Westdeutsche Provinz in den neunziger Jahren: Fertighäuser auf der einen, traditionelle Höfe auf der anderen Seite des Dorfes. Ein Sportplatz, eine Gastwirtschaft, ein Bäcker, eine Buswendeschleife. Und: ein Versicherungsbüro. Die Ich-Erzählerin in Kathrin Bachs Prosadebüt wird in eine Kaufmannsfamilie hineingeboren. Ihre Eltern führen fort, was die Großväter nach dem Krieg in die aufstrebenden Dörfer brachten: den Verkauf von Versicherungen. Mit dem Geschäft zieht bescheidener Wohlstand ein – aber auch eine über allem schwebende Angst. Denn die nächste Katastrophe ist immer nur einen Anruf entfernt.
In Kathrin Bachs „Lebensversicherung“ fügen sich Erinnerungen, Bilder und Listen zu einer tragikomischen Familiengeschichte zusammen. Sie erzählt von der so deutschen Sehnsucht nach Sicherheit – und der Erfahrung, dass man sich von Risiken und Gefahren nicht freikaufen kann. Von einem Milieu, in dem Zeit Geld ist und Freiheit sich auf zwei Wochen Urlaub im Jahr beschränkt. Und von einer Protagonistin, die sich ihren Ängsten stellt, um sich schreibend ihrer Lebendigkeit zu
versichern.
Kundinnen und Kunden meinen
3.5/5.0
Jadi
aus Montabaur
5/5
29.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Humorvoll, poetisch und mitreißend!
. Hast du Lust auf eine Lebensgeschichte mal anders erzählt?
Dann solltest du „Lebensversicherung“ unbedingt lesen!
Eine Familiengeschichte in Form eines Fragebogens.
Originell und humorvoll bearbeitet Bach das ewige Bestreben nach Sicherheit und die Auswirkungen von permanenter Angst.
. Aber worum geht es genau…
Westdeutsche Provinz in den neunziger Jahren!
Ein typisch deutsches Dorf in das unsere Ich- Erzählerin in eine Versicherungsvertreterfamilie in zweiter Generation hineingeboren wird.
So ist das Leben der Erzählerin von Wohlstand, aber auch ständiger Angst vor der nächsten Unglück geprägt.
. In „Lebensversicherung“ begleiten wir die Ich- Erzählerin durch die Geschichte, wobei diese nicht in einem klassischen Text geschrieben ist, sondern in einer Art Fragebogen passend zu den verschiedenen Versicherungen, die man abschließen sollte um vermeintliche Sicherheit im Leben zu haben. Ebenso erzählt „Lebensversicherung“ von der ständigen Angst, die über Generationen weitergegeben wird. Vor allem, wenn man wie unsere Protagonistin in der zweiten Generation einer Familie aufwächst in der wirklich jeder Versicherungen verkauft.
So erhalten wir als Leser einen Einblick, wie es ist mit ständiger Angst vor dem großen Notfall zu leben und wie es ist, wenn er dann wirklich eintritt.
Humorvoll, poetisch und mitreißend nimmt uns Bach mit in eine kleine idyllische Dorfgemeinschaft und schafft trotz allem ein Buch, das für die Lust am Leben spricht. So erscheint es mir zumindest. Lasst euch nicht von den Ängsten euren Liebsten leiten…. lasst euch nicht nur von euren Ängsten leiten….
Genießt das Leben! Das Drama kommt so oder so… man kann sich nicht vor allem schützen! Leben bedeutet,das immer ein kleines Restrisiko mitschwingt!
Dieses Buch hat zwar nicht den Buchpreis gewonnen…
nichtsdestotrotz ist es grandios und sehr lesenswert!
Christopher Bahn
Book Circle Community
5/5
08.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Keine Sicherheit
Ein tolles Buch über eine junge Frau, die in der westdeutschen Provinz als Versicherungsmaklerin arbeitet. Besonders gefallen hat mir die Aufteilung der Kapitel nach einzelnen Versicherungsarten, die erst beschrieben und dann anhand einer konkreten Geschichte erzählt werden. Eine gute Lektüre mit Tiefgang. Sehr empfehlenswert.
Eternal-Hope
aus Österreich
4/5
25.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Annäherung an Angst & Absicherung
"Lebensversicherung" von Kathrin Bach ist für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert worden. Auf dieser Liste landen oft Bücher, die auf die eine oder andere Art außergewöhnlich sind. Dieses hebt sich insbesondere durch seinen Schreibstil von anderen Werken ab. Das ganze Buch besteht aus vielen Minikapiteln, die meist nicht länger als eine Seite sind und sich mit Fragen wie "Wie das Dorf aussieht, in dem ich aufgewachsen bin", "Wo ich nach dem Kindergarten zu Mittag esse", "Was wir sonntags oft machen", "Warum man eine Rechtsschutzversicherung braucht" oder auch "(Versuchte) Suizide im Neubaugebiet" befassen.
An diesen Kapitelüberschriften sieht man schon: das Buch ist insgesamt sehr tagebuchartig aufgebaut und so ist auch der Schreibstil, z.B. "Wir sitzen im großen Auto meiner Eltern und fahren eine Straße unseres Dorfes runter und meine Eltern zeigen plötzlich auf ein Haus. Da habe der soundso gewohnt. Der hat sich letztens umgebracht. Wie denn? frage ich. Das Haus liegt dunkel da, ein Rollladen ist komplett heruntergelassen, der andere nur fast. Ich sitze vorn, meine Mutter hinten, mein Vater fährt mein Vater spricht so leise, dass meine Mutter ihn hinten nicht richtig versteht. Gift, sagt mein Vater. Und meine Mutter im gleichen Atemzug: Gas." (S. 203)
Dieser vermutlich bewusst so gewählte Schreibstil lässt einen sich beim Lesen der Ich-Erzählerin nahe fühlen. Wir erleben das spezielle Milieu, in dem sie aufgewachsen ist und das sie so geprägt hat, direkt mit. Die Eltern, die beide als Versicherungsvertreter arbeiten, wie auch schon die Großeltern. Absicherung als großes Thema im Dorf, in dem über 90 Prozent der Einwohner bei dieser Versicherungsvertreterfamilie versichert sind. Es ist ein konservatives, enges Milieu, voll von dem Wunsch nach vermeintlicher Absicherung, die doch nie ganz möglich ist und mit noch so viel Geld keinen vorzeitigen Tod verhindern kann.
Zwischendrin sind auf durchaus amüsante Art und Weise die Reklametexte für die diversen Versicherungen eingebaut, z.B. "Den Unterschied zwischen gesetzlich und privat spüren Sie vor allem auch im Krankenhaus. Mit einer Zusatzversicherung können die Leistungenabgesichert werden, die gewünscht, aber nicht medizinisch notwendig sind. Eine stationäre Krankenzusatzversicherung übernimmt oder beteiligt sich an den Zuzahlungen für Gesundheitsmaßnahmen im Krankenhaus. Sei es die Unterbringung in einem Einbettzimmer oder die Chefarztbehandlung." (S. 161)
Tode gibt es so einige, die geschildert werden, das können auch noch so viele Versicherungen nicht verhindern: ob der über 80-jährige Opa, der im Luxusurlaub im Meer plötzlich einen Herzstillstand erleidet oder der gerade mal etwas über 50-jährige kleinwüchsige Onkel, der nach Corona an Multiorganversagen stirbt. Mittendrin die Ich-Erzählerin, als Kind oft von Erbrechen und von Ängsten geplagt, immer heimlich viele Medikamente für jeden Notfall parat habend... und doch findet sie dann den Mut, als Autorin und Künstlerin ein relativ wenig abgesichertes Leben zu wählen.
Das Buch liest sich aufgrund seiner Kürze, der Knappheit der Kapitel und des Schreibstils schnell und leicht, regt dabei aber tiefgründig zum Nachdenken darüber an, was Sicherheit und Absicherung überhaupt bedeuten, welchen Preis es mit sich bringt, alles absichern zu wollen und was es bedeutet, das eigene Leben zu wagen.
Lesens_werte
4/5
05.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sicherungsbedürfnis
Wenn die Eltern und vorher schon die Großeltern Versicherungsvertreter waren, kann es durchaus sein, dass man ein gesteigertes Bedürfnis an (Ver-)Sicherung hat. Zumindest geht es der namenlosen Erzählerin so. Für sie gibt es zwei Kategorien im Ort: die Dinge und Menschen, die bei ihnen versichert sind und die, die es nicht sind.
"Lebensversicherung" lässt seine Leser auf eine außergewöhnliche Art am Leben der Erzählerin teilhaben. In kurzen, fast Tagebucheintrag-ähnlichen Texten, wird angefangen bei der Kindheit ein ganzes Leben aufgerollt, gemessen und verglichen mit Versicherungen. Schon früh im Buch kommt deutlich zum Ausdruck, dass die Erzählerin von Ängsten begleitet wird, am ehesten im Sinne einer Angst vor Verlust, Unfällen und Krankheiten. Glücklicherweise gibt es für fast alles eine Versicherung, die somit ihre Daseinsberechtigung findet. Doch anstatt dass mit jeder neu abgeschlossenen Versicherung auch ein Gefühl der Sicherheit eintritt, scheint sich dieser Absicherungszwang immer mehr zu steigern. "Lebensversicherung" ist ein von Autorin Kathrin Bach klug umgesetztes Werk, das in seinem Schreib- und Druckstil mit unüblichen Mitteln arbeitet, um seine Botschaft zu unterstreichen und damit zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 gelandet.
Bewertung
4/5
31.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein ganz besonderes, anderes Buch
Dieses Buch ist zu recht für den Buchpreis 2025 nominiert.
Es ist anders. Besonders. Nicht nur der Inhalt, sondern auch alles andere in diesem Buch. Deshalb würde es den Preis auf jeden Fall verdienen.
"Ich bin 3 Jahre alt und am meisten Angst habe ich davor, dass alle sterben. Ich bin neun jähre alt und am meisten Angst habe ich davor, dass alle sterben. Ich bin 18 Jahre alt und am meisten Angst habe ich davor, dass alle sterben. Ich bin 34 Jahre alt und am meisten Angst habe ich davor, dass alle sterben." S. 155
Hauptprotagonistin im Buch ist eine junge Frau. Eine Frau mit Angststörung. Ausgelöst durch die Eltern, diese machen mit der Angst der anderen Geld. Sie verkaufen Versicherungen.
"Immer wenn meine Mutter in meiner Kindheit das Haus verlässt und mit dem Auto wegfährt, sage ich: Pass auf dich auf, fahr vorsichtig. Ich hänge die Wörter so dicht aneinander, dass sie wie ein einzelnes klingen: passaufdichauffahrvorsichtig. Ich darf nicht vergessen es zusagen, sonst passiert meiner Mutter etwas." S. 144
Was bei mir hängen blieb ist, dass man sich nicht gegen alles versichern kann, dass ein Restrisiko bleibt. Da auch in meinem Leben verschiedenen Ängste eine Rollen spielten (und immer noch spielen), hat mich die Autorin sehr zum nachdenken angeregt. Dieses Buch ist so anders, kühl und dennoch intensiv. Kurz und prägnant und dennoch so viel aussagend. Es ist so viel mehr im Buch, als in Worten verfasst wurde. Es ist definitiv ein Kandidat für den Buchpreis 2025.
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4/5
16.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Versicherung für alles
Die Eltern verkaufen Versicherungen, quasi das ganze Dorf ist bei ihnen versichert. Die Tochter wächst im Wissen über alles Schlimme auf, was ihren Mitmenschen passiert und entwickelt eine furchtbare Angst. In ihrer Welt ist Zeit Geld, und mit Geld kann man sich Freiheit erkaufen - in Form eines zweiwöchigen Urlaubs. "Lebensversicherung" ist ein unkonventioneller Roman, vor jedem Kapitel wird eine bestimmte Art der Versicherung definiert und die sehr kurzen Kapitel sind teilweise mehr Listicle als erzählender Fließtext. Aufgrund dieser ungewöhnlichen Form hatte ich wahnsinnig viel Spaß am Lesen der Erzählung, obwohl der Roman ein sehr ernstes Thema behandelt.
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