Über Mütter und Töchter. Und die Freiheit einer Frau. Wie ein Wiegenlied erzählt Maria Pourchet eine ebenso mitreißende wie provokante Geschichte, die in ihrer schonungslosen Klarheit an Annie Ernaux erinnert. »Atemberaubend!« Libération
Schon vor Jahren ist Marie aus der Provinz nach Paris gezogen. Hat ihr kleinbürgerliches, konservatives Elternhaus hinter sich gelassen. Sie ist klug, frei, ungebunden. Als sie mit 35 Jahren schwanger wird, beschließt sie, das Kind allein großzuziehen. Wenige Stunden nach der Geburt blickt sie auf die Wiege ihrer kleinen Tochter – und wie ein Film läuft vor Maries Augen ihr eigenes Leben ab. Die Kindheit und Jugend in einer Kleinstadt in den Vogesen. Die komplizierte Beziehung zu ihrer eigenen Mutter. Das Gefühl, nicht wirklich geliebt zu werden, wenn sie, wie so oft, nach Schulschluss vergebens auf ihre Mutter wartete. Später dann die Verbote und Mahnungen, sich unterzuordnen. Kann es sein, fragt sich Marie nun, dass Frauen zu ihrer eigenen Unterdrückung beitragen?
»Maria Pourchet erzählt davon, was Frauen allzu oft von Generation zu Generation weitergeben: Selbsthass, Unterwerfung und die Hinnahme der vermeintlichen Überlegenheit des Mannes.« Marie Claire
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Die Geschichte der ungebundenen Frauen ist noch sehr kurz — plaidoyer pour la liberté des femmes
Isa.Literature.Love aus Hamburg am 11.09.2024
Bewertungsnummer: 2290138
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
»Adèle, beteilige dich nicht an deiner eigenen Unterdrückung. Ich werde dir nichts Universelleres beibringen können.« (S.107)
Marie liegt nach der Geburt ihrer Tochter Adèle im Krankenhaus. Die promovierte, gewollt-alleinerziehende Parisienne verschönt nichts an der Geburt und vergleicht das Gefühl ihres Körpers danach mit dem Beginn des Weltuntergangs. In dieser Situation beginnt sie ihre Tochter in Gedanken anzusprechen und schreibt ein Buch über ihre Reflexion der Situation, ihrer eigenen Tochter-Mutter-Beziehung, dem Frausein und den damit verbundenen Erwartungen, Anforderungen, Unzulänglichkeiten, Grenzen, Anfeindungen statt Schwesternschaft unter Frauen.
Marie befreit sich mit dieser Brandrede selbst aus der toxischen Beziehung mit ihrer (narzisstischen) Mutter, deren Ansprüchen sie seit ihrer Kindheit nie gerecht werden konnte und dem damit verbundenen Erbe, das sie als Mutter nicht antreten möchte. Die Protagonistin sieht ihre Mutter durchaus als Kind ihrer Zeit und der patriarchalen Sozialisierung, aber hält dem entgegen, dass wir uns entscheiden können, was wir daraus machen. Sie verzeiht ihrer Mutter nicht, aber bringt Verständnis für diese Frau auf. Für Adèle wünscht sie sich andere Chancen und Liebe, wohl bewusst, dass sie einen Teil dazu beitragen kann. Und das tut sie. Im Schreiben findet sie ihre Ausflucht, ihre Rettung, ihre Ruhe.
»Alle ausser dir« von Maria Pourchet ist ein eindrücklicher, flammender, großartiger Roman, der das Patrichariat und unsere Sozialisierung kritisiert, aber dabei aufzeigt, wofür es sich zu kämpfen lohnt: Die Freiheit der Frauen. Es steht so viel zwischen den Zeilen, dass maus das schmale Buch direkt wieder von vorne lesen kann. Großartig ist der anklagende, wütende, zärtliche und reflektierende Schreibstil, das Auseinandernehmen der internalisierten, toxischen Glaubenssätze (kursiv geschrieben) und die Message dieses Romans ist einfach großartig
»Hör gut zu, Adèle. Die Geschichte der ungebundenen Frauen ist noch sehr kurz. Halte sie gut fest, deine Freiheit.« (S.169) ❤️
Beaucoup d'amour pour ce roman féministe und ganz grosse Leseempfehlung
BTW: Wie schön ist bitte das Cover?
Gelungene Befreiung aus prägender Mutter - Tochter Beziehung
MarieOn am 03.09.2024
Bewertungsnummer: 2283015
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Marie lebt in Paris. Ihr Elternhaus in den Vogesen hat sie längst hinter sich gelassen, ihr Studium abgeschlossen und ihren Doktor gemacht. Sie ist fünfunddreißig, hat gerade entbunden und sich entschlossen, die kleine Adèle allein großzuziehen. Die Erste, die Marie nach der Geburt anruft, ist ihre Mutter. Nach zehn Stunden Schmerz, Blutungen und einer nicht wirkenden Periduralanästhesie wirft die Mutter ihr vor, sie habe sich nicht gründlich genug auf die Geburt vorbereitet.
Sie wartete vor der Schule auf ihre Mutter, ganze Abende auf Männer, auf Antworten und am Tag der Geburt, auf die Pille, die ihr die Spannung aus der Brust nehmen soll. Das Warten hat sie gelernt.
Marie kann sich an keine Umarmung erinnern, aber vernünftig war die Mutter in ihren Verboten: kein Fernsehen, keine Barbie, keine Bluejeans, keinen Zucker, kein Mehl, keinen weißen Reis, alles zum Besten des Kindes, das sich nach Kohlehydraten verzehrte.
Als sie mit der Mutter durch die Stadt ging, schaute ein Mann, im Alter ihres Vaters sie an. Die Mutter ohrfeigte sie, alle blieben stehen, blickten auf die Szene.
Das soll dir eine Lehre sein, mit wildfremden Männern zu flirten. S. 100
Nicht mir galt die Ohrfeige, die dafür sorgte, dass sie zehn Jahre lang den Blick vor Männern senkte. Sie war einfach die Erstbeste, die sie stellvertretend für alle gutbürgerlichen Frauen dieser Stadt in Empfang nehmen musste, für all jene, die, stolz und hochnäsig, meine Mutter am Rand hatten stehen lassen. S. 102
Fazit: Maria Pourchet beschreibt eine verheerende Kindheit. Ihre Protagonistin setzt sich im Krankenhaus mit den Demütigungen auseinander. Der Rahmen ist passend, weil es auch hier unterschwellige Vorhaltungen hagelt. Tausend Worte fallen ihr rückblickend ein, die ihr das Gefühl gaben wertlos zu sein. Die sie geprägt haben, so wie ihre Mutter von der eigenen Mutter gebrieft wurde. Maries Mutter hat alle eigenen Selbstzweifel und das Gefühl der Unzulänglichkeit schonungslos, wie Gift in die Tochter sickern lassen. Die Tochter, nun selbst Mutter geworden, will ihr Erbe durchbrechen, ihrer Tochter neue Chancen für den eigenen Lebensweg mitgeben und muss deswegen in die schmerzliche Innenschau. Die Sprache der Autorin ist bewusst anklagend. Sie lässt ihre Protagonistin zurückgeben, was sie selbst erdulden musste. Am Ende wird die Geschichte versöhnlich, der Knoten ist gelöst, Marie spürt Luft in sich aufsteigen, wo vorher kein Raum war. Eine überaus kluge, gelungene Beschreibung einer Befreiung aus einer vergifteten Mutter – Tochterbeziehung.
Meinung aus der Buchhandlung
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Die 35-jährige Marie liegt nach der Entbindung im Krankenhaus und lässt ihr bisheriges Leben Revue passieren. In einem Brief an ihre Tochter erzählt sie von ihrer eigenen Kindheit, ihrer schwierigen Beziehung zur Mutter, die sie bis heute prägt. Sie sinniert über den Selbsthass und den Hass auf das eigene Geschlecht, der von Generation zu Generation an die Töchter weitergegeben wird, über den Teil, den Frauen zu ihrer eigenen Unterdrückung beitragen, und schwört sich, es besser zu machen. Ein poetisches, starkes Buch, das aufzeigt, wie nah Hass und Liebe in Mutter-Tochter-Beziehungen liegen.
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