Jonas Heidbrink, ein Erfolgsmensch. Schon vor dem dreißigsten hat er sein Start-up versilbert; arbeiten muss er sein Leben lang nicht mehr. Aber es geht Heidbrink nicht gut, überhaupt nicht. Und so fährt er eines kalten Januartages los Richtung Osten, in die mecklenburgische Einöde, wo inmitten von Sümpfen ein schlossartiger Bau emporragt: das Sanatorium. Alles ausgesprochen nobel, aber eben doch: Klinik, für Menschen mit dem einen oder anderen Knacks. Schnell ist Heidbrink in das Korsett von Visiten und Anwendungen eingepackt, muss er sich entscheiden, ob er im Speisesaal seiner Misanthropie folgen oder Anschluss finden will. Die Menschen hier, Ärzte, Schwestern, Patienten, sind ihm fremd, doch bald sind sie seine Welt. Nur scheint die Klinik wirtschaftlich nicht rundzulaufen. Ein Nebengebäude wird geschlossen, das Personal reduziert sich, man munkelt, in der Küche werde nur noch Convenience Food in der Mikrowelle aufgewärmt. Und so reiht sich ein Monat an den anderen - bis es in den Sümpfen zu einem rätselhaften Unglücksfall kommt.
Kundinnen und Kunden meinen
3.4/5.0
Eliza
5/5
19.01.2025
Hörbuch-Download (MP3)
Schöne Hommage an den Zauberberg
Eine sehr süffisante und kraftvolle Hommage an den Zauberberg von Thomas Mann, die mir sehr gut gefallen hat. Sehr intensiv, einprägsam und charakterbeschreibend erzählt der Autor die Erlebnisse von Jonas Heidbrink, der versucht in einem Sanatorium im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Sehr eindrucksvoll beschreibt der Autor die Erlebnisse und Ereignisse zwischen Heidbrink, den Heimbewohnern und den dortigen Bediensteten. Dabei schafft er es immer wieder ernsten Themen eine süffisante Untermalung hinzuzufügen. Ich habe mich köstlich amüsiert. Auch die sehr detailreiche Beschreibung von Charakteren und der Umgebung haben mein Kopfkino enorm bereichert. Dabei schafft es der Autor banale Verhaltensweisen der handelnden Figuren eher wie ein Feuerwerk, als eine Erzählung wirken zu lassen. Der Autor spricht das Hörbuch selbst und man merkt, wie viel Spaß er selbst an der Geschichte hat. Ein großartiges Hörerlebnis mit der Prämisse, dass dies nicht das letzte Buch von diesem Autor sein wird, was ich mir genehmigen werde.
Bewertung
5/5
30.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dreimal gut.
Heinz Strunk ist Heinz Strunk. Ich hab das Buch dreimal gelesen und werde es wahrscheinlich ein viertes Mal tun.
Vergleiche zwischen dem Original Zauberberg von Thomas Mann und dem Werk von Heinz Strunk verbieten sich.
MarieOn
5/5
23.12.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gewohnt bissig und gewürzt mit kleinen Dramen
Heidbrink ist schlaflos. Im Grunde braucht er sich keine Sorgen zu machen. Der Verkaufserlös aus seiner Erfindung hat ihm ein feines Sümmchen eingebracht. Während er todmüde/hellwach den bekannten nächtlichen Juckreiz überwindet und sich bäuchlings tief in die Matratze gräbt, kommt ihm ungebeten das Wort Betriebskörperschaft in den Sinn. Und aus hellwach wird glockenhellwach.
Fünf Stunden Überland, dann kommt das Schlösschen in Sicht, unübersehbar, weil es weit und breit nichts gibt. Als sich zu der Schlaflosigkeit Weinkrämpfe gesellten, musste Heidbrink etwas unternehmen. Jetzt hat er sich für vier Wochen in ein Sanatorium in der Uckermark eingemietet. Kost und Logis vom Feinsten, verspricht die Internetpräsenz und noch dazu fähige Ärzte, die sich seines kleinen Spleens annehmen.
Schwester Irene nimmt ihn in Empfang und er könnte sich kaum besser aufgehoben fühlen. Man sieht vor, dass er sich im großen Speisesaal gütlich tut, bevor ein Erstgespräch stattfindet, doch das würde er zu gerne vorziehen, sein Magen ist noch vom Avokadosandwitch gefüllt. Er wird an einen Sechsertisch geführt, an dem außer ihm nur ein weiterer Herr sitzt, der pampig grüßt und in sein Handy glotzt.
Warum er hier ist, fragt Dr. Reuter, behandelnder Psychiater. Auf den Kopf stellt ihn Börner, Allgemeinmediziner und findet auch sogleich eine melanomverdächtige Hautveränderung und eine sehr wahrscheinlich tumorös veränderte linke Niere. Heidbrink ist wirklich froh, hier zu sein.
Fazit: Heinz Strunk hat es wieder getan. Mit großem Zynismus blickt er auf seine Mitmenschen. Schickt seinen wohlstandsverwöhnten Protagonisten in ein Sanatorium à la Thomas Mann. Man kümmert sich um seine Bedürfnisse und nimmt ihn wahr. Hier bekommt sein eigentlich sinnloses, einsames Leben einen neuen Reiz. Hier gilt er etwas. Der Tag ist getaktet mit regelmäßigen Essenszeiten, Vitalwertkontrollen, Einzel- und Gruppentherapien, Musik-und Tanztherapien, Fototherapien und Kulturabenden. Bei Heinz Strunk ist niemand einfach nur unsicher in sozial fremder Gesellschaft. Nein, bei ihm wird die Jugend ersinnt, das individuelle Anderssein konterkariert vom starken Gefühl dazugehören zu wollen, bis jeder Leserin klar wird, wie beschissen sich der Protagonist fühlt. Ich mag die bissigen Zuschreibungen von fleckiger, zu heller Haut, Mundgeruch und Schleimabsonderungen. Strunk schreibt sehr genau und ausgiebig über Männer, zeigt, wie sie aussehen, riechen, denken, welche Ängste und Nöte sie umtreiben, macht sie nahbar und weckt Mitgefühl mit den „alten weißen Männern“. In diesem Setting treffen sie alle aufeinander, die, die ihre Macken gepflegt haben und sich eine solche Rundumbehandlung leisten können. Ich bin ein großer Fan von Heinz Strunks ironischer Betrachtungsweise und seiner Gabe, kleine Dramen zu produzieren.
drawe
aus Landau
5/5
09.12.2024
Hörbuch (Audio)
Absurditäten des Lebens
1914 wurde Thomas Manns „Der Zauberberg“ veröffentlicht, und 100 Jahre später erweist u. a. auch Strunk dem Meister seine Reverenz. Er hat seinen Zauberberg sehr genau gelesen, die Parallelen, teilweise auch Übernahmen sind deutlich. Man muss allerdings „Zauberberg 1“ nicht kennen, um trotzdem Strunks Roman zu folgen.
Strunk versetzt die Handlung kompromisslos in die Gegenwart und bedient damit wie Thomas Mann das Genre des Zeitromana. Das Sanatorium liegt an der polnischen Grenze, isoliert und fernab jedes menschlichen Getümmels, wie gehabt, und die Patienten sind nicht lungenkrank, sondern leiden an psychischen Problemen. Jonas Heidbrink, der Protagonist, begibt sich freiwillig dorthin und wird, wie Hans Castorp, im Lauf der Zeit von der Klinik aufgesogen, die Zeit verliert ihre Bedeutung, und die Außenwelt versinkt.
Der Klinikalltag ist eintönig und wird von merkwürdigen Behandlungen strukturiert, und hier zeigt sich schon Strunks Freude an der Übertreibung, am Sarkasmus oder auch an der ironischen Brechung seiner Vorlage. Auch die Mitpatienten sind ein Reigen skurriler Gestalten, jeder für sich isoliert, von Weltschmerz gebeutelt. Sehr originell fand ich die Figur des Mitpatienten Zeissner, mit dem Strunk die Figuren Settembrini und Naphta karikiert. Strunk lässt diesen Alles-Erklärer seine nur vordergründig philosophisch eingefärbten Monologe führen, die niemlas zum Ende und auch niemals zum Punkt kommen. Seine Sentenzen erinnern an billige Kalendersprüche und verstecken ihre Oberflächlichkeit hinter einem anspruchsvollen Vokabular.
Und Strunk wäre nicht Strunk, wenn es nicht gelegentlich auch eklig zuginge.
Strunks Beobachtungsgabe ist so scharf wie sein Vokabular. Sein Blick auf seine Mitmenschen ist provokant, zugleich unbestechlich und ironisch bis hin zum Zynismus, aber zugleich sieht er auch das Menschliche in seinen Figuren. Diese eigenartige Mischung aus Mis- und Philanthropie zeigt sich auch in seinem unglaublichen Sprachwitz, der nie nur für sich dasteht, sondern immer verbunden ist mit einer Erkenntnis von Absurditäten des Lebens.
Das Hörbuch wird vom Autor selbst eingelesen. Strunks Lesung ist nicht mit der geschulten Stimme eines Schauspielers zu vergleichen; er haspelt und verhustet sich auch gelegentlich, aber das alles macht sein temporeiches Vorlesen sehr authentisch und letztlich zu einem Vergnügen.
4,5/5*
yellowdog
4/5
28.11.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Sound des Heinz Strunk
Heinz Strunk ist ein Phänomen in der deutschen Literatur. Zwischen seinem Mix aus Comedy und Anspruch traut er sich alles zu. Jetzt sogar Thomas Manns Zauberberg, ein ehrfurchteinflößendes Werk.
Darin gerät ein Mann in die Faszination eines Kurbetriebs und bleibt jahrelang in Davos.
Bei Heinz Strunk geht es erst einmal etwas schlichter zu. Der Protagonist, Jonas Heidbrink, begibt sich auch auf eine Kur, aber nicht auf Davos.
Dennoch ist die Klinik eine kleine abgeschlossene Gesellschaft für sich. Aber Patienten kommen, Patienten gehen. Jonas fällt es anfangs nicht leicht, sich einzuleben.
Jonas ist ein typischer Strunk-Charakter. Eigentlich intelligent, ist er teilweise auch verpeilt.
Seien Gedankengänge sind für den Leser amüsant. Heinz Strunk arbeitet die Peinlichkeiten des alltäglichen Lebens klar heraus. Das gilt auch für die Absurditäten des Alltags.
Manche Passagen sind zwar gut gemacht, doch oft wirkt Jonas in seinen Gedankengängen zu schlicht. Das wundert mich, da er doch so ein erfolgreicher Mann ist.
Einige gute Formulierungen in Zauberberg 2 bleiben hängen, doch was Thomas Mann bot, kann Strunk nicht liefern. Es fehlt an Komplexität, die Dialoge sind zu schlicht, die Nebenfiguren zu eindimensional.
Irgendwie macht Strunk dann doch zu wenig aus dem Stoff. Seine letzten Romane Es ist immer so schön mit dir und Ein Sommer in Niendorf sowie seine Kurzprosa hatten mich mehr überzeugt.
Aber der typische Heinz Strunk-Sound ist da und deshalb lohnt es sich, den Zauberberg 2 zu lesen.
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4/5
12.12.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Es menschelt meisterhaft.
Strunk hält, was Strunk verspricht. "Zauberberg 2" ist ein Muss und Vergnügen für all jene, die Strunk in all seiner literarischen Eigenart schätzen, insbesondere in seinem unerbittlich schräg-humorvollen Wühlen im allzu Menschlichen – inklusive einer großen Portion bissiger Systemkritik (hier: Gesundheitssystemkritik), versteht sich. Aber auch in seinem fast liebevollen Ausharren an der Seite seiner Figuren. Wen er sich einmal vorgeknöpft hat, dem weicht Strunk nicht von der Seite, schaut auch dann nicht weg, wenn Menschliches weh tut, gruselt, ekelt, auch langweilt. Mit Hingabe lässt Strunk irgendwo im ostdeutschen Nirgendwo ein Kuriositätenkabinett auflaufen, das sich hinter dem des titelgebenden Klassikers nicht zu verstecken braucht. Ja, es menschelt meisterhaft im "Sanatorium", bei Strunk allerdings nicht für Lungen-, sondern (in zeitgemäßer Aktualisierung) für Nervenleiden. Und wie im Mann’schen "Zauberberg" folgt der Leser nun auch Strunks Protagonisten Jonas durch end- und bald zeitlose Kliniktage: Vitalwerte, Mahlzeiten, Gesprächstherapien, Ergotherapie, Progressive Muskelrelaxation… Der Autor kennt sich aus. Doch worum geht es eigentlich? Glücklicherweise – so viel sei verraten – nicht um eine 'objektive' Einschätzung Psychiatrischen Klinikalltags mit ihren Chancen und Risiken! Dies ist kein Buch über Menschen in einer Psychiatrischen Klinik. Dies ist ein Buch über Menschen. Wie auch Thomas Mann nutzt Strunk gekonnt die Parallelwelt des Sanatoriums als Brennglas, um dem Menschen selbst auf die Schliche zu kommen. Genau hierin zeigt sich für mich die eigentliche Schnittmenge der beiden "Zauberberge". Und das macht Strunks "Zauberberg 2" in meinen Augen zu einer richtig guten Lektüre und zu weit mehr als einer unterhaltsamen Reminiszenz. Egal, ob Patient, Personal, Arzt, Therapeut: Am Ende sind sie alle Mensch. Spielerisch leicht gelingt es Strunk gerade in der Überzeichnung, in der Groteske, im scheinbar Nicht-Normalen die ganz normale Tragikomödie des Lebens, in ihren Banalitäten und Kuriositäten zu offenbaren. Die leidvolle, geteilte Erfahrung: Hier (Leben) kommt keiner heil rein noch heil raus. Apropos "Rauskommen": Das Ende ist besonders gut. Sehr im Zauberberg’schen Sinne und zugleich auf der Höhe des 21. Jahrhunderts. Wer sich lieber vorlesen lässt, dem kann ich auch das Hörbuch wärmstens empfehlen: Strunk liest Strunk - ein Riesenspaß!
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3/5
30.12.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kein Zauber, kein Berg und dennoch eine Hommage an Thomas Mann mit viel trockenem Humor
Im Mittelpunkt des Romans steht Protagonist Jonas Heidbrink, der sich selbst zu Beginn in eine private, luxuriöse psychiatrische Einrichtung mit Blick auf einen Sumpf einwiesen lässt. Während seines Aufenthalts hat er Schwierigkeiten, mit neuen Menschen in Kontakt zu treten, lässt die Therapiesitzungen über sich ergehen und reflektiert über sein Leben, das eigentlich als recht unkompliziert erscheinen sollte.
Einerseits richtet sich der Roman an Thomas Mann-Anhänger, da Strunk dem „Zauberberg“ eine moderne Interpretation verleiht. Die Absurdität der Therapien sowie die Menschen, die in ihrem eigenen Unglück gefangen sind, werden mit einem ganz eigenen, sehr trockenen Humor dargestellt. Während der Protagonist die Absurdität der Leiden seiner Mitpatient:innen in seinen Gedanken kommentiert, bleibt ihm jedoch oft die Einsicht über die eigene Verantwortung für sein Leid verwehrt. Dadurch gerät er in eine gedankliche Sackgasse und schließt sich selbst die Optionen für mögliche Fortschritte und damit auch für Glück aus.
Andererseits empfand ich „Zauberberg 2“ als eigenständiges Werk gelegentlich als langatmig. Der Roman besteht vornehmlich aus den Grübelgedanken eines depressiven Charakters zwischen und während den Therapiesitzungen. Die Leiden der Patient:innen erscheinen oft als selbstverschuldet, und die Therapiesitzungen wirken wie esoterische Veranstaltungen, die wenig bewirken, abgesehen von gut bezahlten Arbeitsplätzen. Meiner Meinung nach sollte im Jahr 2024 ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Thema psychische Gesundheit gefordert sein.
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