Januar 1956: Siebzehn Jahre nachdem Mascha Kaléko Nazi-Deutschland in letzter Minute verlassen hat, kehrt sie zurück. Sie fährt nach Berlin, in die Stadt, in der sie glücklich gewesen war, in der sie als Dichterin erfolgreich geworden ist, und durch das ganze Land, ein ganzes Jahr lang. Fast täglich schickt sie Briefe an ihren Mann nach New York, und erzählt – von märchenhaften Erfolgen, von einem alten, neuen Land. Volker Weidermann schreibt über ein einzelnes Jahr und zeigt darin ein ganzes deutsch-jüdisches Leben. Es ist die Geschichte einer Dichterin, in deren Humor, Esprit und Melancholie wir uns selbst erkennen können.
Ungekürzte Lesung mit Ulrich Matthes, Maria Schrader 1 mp3-CD | ca. 5 h 11 min
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Die Wiederentdeckung der Mascha Kaléko
Lesenswege am 23.11.2025
Bewertungsnummer: 2661542
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mascha Kalékos Gedichte und ihre Kurzprosa begeistern mich sehr, und warum sie solange in Vergessenheit geraten konnte, ist mir unverständlich. Wie ein Komet tauchte sie in der Endphase der Weimarer Republik unter den Autoren auf, ein Erfolg, der jäh endete, als „die paar leuchtenden Jahre“ vorbei waren. Zwar wurden ihre Werke nicht verbrannt, ihr Erstling „Das lyrische Stenogrammheft“ erschien noch 1933 im Rowohlt Verlag. 1938 ist sie mit Mann und Sohn in die USA emigriert, wo sie für siebzehn Jahre in New York ein neues Zuhause fand. 1956 will Rowohlt ihr Buch neu auflegen, und Mascha nimmt dies zum Anlass, sich auf eine ausgedehnte Europareise zu begeben. Es ist ihre erste Rückkehr nach dem Krieg, etwa ein Jahr wird sie bleiben. Volker Weidermann fokussiert sich in seiner Biografie auf dieses eine Jahr, von hier aus erzählt er rückblickend und vorausschauend vom Davor und Danach und ergänzt seinen Text an vielen Stellen durch den Einschub der entsprechenden Gedichte. Mascha hatte lange gezögert, ihre Zustimmung zur Neuauflage zu geben, und als sie es dann tat, hatte sie eine große Erwartungshaltung, sie wollte so gerne wieder Dichterin sein. Sie war glücklich, lang vermisste Freunde zu treffen, wieder in Deutschland zu sein, in Berlin vor allem. Hier wieder zu leben, zu schreiben, dass konnte sie sich vorstellen.
Volker Weidermann rekonstruiert dieses eine Jahr aus nachgelassenen Briefen, die Mascha an Chemjo, ihren Ehemann, nach New York geschrieben hat. Sehr detailliert hat sie ihm von ihrem Erfolg, dem begeisterten Empfang, von Gesprächen mit Freunden, vom Wiederfinden ihrer zwei Jahrzehnte verschollenen Schwester und von ihrem Wiedersehen mit Berlin berichtet, immer wieder mit dem Versuch, ihn zur Rückkehr zu bewegen. Vergebens, für Chemjo war das keine Option. Und so entschieden sie sich für Israel, konnten aber auch dort keine Heimat finden. Tief bewegend erzählt Weidermann vom Schicksal dieser charismatischen, lebensbejaenden Frau, die so viel erleiden musste, und der es nicht gelang, an ihre Vorkriegserfolge anzuknüpfen. Nach 1956 verschwand sie für viele Jahre wieder aus dem literarischen Bewusstsein der Bundesrepublik. Das Land war wohl doch noch nicht soweit, sich mit den Gedichten einer jüdischen Autorin, die mit absoluter Präzision immer den Punkt traf, auseinanderzusetzen. Ich hätte ihr den posthumen Erfolg sehr zu Lebzeiten gegönnt.
Gott hatte eine große, schreckliche Pause gemacht.
Bewertung aus Quickborn am 20.11.2025
Bewertungsnummer: 2659259
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Mascha Kalėko hadert mit ihrem Gott, und doch wird sie glückliche Momente in ihrem Leben finden, denn sie erkennt „Schicksal muss man annehmen.“ Volker Weidermann erkundet ihre Wege, besonderes Augenmerk liegt auf dem Jahr 1956, dem Wahnsinnsjahr für Mascha, die endlich wagt, ihr verlorenes, verlassenes Land und ihren Sehnsuchtsort Berlin zu besuchen. Und die Literaturgeschäfte will sie natürlich auch wieder ankurbeln. Daraus wurde ein Buch, das bis zur letzten Seite fesselt. Aber so weit bin ich hier noch nicht.
Vor ein paar Tagen fiel mir zufällig ein Interview auf, das die Jüdische Allgemeine (online am 08.11.2025) mit Volker Weidermann führte. Für mich von großem Interesse, weil ich den Buchspuren dieses Autors schon länger folge, nach Mexiko wegen Anna Seghers, nach Oostende wegen der Literaten, ans Meer mit Thomas Mann. Immer habe ich seine Bücher gern gelesen, sie haben mein Literaturinteresse immer weiter gesteigert. Nun also Mascha Kalėko. Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches hat mich beeindruckt, ist der Inhalt, insbesondere was die Deutschlandreise betrifft, doch das Ergebnis der intensiven Rezeption von Kalékos Briefen an ihren Mann Chemjo in New York. Die jüdische Lyrikerin Mascha Kaléko war 17 Jahre zuvor mit ihrem Ehemann und dem zwei Jahre alten Sohn in die USA emigriert, gerade noch rechtzeitig, gerade noch mit Affidavit ausgestattet, die Eltern und Geschwister waren schon in Palästina, nur ihre Schwester Lena (Puttel) in der Sowjetunion. Eine zerrissene Familie, zerrissene Lebenläufe, aber gerettet.
Chemjolein, wie sie ihren Ehemann liebevoll nennt, musste doch all ihre Sehnsüchte, Erlebnisse, Ärgernisse und ihr überbordendes Talent nicht nur in natura, sondern auch auf Papier aushalten. Dass sie ihn manchmal wohl auch eifersüchtig machte, nahm sie gelassen. Wie an ihm die Elogen der fremden Herren nagten, gibt er nicht preis – seine Briefe sind verbrannt. In dem genannten Interview erzählt Weidermann ganz zum Schluss, wie es zu der Widmung „Für Mascha“ gekommen ist, und genau an dieser Stelle wusste ich, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte. Ein paar Tage später konnte ich starten.
Der Schreibstil Weidermanns widersetzt sich meinem Gehirn des Öfteren, in meinen Gedanken bin ich schon voraus, am Satzende muss ich feststellen, dass er ganz anders formuliert hat, als ich es in Gedanken tat. Aber das lesende Gehirn gewöhnte sich. Ich habe das E-Book gelesen und festgestellt, dass es zwischen der Kindle-App und der iBook-App einige Unterschiede in der Formatierung gab. Was mich aber in beiden störte, lag nicht am Satz, sondern am Autor. Er zitiert mehrere Male Gedichte im laufenden Text, Zeilenumbrüche werden nur durch Schrägstriche markiert. Ich weiß, dass das die übliche Art der Zitierung von Gedichten ist, aber ich hätte wesentlich lieber auch diese Gedichte in ihrer ursprünglichen Form gelesen. Gerade der Zeilenfall ist bei Mascha Kaléko doch Bestandteil ihrer Kunst.
Die Lebens- und Liebesgeschichte von Mascha Kaléko war mir in Teilen schon gut bekannt, vor Jahren habe ich die Biografie von Jutta Rosenkranz gelesen, erst im Frühjahr den Roman Die Liebe der Mascha Kaléko von Charlotte Roth als Hörbuch gehört. Weidermanns neues Buch passt mitten hinein, erzählt von so vielen Begebenheiten, die ich noch nirgends erfahren hatte, einfach fantastisch, diese Fülle an Leben. Hinzu kommt, dass ich mir die beiden rororo-Büchlein Das lyrische Stenogrammheft und Verse für Zeitgenossen gekauft habe, ich musste sie unbedingt beide haben, obwohl mir das Stenogrammheft viel besser gefällt: nur beide zusammen ergeben auf den Covern aber ihr ganzes Gesicht. Das ist übrigens ein kluger Marketingtrick, mit Speck…
Das Leben hält für Mascha Kaléko auch in den 1950er Jahren nicht nur Rosen bereit, sie erfährt viel Ablehnung, aber sie lehnt auch ab, nämlich den Fontane-Preis, von einem Nazi wollte sie den nicht entgegennehmen. Hochachtung! Einen weiteren Literaturpreis hat man ihr nie mehr angetragen.
Sehr aufschlussreich sind die Wochen, in denen Chemjo sie im Sommer 1956 für kurze Zeit in Deutschland besucht. Es gibt zwar keine Briefe, aber manches hat sich doch überliefert. Auch, dass zwei so egozentrische und künstlerisch begnadete Menschen in einem kleinen Doppelzimmer nur schwer miteinander auskommen. Ihr Ruf zum Abschied ist „Ich brauche Dich. Wenn auch nicht von früh bis spät!“.
Sehr gut gefallen haben mir Weidermanns „Abschweifungen“ zu anderen Schriftstellern, zu Verlegern oder Lektoren. Zum Beispiel der Nachruf auf Franz Hessel! Einfach wunderbar. Was Mascha Kaléko in Berlin noch widerfährt, was sie aus dem Gleichgewicht bringt, drüber lasse ich hier nichts verlauten. Spoiler verderben die Lesefreude.
Und dann reist Mascha Kaléko weiter, wird endlich bis Ascona kommen, wird berühmte und weniger berühmte Menschen treffen, u. a. Erich Maria Remarque, Autor von Arc de Triomphe, der das Emigrantenleben so drastisch beschreibt, wird sich nach ihrem Mann verzehren, auch nach ihrem Sohn, wird klamm sein und bisweilen ungehalten, wird Berlin lieben und gleichzeitig manch Deutsches hassen. So manche Verklärung aus der Erinnerung löst sich auf. Weidermann nimmt den Leser überall mit, lässt ihn ganz tief hineinschauen in den schwarzen Brunnen ihrer Leidenschaften. Das macht mir das Buch so wertvoll, es ergänzt die Gedichte, die ich immer in Reichweite in meinem Schlafzimmer habe. Hier schließt sich für mich der Kreis. Im „Dank“ löst Weidermann dann aber das Rätsel um die Widmung doch nicht ganz auf „(für) Mascha, der das Buch gewidmet ist und die wirklich keinen besseren Namen tragen könnte als diesen.“
Das gut gelungene Cover, das verwendete Foto und der passende Titel Wenn ich eine Wolke wäre werden jeden Literaturfreund im Buchladen zugreifen lassen.
Wie hält man sich an Wunder, wenn sie ausbleiben? Wie weckt man Gott, wenn er wieder schläft? Das fragt der Autor nicht umsonst, vielleicht sind es Mascha Kalékos Gedichte, die helfen, Gott zu wecken und Wunder zu bewirken. Danke, Herr Weidermann. Ich freue mich auf Ihr nächstes Buch.
Fazit: Mascha Kalékos erste Reise nach Europa, 17 Jahre nach der Emigration, ist ein Abenteuer, dass sich kein Literaturfreund entgehen lassen sollte. Es lässt tief in die verletzte und verletzliche Seele dieser Ausnahmelyrikerin schauen. Trotz meiner kritischen Anmerkungen gebe ich gern 5 Sterne für dieses gelungene Buch!
Diese Rezension gibt meine persönliche Meinung wieder und ist ohne KI erstellt.
Meinung aus der Buchhandlung
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Volker Weidermann taucht tief ein in das Seelenleben von Mascha Kaléko als sie 1956 nach langen Jahren im Exil Deutschland bereist. Keine einfache Reise, deren Höhen und Tiefen Weidermann mit viel Verständnis nachspürt. Dazu auf jeder Seite Kalékos sprühender Esprit. Eine Romanbiografie voller Zeitgeschichte und Lyrik - großartig! Zu Lebzeiten habe die Deutschen ihr keinen Literaturpreis verliehen, um so schöner, sie jetzt zu feiern und zu würdigen.
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Mascha Kaléko kommt diese Reise zeitweilig wie ein Traum vor. Siebzehn Jahre nach ihrer Flucht vor den Nazis versucht sie in der alten Heimat wieder Fuß zu fassen, durchaus erfolgreich. Die Wiederauflage ihres „Lyrischen Stenogrammhefts“ wird zum Bestseller. Sie genießt sichtlich die wiedergewonnene Popularität, die Interviews in den großen Zeitungsredaktionen, die Gänge in die Restaurants des Wirtschaftswunderlands. Aber spricht sie die Verbrechen an den Juden an, wird es schlagartig still am Tisch. Von diesem schwierigen Balance-Akt erzählt Volker Weidermann fesselnd und mit großer Empathie.
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