Eine einfache Geschichte, poetisch und glasklar erzählt: Parker und Kasimir sind als Jungen mit ihrer Mutter aus Polen in die USA ausgewandert, sie sollten es einmal besser haben. Nach diesem Kraftakt hat die Mutter jede Lebenslust verloren, und so sind aus den Brüdern zwei symbiotisch verbundene Einzelgänger geworden, die sich in der Fremde durchschlagen, ohne jemals heimisch zu werden. Parker fährt als Privatchauffeur durch die Nacht, Kasimir verlässt das Haus nie. Als die Vagabundin Luzia bei ihnen einzieht, bringt sie ihre ganze Lebensfreude mit, sprengt damit jedoch die nahezu wortlose Nähe der Brüder. Doch die junge Frau haut nach Panama ab, und da ist klar: Kasimir muss ihr nach, und sei es ans Ende der Welt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
MarcoL
aus Füssen
5/5
27.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Still und leise mit einem enormen Tiefgang
Bei einer Nominierung für den Deutschen Buchpreis geht man mit einer gewissen Erwartungshaltung an die Lektüre. Meine Erfahrungen haben bisher gezeigt: entweder man verschlingt die Seiten, oder man empfindet es als unlesbar.
Nun, in diesem Fall entwickelt der Roman von der ersten Seite an einen Sog, dem man sich nicht verwehren kann, und schon gar nicht verwehren will. Und das trotz einer Art von Handlungsarmut und einer Trostlosigkeit, die für die Geschichte Programm zu sein scheint. Diese Stimmungen mit wenigen, aber dafür sehr gewählten Worten auszudrücken, ist ganz große Erzählkunst. Die Grundthemen wie Heimat, Selbstfindung oder der eigene Platz im Leben und der Welt, Wünsche und Sehnsüchte sind bereits in so mannigfaltiger Weise in der Welt der Literatur verankert, dass man meinen könnte, dieses Thema sei ausgewrungen wie ein nasser Lappen. Weit gefehlt, denn die Herangehensweise der Autorin finde ich tatsächlich einzigartig und grandios.
Kasimir und Parker „vegetieren“ gemeinsam in einem Haus in Seattle dahin. Die Brüder kommunizieren nach dem Tod ihrer Mutter kaum miteinander, und scheinen auch keine großen Ansprüche an das Leben zu stellen. Damals waren sie mit ihrer Mutter aus Polen in die USA gezogen. Fragen nach dem Verbleib des Vaters blieben unbeantwortet – er komme später mal nach, so die lapidare Antwort der Mutter.
„Kasimir konnte nur denken, nicht sprechen, deshalb hatte er keine Chance gegen seinen Bruder.“
Parker verdient sich das wenige Geld, das für den Unterhalt der beiden nicht reicht, als Fahrer. Kasimir träumt vom Verkauf des Hauses, das nach und nach verfällt und dahin bröckelt wie die Lebenslust der beiden, und davon, was er mit dem Geld alles anstellen könnte. Aber er verlässt das Haus nicht, bleibt ein Gefangener seiner Sozialphobie, deren Ursache in seinen jungen Jahren mit der Mutter, die sich selbst einsperrte, zu suchen ist.
Mitten hinein in dieses Duo platzt Luzia, die Freundin von Parker und wohnt bei den beiden für ein Jahr, um dann einfach ohne ein Wort zu sagen nach Panama zu verschwinden.
Parker macht zur selben Zeit eine ausgedehnte Fahrt über einige Tage mit einem Kunden, bleibt danach lange vom Haus fern. Zurück bleibt wieder einmal mehr Kasimir, der einen Ausbruch in ein Abenteuer wagt. Doch es entwickelt sich anders als vielleicht vermutet …
Die Sprache der Autorin spielt viel mit den Begriffen von „Verlust“. Damit meint sie nicht nur den geographischen Raum, sondern auch die Sprache, den Lebensmut oder ganz einfach ausgedrückt: Verlust von Perspektiven, die das Leben bieten kann.
Die Protagonist*innen sind äußerst feinfühlig gezeichnet, präsentieren sich den Leser*innen wie Figuren aus Glas: durchsichtig und zerbrechlich. Man weiß selbst immer ein wenig mehr als die handelnden Personen. Oft ist man versucht die Handlung aufzuhalten und hinein zu schreien – und so spielt Gesa Olkusz sehr geschickt mit unseren Emotionen, drückt unseren Brustkorb zusammen und impliziert uns mit den programmierten Ausweglosigkeiten der Situation.
Still und leise kommen die Zeilen daher, eigentlich total unspektakulär und mit einem Nachhall eines Donners in den Bergen.
Ganz große Leseempfehlung für dieses literarische Kleinod.
Christopher Bahn
Book Circle Community
5/5
22.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Leises Drama
Ein eindrücklicher Roman über zwei Brüder, die zusammen leben und doch mehr mit sich beschäftigt sind. Erst eine junge Frau reißt sie aus dieser Eintönigkeit heraus und verändert ihr Leben für immer. Die sehr poetische Sprache und die knappe, doch tiefgehende Erzählung haben es mir angetan. Sehr empfehlenswert.
MarieOn
5/5
22.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Einsamkeit in ihrer erbarmungslosesten Form
Parker stellt die Kaffeetasse ab. Kasimir spült Geschirr und beobachtet seinen Bruder aus den Augenwinkeln, ob der noch was essen will. Kasimir ist der Wächter der Speisen. Parker schnappt seine Autoschlüssel und ist mit drei großen Schritten bei der Haustür. Hat Parker ein Lied gepfiffen? Das kann, das darf nicht sein in diesem Haus, in dem die Depression wohnt. Kasimir läuft Parker hinterher, sieht ihn ins Auto einsteigen, die Anlage aufdrehen, davonbrausen. So viel Gleichgültigkeit.
Parker ist dünn geworden, isst kaum noch. Kasimir zieht ihn damit auf. Jetzt hat er das Haus früher als sonst verlassen und Kasimir muss mit der Statistik über Parker pausieren.
Kasimir sollte eigentlich wieder ins Bett gehen, viel zu früh war er aufgestanden um zu sehen, was sein Bruder treibt. Nun, nachdem Luzia Parker verlassen hat, ist Veränderung vielleicht möglich. Die letzte Chance mit dreißig. Ein kleines Appartement Downtown für sie beide, in der Nähe der Chauffeurzentrale, dort wo Parker arbeitet. Vielleicht findet Kasi auch einen Job. Das Kino ist gleich um die Ecke, das kann er schaffen. Er wird hier am Küchentisch auf Parker warten. Nach der Arbeit redet der maulfaule Bruder noch weniger, Kasi wird ihn mit Argumenten bombardieren. Kasi zieht durchs Haus, setzt sich in Luzias Zimmer, im ehemaligen Mutterschlafzimmer, auf das Bett. Er steht auf, stromert durch Parkers Zimmer und verzieht den Mund vor lauter Geschmacklosigkeit.
Als der nächste Tag anbricht, wird Kasi unruhig, weil Parker immer noch abkömmlich ist. Er kann doch unmöglich drei Schichten hintereinander fahren und der Kühlschrank gibt auch nichts mehr her. Kurz durchzuckt Kasi eine schwelende Vision. Er wird doch nicht in die Heimat zurückgegangen sein?
Fazit: Gesa Olkusz ist eine erbarmungslose Geschichte gelungen. Sie führt mich in die Gedanken der vier am Leben verzweifelten Persönlichkeiten. Bis zum Schluss bleibt sie ihrem Ziel treu die tiefe, schmerzende Einsamkeit aller zu zeigen. Da ist Kasimir ein quirliger, zutiefst verunsicherter Mann und seine Soziophobie. Ich sehe Neid, Missgunst, Abscheu, Abhängigkeit und Unzufriedenheit. Kasimir kontrolliert seinen Bruder wie ein ängstlicher Hund. Parker ist der wortkarge, der trotz seines Jobs kaum über die Runden kommt und sich symbiotisch mit seinem Bruder verbunden und für ihn verantwortlich fühlt. Leider verwehrt er Kasimir dadurch jede Entwicklungsmöglichkeit. Luzia, die sich Veränderung wünscht und Parker, der sich nach Sicherheit sehnt, nicht motivieren kann. Und dann ist da noch der absonderliche Fahrgast Parkers, der ihn um einen Spezialgefallen bittet. Die Autorin reißt alle drei aus dem mütterlichen Haus und wirft jeden in eine eigene Handlung. Die Geschichte ist ruhig erzählt und konzentriert sich auf die Charaktere. Das Ende, das ich nicht kommen sah, hat mir Gänsehaut verursacht. Das ist eine ganz besondere, unglaublich gut gemachte Geschichte, die nicht grundlos auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 stand.
Bewertung
aus Villach
5/5
30.07.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Feine, melancholische Geschichte zweier Brüder
Die Brüder Kasimir und Parker sind als Kinder mit ihrer Mutter von Polen nach Amerika ausgewandert. Der Vater ist zurückgeblieben und hinterlässt eine Lücke. Nach der Ankunft hat sich die Mutter bei den Nachbar*innen vorgestellt und sich anschließend vor Erschöpfung ins Bett gelegt, bis zu ihrem Tod. Von Anfang an fühlen sich die Brüder nicht wohl in Amerika, kommen nicht richtig an.
Die beiden bewohnen nach dem Tod der Mutter weiterhin das Haus. Parker verdient als Nachtchauffeur das Geld für beide. Kasimir verlässt das Haus nie - er wartet jeden Tag bis sein Bruder heimkommt und Essen sowie Zigaretten mitbringt. Gespräche zwischen dein beiden gibt es kaum.
Eines Tages zieht Luzia zu den Brüdern. Nach einem Jahr macht sie sich wieder auf und davon. In dieser Nacht kommt auch Parker nicht von seiner Schicht nach Hause.
Jede*r in dieser Geschichte bekommt eine Stimme und erzählt in einem Kapitel seine*ihre Sicht auf die Dinge.
Eine berührende Geschichte über das Suchen nach einem besseren Leben, das nicht gelingt. . Eine Geschichte übers Auswandern, aber nicht richtig ankommen.
Sprachlich brillant, melancholisch und trist. Eine feine Geschichte, die ich gerne ans Herz lege.
Uneingeschränkte Empfehlung von mir!
Chris70
5/5
21.04.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Still und poetisch
Parker und Kasimir kommen mit ihrer Mutter aus Polen in die USA. Während die Söhne versuchen müssen, sich in der neuen Welt zurechtzufinden, entweicht aus der Mutter kontinuierlich jegliche Lebenslust. Allein und nie heimisch geworden, leben die beiden Brüder wie in einer Symbiose zusammen. Auch Luzia, eine vorübergehend dort wohnende Freundin Parkers, kann dies nicht aufbrechen und verschwindet wieder. Während Parker das Haus und das Leben darin unbedingt erhalten will und für einen Auftrag für einige Zeit spurlos verschwindet, entdeckt Kasimir seine innere Aufbruchsstimmung und macht sich auf die Suche nach Luzia und seinen Bruder.
Einen wahren inneren Aufbruch kann man in diesem Roman erleben. Denn vorrangig erfährt man das Innenleben beider so verschiedener Brüder. Dies wird so gefühlvoll, nah und empfindsam formuliert, dass es mir sehr zu Herzen ging. Die Sprache ist still, melancholisch und poetisch. Der Schreibstil ist flüssig, authentisch und nachvollziehbar. Der Roman hat kein wirkliches Ende, keine Antworten auf Fragen. Das macht es einerseits auch etwas Bedrückend. Mich persönlich hat es sehr berührt und noch länger darüber nachdenken lassen.
Von mir eine absolute Leseempfehlung!
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3/5
16.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwei gestrandete Brüder
Kasimir und Parker sind in Polen geboren, wohnen aber seit ihrer Kindheit mit ihrer Mutter in den USA. Nach ihrer Immigration hat die Mutter sich komplett zurückgezogen, die Brüder waren quasi auf sich allein gestellt. Als eine junge Frau bei den beiden einzieht, ändert sich alles, und dann ändert sich alles erneut, als besagte junge Frau plötzlich wieder verschwindet. Die beiden Brüder haben sehr unterschiedliche Wege, wie sie mit ihrem Leben und ihren Traumata umgehen, die Geschichte ist auch sehr schön geschrieben, nur leider bin ich den Charakteren nicht wirklich nahe gekommen, was aber wahrscheinlich auch der Kürze des werks geschuldet ist. Trotzdem ein sehr berührender, wenn auch sehr nüchterner Roman.
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