass das Kind vernachlässigt wird und sie wechselt zu einer Mutter, deren Mann sie gerade verlässt. So sorgt sie für ihr Kind und nimmt sich die Zeit, sie nun bestmöglich auf das Leben vorzubereiten. Ja, trotz ihrer ungeklärten Herkunft gelingt es ihr für die Tochter einen Zahnarzt zu angeln und mit ihm – obwohl echte Liebe wahrscheinlich fehlt – sechs Kinder zu haben. Dass sie später noch einen Seitensprung hatte, ist geschenkt. Trotz des weniger spannenden Schlussteil hat mich gerade der Anfang so bewegt, die unbekannte Großmutter der Autorin und der ersten Jahre von Mamam so bewegt, dass ich 5 Sterne verschenke. Ich gebe zu, dass ich nicht weiß, ob das Buch mit dem deutschen Titel „Mama“ auch so gut geworden wäre. Aber das bleibt Spekulation. Keine Spekulation ist, dass diese Buch besser ist, als alle Bücher der Shortlist von 2022. Zitat: „Mädchen, passt auf, alle Männer sind Schweine“, als wäre auch unser Vater ein Schwein, dieser mal melancholische, mal cholerische Mensch ein Schwein. (22)
MarieOn
5/5
23.10.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Großartige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit
Mamans Name war Renée Gagnieux. Soviel ist wahr. Sie war die Tochter von Cécile, die vielleicht eine Seidenspinnerin war und wurde in Lyon geboren. Die Autorin macht sich auf den Weg, in den Schuhen ihrer Mutter zu laufen, zu der sie keine intensive Bindung hatte.
Maman mochte alle ihre sechs Kinder, solange sie klein waren. Solange wir abhängig von ihr waren, zauberten wir ein Lächeln auf ihr Gesicht, dann fand sie Ruhe, sonst war ihr Leben Scham und Ausgrenzung. Sie ist eine stille Frau, die mit ernstem Gesicht, leise mit sich selbst spricht. Den Vater hasst sie womöglich.
Renées eigene Maman musste sich prostituieren, weil sie von ihrem Hungerlohn und ohne Mann, keine fünf Kinder ernähren konnte. Nach Renées Geburt verblutete sie.
Renée kam in ein Pflegeheim, gefolgt von einer Pflegefamilie, einem Bauernehepaar, das sich mit einem Pflegekind ein Zubrot verdienten. Als Renée dann sprach- und verwahrlost zu einer anderen Pflegefamilie kam, war ihr soviel Unglück widerfahren, dass sie schon ganz verkorkst war.
Das, was Maman dann später an ihre Mädchen weitergab war Verachtung und Selbstverachtung, eine obskure Angst vor Männern, vor der Liebe, vor der Schande.
Alle Männer sind Schweine, dem Mann haftet die Geilheit an. Die Männer bumsten und zahlten, die Frauen entbanden und starben. S.126
Erst in Hochzeitsnacht erinnert sich Renée an den Bauern, der sie damals Bastard nannte und sich anschließend an ihr verging. Ein Umstand, der ihr nachträglich die eigene Sexualität vermieste und sie einzig den ehelichen Pflichten nachkommen ließ.
Fazit: Ich mochte diese Ich-Erzählung sehr, die ganz klar den Anspruch erhebt, aufzuzeigen, wie schwer Frauen das Leben gemacht wurde. Entweder sie waren schmückendes Beiwerk, wertlose Anhängsel, oder Huren. Die Geschichte der Autorin macht gut verständlich, wie Mütter ihre Traumen an die nächsten Generationen weitergegeben haben und macht fassbar, welche Schwierigkeiten das weibliche Geschlecht bis in meine Generation mit ihrem Selbst-Wert hat. Ein wirklich wichtiges Buch, mit einer großartigen Klangfarbe. Ungeschönt, ehrlich und auch berechtigterweise wütend. Es ist völlig zurecht auf der Shortlist des deutschen Buchpreises zu finden.
In ihrem neuesten Roman versucht die Autorin Sylvie Schenk, sich ihrer bereits verstorbenen Mutter und deren Persönlichkeit anzunähern. Eine Mutter, die stets schwieg, wenn es um ihre Vergangenheit ging. Eine Mutter, die stets teilnahmslos wirkte – außer, sie konnte ein Baby versorgen.
Sylvie Schenk hangelt sich dabei an den wenigen biographischen Informationen entlang, die sie von ihrer Mutter und anderen Familienmitgliedern erhielt. Dabei tun sich klaffende Lücken auf, die sie mit poetischen Gedanken zu füllen weiß. Die Autorin ist dabei stets bemüht, wohlwollend mit dem Andenken an ihre Mutter umzugehen. Auch, wenn diese es zu Lebzeiten nicht geschafft hat, eine intensive emotionale Bindung zu ihren 5 Kindern aufzubauen. Zuletzt entwickelt sich daraus vor allem eine spannende Schilderung über eine Frau, die 1916 in Frankreich geboren wurde und nicht nur die Entbehrungen des 1. Weltkrieges miterleben musste. Sylvie Schenks Roman ist damit nicht nur die Suche nach der Biographie der eigenen Mutter, sondern bietet auch einen wertvollen Einblick in die damaligen Verhältnisse und die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Auf familiärer und emotionaler Ebene zeigt Sylvie Schenk darüber hinaus, wie sich ein Trauma stets fortzusetzen vermag. Besonders hervorzuheben ist meiner Meinung nach aber der außergewöhnlich eloquente, lyrische und zugleich pointierte Sprachstil der Autorin. Federleicht führt sie durch die zum Teil sehr schweren Lebensjahre ihrer Mutter. Ein für meinen Geschmack zurecht nominierter Roman für den Deutschen Buchpreis!
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4/5
23.07.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Spurensuche
Die Herkunft von Sylvie Schenks Mutter, Renée Gagnieux, lag immer im Dunkeln, auch für die Mutter selbst. „Sie war ein stummer Mensch mit blauen Augen und einem Verstand, der damit beschäftigt war, seine Mängel zu kaschieren,“ schreibt Sylvie Schenk sich einfühlsam annähernd an die Person der Mutter.
Herausgekommen ist ein Roman, präzise, klug und voller Witz, mitunter ist er aber auch eine schmerzhafte Abrechnung. Das faszinierende Porträt einer Familiengeschichte.
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