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Richard David Precht

1. Angststillstand

Angststillstand Warum die Meinungsfreiheit schwindet

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Beschreibung

Produktdetails

Family Sharing

Ja

Verkaufsrang

1774

Gesprochen von

Richard David Precht

Spieldauer

5 Stunden und 4 Minuten

Abo-Fähigkeit

Ja

Erscheinungsdatum

13.10.2025

Hörtyp

Lesung

Fassung

ungekürzt

Medium

MP3

Anzahl Dateien

76

Verlag

Der Hörverlag

Sprache

Deutsch

EAN

9783844554069

Beschreibung

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Family Sharing

Ja

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Verkaufsrang

1774

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Richard David Precht

Spieldauer

5 Stunden und 4 Minuten

Abo-Fähigkeit

Ja

Erscheinungsdatum

13.10.2025

Hörtyp

Lesung

Fassung

ungekürzt

Medium

MP3

Anzahl Dateien

76

Verlag

Der Hörverlag

Sprache

Deutsch

EAN

9783844554069

Herstelleradresse

Der Hörverlag
Neumarkter Str. 28
81673 München
Deutschland
Email: info@service.penguinrandomhouse.de
Url: www.penguinrandomhouse.de
Telephone: +49 800 5003322
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Der Mensch ist kein Opfer der Märkte. Er ist ihr Ursprung.

BK am 05.06.2026

Bewertungsnummer: 3158678

Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Precht argumentiert auf zwei Säulen: Das egalste auf der Welt seien Hautfarben, denn seine Geschwister kämen aus Vietnam. Und der Kapitalismus durchdringe unser Leben auf das negativste in allen Verästelungen, jeder sei heute ein hypersensibles Marketingprodukt seiner selbst. Deswegen würde man heute nichts mehr ertragen und Streit aus dem Weg gehen. Er selbst habe Roger Willemsen auf das heftigste bekämpft, weil dieser damals besser war als er selbst. Erst auf Augenhöhe habe er ihn akzeptiert. Nun, was Precht hier beschreibt ist Wettbewerb und Kapitalismus pur. Er ist Teil dessen, aber immer noch mit einer unstillbaren Sehnsucht nach seiner eigenen, linken Sozialisation, die alle Unterschiede der Kulturen einebnen und für null und nichtig erklären wollte. Aus diesem Grund blendet Precht auch etwas aus, das ihm als negativ erklärt wurde: Religionen. Heute den Unterschied zwischen Judentum/Christentum und der dritten monotheistischen Religion nicht zu kennen, ist höchst gefährlich. Und aus diesem großen Elefanten speisen sich heute zu 90% alle Probleme. Man kann es lösen wie die SPD in Dänemark oder wie die deutsche Linke: durch völlige Negation. Der Kapitalismus ist kein System, das dem Menschen äußerlich übergestülpt wurde, sondern die natürlichste Form menschlichen Zusammenlebens, sobald Freiheit und Verantwortung möglich sind. Er wurzelt in demselben Impuls, der jede Kultur antreibt: im Drang, zu schaffen, zu gestalten, zu verbessern. Wer arbeitet, tut das nicht nur, um zu überleben, sondern um sich selbst und die Welt zu formen. In dieser schöpferischen Bewegung liegt Freude – und diese Freude ist keine ideologische Täuschung, sondern eine der elementarsten menschlichen Erfahrungen. Die alte Industriekritik sah im Kapitalismus eine Maschine der Entfremdung. In Wahrheit hat gerade die Marktwirtschaft die Arbeit aus der Erstarrung des Zwangs befreit. Sie erlaubt, was alle politischen Systeme vor ihr behinderten: dass der Einzelne selbst entscheidet, was er mit seinem Leben anfangen will. Ob jemand Autos zusammenschraubt oder sie entwirft, ob er Programme schreibt, Bücher verlegt oder Brot bäckt – immer gilt: In der freien Wirtschaft kann jeder, der will, sich einbringen, gestalten, sich selbst beweisen. Das ist keine Ideologie, sondern Anthropologie. Hier berührt sich Ökonomie mit Psychologie. Maslow hat gezeigt, dass der Mensch nach Selbstverwirklichung strebt, sobald seine Grundbedürfnisse erfüllt sind. Diese Selbstverwirklichung ist kein Luxus, sondern Ausdruck des Lebenswillens. Wer etwas leistet, erfährt Sinn. Kapitalismus ist also nicht die ökonomische Pervertierung des Menschlichen, sondern seine Fortsetzung mit anderen Mitteln. Er schafft den Rahmen, in dem Leistung, Kreativität und Verantwortung sich entfalten können. Er ersetzt Zwang durch Möglichkeit. Der von Reckwitz und Precht beklagte „kulturelle Kapitalismus“ ist in Wahrheit ein Missverständnis. Wenn Menschen sich heute selbst verwirklichen wollen, dann tun sie das nicht, weil sie vom Markt getrieben werden, sondern weil sie leben wollen. Der Kapitalismus instrumentalisiert nicht das Menschliche – er bietet ihm Raum. Was seine Kritiker als Selbstverwertung deuten, ist in Wirklichkeit Selbstgestaltung. Nicht jeder, der seine Talente einsetzt, „vermarktet“ sich. Viele schaffen, weil sie sich im Tun erkennen. Freude an Arbeit ist keine Anpassung, sondern ein Zeichen von Lebendigkeit. Wer unternehmerisch denkt, denkt nicht nur an Profit, sondern an Verbesserung. Er will etwas, das vorher nicht da war. So wird Wirtschaft zu einem fortgesetzten schöpferischen Prozess, zu einer alltäglichen Kunstform. Der Kapitalismus in seiner besten Ausprägung ist also nichts anderes als die ökonomische Entsprechung der Aufklärung. Er setzt auf Vernunft, Eigeninitiative, Verantwortung und Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, selbst zu entscheiden. Er zwingt niemanden zu Gleichheit im Ergebnis, sondern eröffnet Freiheit im Versuch. Darin liegt seine Moral: nicht im Verteilen, sondern im Ermöglichen. Seine Würde liegt in der Anerkennung des Individuums als Quelle aller Wertschöpfung. Natürlich braucht dieser Kapitalismus Maß, Recht, Kultur und Ethik. Aber er braucht keine Scham. Wer Produkte erfindet, Dienstleistungen anbietet, Risiken trägt oder Märkte schafft, ist kein Profiteur, sondern Träger des Fortschritts. Der Kapitalismus ist kein Fremdkörper im Menschlichen, sondern seine produktive Energie in organisierter Form. Er hat mehr Menschen aus Armut befreit, mehr Wissen erzeugt und mehr Kreativität freigesetzt als jedes andere System zuvor. Der Mensch ist kein Opfer der Märkte. Er ist ihr Ursprung. Der Kapitalismus, richtig verstanden, ist nicht die Ökonomisierung des Lebens, sondern seine Entfesselung. Er verwandelt Bedürfnis in Handlung, Idee in Tat, Möglichkeit in Wirklichkeit. Darum ist er, bei aller Unvollkommenheit, die menschlichste aller Lebensformen: weil er den Menschen in seiner schöpferischen Freiheit ernst nimmt.

Der Mensch ist kein Opfer der Märkte. Er ist ihr Ursprung.

BK am 05.06.2026
Bewertungsnummer: 3158678
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Precht argumentiert auf zwei Säulen: Das egalste auf der Welt seien Hautfarben, denn seine Geschwister kämen aus Vietnam. Und der Kapitalismus durchdringe unser Leben auf das negativste in allen Verästelungen, jeder sei heute ein hypersensibles Marketingprodukt seiner selbst. Deswegen würde man heute nichts mehr ertragen und Streit aus dem Weg gehen. Er selbst habe Roger Willemsen auf das heftigste bekämpft, weil dieser damals besser war als er selbst. Erst auf Augenhöhe habe er ihn akzeptiert. Nun, was Precht hier beschreibt ist Wettbewerb und Kapitalismus pur. Er ist Teil dessen, aber immer noch mit einer unstillbaren Sehnsucht nach seiner eigenen, linken Sozialisation, die alle Unterschiede der Kulturen einebnen und für null und nichtig erklären wollte. Aus diesem Grund blendet Precht auch etwas aus, das ihm als negativ erklärt wurde: Religionen. Heute den Unterschied zwischen Judentum/Christentum und der dritten monotheistischen Religion nicht zu kennen, ist höchst gefährlich. Und aus diesem großen Elefanten speisen sich heute zu 90% alle Probleme. Man kann es lösen wie die SPD in Dänemark oder wie die deutsche Linke: durch völlige Negation. Der Kapitalismus ist kein System, das dem Menschen äußerlich übergestülpt wurde, sondern die natürlichste Form menschlichen Zusammenlebens, sobald Freiheit und Verantwortung möglich sind. Er wurzelt in demselben Impuls, der jede Kultur antreibt: im Drang, zu schaffen, zu gestalten, zu verbessern. Wer arbeitet, tut das nicht nur, um zu überleben, sondern um sich selbst und die Welt zu formen. In dieser schöpferischen Bewegung liegt Freude – und diese Freude ist keine ideologische Täuschung, sondern eine der elementarsten menschlichen Erfahrungen. Die alte Industriekritik sah im Kapitalismus eine Maschine der Entfremdung. In Wahrheit hat gerade die Marktwirtschaft die Arbeit aus der Erstarrung des Zwangs befreit. Sie erlaubt, was alle politischen Systeme vor ihr behinderten: dass der Einzelne selbst entscheidet, was er mit seinem Leben anfangen will. Ob jemand Autos zusammenschraubt oder sie entwirft, ob er Programme schreibt, Bücher verlegt oder Brot bäckt – immer gilt: In der freien Wirtschaft kann jeder, der will, sich einbringen, gestalten, sich selbst beweisen. Das ist keine Ideologie, sondern Anthropologie. Hier berührt sich Ökonomie mit Psychologie. Maslow hat gezeigt, dass der Mensch nach Selbstverwirklichung strebt, sobald seine Grundbedürfnisse erfüllt sind. Diese Selbstverwirklichung ist kein Luxus, sondern Ausdruck des Lebenswillens. Wer etwas leistet, erfährt Sinn. Kapitalismus ist also nicht die ökonomische Pervertierung des Menschlichen, sondern seine Fortsetzung mit anderen Mitteln. Er schafft den Rahmen, in dem Leistung, Kreativität und Verantwortung sich entfalten können. Er ersetzt Zwang durch Möglichkeit. Der von Reckwitz und Precht beklagte „kulturelle Kapitalismus“ ist in Wahrheit ein Missverständnis. Wenn Menschen sich heute selbst verwirklichen wollen, dann tun sie das nicht, weil sie vom Markt getrieben werden, sondern weil sie leben wollen. Der Kapitalismus instrumentalisiert nicht das Menschliche – er bietet ihm Raum. Was seine Kritiker als Selbstverwertung deuten, ist in Wirklichkeit Selbstgestaltung. Nicht jeder, der seine Talente einsetzt, „vermarktet“ sich. Viele schaffen, weil sie sich im Tun erkennen. Freude an Arbeit ist keine Anpassung, sondern ein Zeichen von Lebendigkeit. Wer unternehmerisch denkt, denkt nicht nur an Profit, sondern an Verbesserung. Er will etwas, das vorher nicht da war. So wird Wirtschaft zu einem fortgesetzten schöpferischen Prozess, zu einer alltäglichen Kunstform. Der Kapitalismus in seiner besten Ausprägung ist also nichts anderes als die ökonomische Entsprechung der Aufklärung. Er setzt auf Vernunft, Eigeninitiative, Verantwortung und Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, selbst zu entscheiden. Er zwingt niemanden zu Gleichheit im Ergebnis, sondern eröffnet Freiheit im Versuch. Darin liegt seine Moral: nicht im Verteilen, sondern im Ermöglichen. Seine Würde liegt in der Anerkennung des Individuums als Quelle aller Wertschöpfung. Natürlich braucht dieser Kapitalismus Maß, Recht, Kultur und Ethik. Aber er braucht keine Scham. Wer Produkte erfindet, Dienstleistungen anbietet, Risiken trägt oder Märkte schafft, ist kein Profiteur, sondern Träger des Fortschritts. Der Kapitalismus ist kein Fremdkörper im Menschlichen, sondern seine produktive Energie in organisierter Form. Er hat mehr Menschen aus Armut befreit, mehr Wissen erzeugt und mehr Kreativität freigesetzt als jedes andere System zuvor. Der Mensch ist kein Opfer der Märkte. Er ist ihr Ursprung. Der Kapitalismus, richtig verstanden, ist nicht die Ökonomisierung des Lebens, sondern seine Entfesselung. Er verwandelt Bedürfnis in Handlung, Idee in Tat, Möglichkeit in Wirklichkeit. Darum ist er, bei aller Unvollkommenheit, die menschlichste aller Lebensformen: weil er den Menschen in seiner schöpferischen Freiheit ernst nimmt.

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Angststillstand

von Richard David Precht

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Teyan Baudelot

OSIANDER Lahr

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4/5

Dürfen Missstände noch benannt werden? Über den Preis von Meinung.

Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Richard David Prechts „Angststillstand“ ist weniger ein systematisch ausgearbeitetes Sachbuch als vielmehr eine kulturkritische Intervention, die ihren Ausgangspunkt in einem deutlich empfundenen Unbehagen nimmt: dem Eindruck eines sich verengenden Meinungskorridors in der deutschen Öffentlichkeit, den doch laut der Allensbach-Umfrage bzgl. Meinungsfreiheit etwa 54% der Deutschen teilen. Prechts zentrale These ist dabei schnell benannt und zugleich der rote Faden des gesamten Buches; Nicht fehlende Meinungen, sondern die Angst vor deren Artikulation und das Benennen von Misständen sei zum eigentlichen Problem geworden. Diese Diagnose ist zunächst nicht unplausibel. Tatsächlich lässt sich beobachten, dass sich öffentliche Debatten in den vergangenen Jahren zunehmend moralisieren und personalisieren. Precht beschreibt diesen Prozess als Verschiebung weg von argumentativer Auseinandersetzung hin zu sozialer Sanktionierung. Kritik richtet sich nicht mehr primär gegen Positionen, sondern gegen Personen und zwar mit entsprechendem Eskalationspotenzial. Seine zugespitzte Rede von der „Axolotlisierung“ der Gesellschaft, also einem Zustand permanenter Unreife und Empörungsbereitschaft, ist dabei weniger analytischer Begriff als rhetorisches Verdichtungsinstrument, trifft aber zumindest ein verbreitetes Gefühl. Prägnant und beispielhaft können Sie sich dies m.M.n anhand der Kontroverse run dum die Autorin J.K. Rowling vor Augen führen. Unabhängig davon wie man ihre Position im Einzelnen bewertet, zeigt der Verlauf der Debatte doch eine typische Dynamik; Innerhalb kürzester Zeit verschob sich der Fokus von der primär inhaltlichen Auseinandersetzung hin auf eine morlaische Einordnung der Person selbst. Unterstützer und Kritiker standen sich also nicht länger als Diskurspartner bzw. "Gegner", im weitesten Sinne, gegenüber, sondern als Vertreter unterschiedlicher ideologischer Positionen. Solche Geschehnisse sind es, die Precht im Blick hat, wenn er von einem Diskussionsklima spricht, in dem nicht mehr die Qualität des Arguments, sondern die potenziellen sozialen folgen über seine Äußerbarkeit bestimmen. De facto also ein Verlust des Leitbildes nach Habermaas des zwanglosen Zwangs des besseres Arguments. Problematisch wird das Buch dort, wo aus dieser Beobachtung eine weitreichende Diagnose abgeleitet wird, ohne sie hinreichend abzusichern. Precht operiert häufig mit exemplarischen Eindrücken und generalisiert diese zu gesellschaftlichen Trends. Empirische Fundierung oder eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einschlägiger Forschung bleiben weitgehend aus. Das ist insofern bemerkenswert, als der Anspruch des Buches durchaus ein grundsätzlicher ist. Es geht nicht um einzelne Fehlentwicklungen, sondern um den Zustand der demokratischen Debattenkultur insgesamt. Sicher, es ließe sich einwenden, dass Prechts Vorgehen auch der Eigenlogik des Formats geschuldet ist. Schließlich ist "Angststillstand" keine langfristig angelegte Studie, sondern eine Intervention, ein Essay, in eine noch immer laufende, sich rasch verschiebende Debatte. Dies sollte beim Lesen berücksichtigt werden. Der damit verbundene Zeitdruck begünstigt Zuspitzungen und geht nahezu zwangsläufig zulasten empirischer Absicherung. Gleichwohl entbindet es nicht vollständig von analytischer Sorgfalt, gerade bei einem so gravierenden Thema. Hinzu kommt, dass die Argumentation nicht immer die nötige Trennschärfe aufweist. Unterschiedliche Phänomene, von sozialer Ächtung in digitalen Räumen bis hin zu legitimer gesellschaftlicher Kritik, werden teilweise unter einem gemeinsamen Deutungsmuster zusammengeführt, ohne ihre jeweiligen Bedingungen ausreichend zu differenzieren. Gerade hier hätte man sich mehr analytische Disziplin gewünscht. Wer den Verfall des Diskurses diagnostiziert, sollte selbst umso genauer zwischen seinen Erscheinungsformen unterscheiden. Gleichwohl liegt die Stärke des Buches in seiner klaren Stoßrichtung! Precht erinnert, gegen einen nicht zu leugnenden Zeittrend (!) daran, dass Demokratie auf Dissens angewiesen ist und dass die Bereitschaft, abweichende Positionen auszuhalten, eine ihrer Grundbedingungen darstellt. Seine Kritik an einer Diskurskultur, die moralische Eindeutigkeit über argumentative Offenheit stellt, ist zumindest diskussionswürdig und trifft einen zentralen Punkt gegenwärtiger Auseinandersetzungen. Im Ergebnis bleibt ein ambivalenter Eindruck. „Angststillstand“ ist kein präzise durchgearbeitetes Analysewerk, sondern ein Buch, das von Zuspitzung lebt und dabei analytische Unschärfen in Kauf nimmt. Gerade deshalb ist es aber auch anschlussfähig. Weniger als abschließende Diagnose, sondern als Ausgangspunkt für eine weiterführende Diskussion. Wer bereit ist, diese Unschärfen mitzudenken, wird aus der Lektüre durchaus Gewinn ziehen. Zwar nicht unbedingt in Form gesicherter Erkenntnisse, wohl aber als Anstoß zur eigenen Urteilsbildung. Das entspricht dem Leitbild des mündigen Lesers, der seine Urteilskraft nicht delegiert, sondern Argumente prüft und gegeneinander abwägt. Trauen Sie sich, auch dort zu widersprechen, wo Einigkeit bereits erwartet wird.
  • Teyan Baudelot
  • Buchhändler/-in

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4/5

Dürfen Missstände noch benannt werden? Über den Preis von Meinung.

Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Richard David Prechts „Angststillstand“ ist weniger ein systematisch ausgearbeitetes Sachbuch als vielmehr eine kulturkritische Intervention, die ihren Ausgangspunkt in einem deutlich empfundenen Unbehagen nimmt: dem Eindruck eines sich verengenden Meinungskorridors in der deutschen Öffentlichkeit, den doch laut der Allensbach-Umfrage bzgl. Meinungsfreiheit etwa 54% der Deutschen teilen. Prechts zentrale These ist dabei schnell benannt und zugleich der rote Faden des gesamten Buches; Nicht fehlende Meinungen, sondern die Angst vor deren Artikulation und das Benennen von Misständen sei zum eigentlichen Problem geworden. Diese Diagnose ist zunächst nicht unplausibel. Tatsächlich lässt sich beobachten, dass sich öffentliche Debatten in den vergangenen Jahren zunehmend moralisieren und personalisieren. Precht beschreibt diesen Prozess als Verschiebung weg von argumentativer Auseinandersetzung hin zu sozialer Sanktionierung. Kritik richtet sich nicht mehr primär gegen Positionen, sondern gegen Personen und zwar mit entsprechendem Eskalationspotenzial. Seine zugespitzte Rede von der „Axolotlisierung“ der Gesellschaft, also einem Zustand permanenter Unreife und Empörungsbereitschaft, ist dabei weniger analytischer Begriff als rhetorisches Verdichtungsinstrument, trifft aber zumindest ein verbreitetes Gefühl. Prägnant und beispielhaft können Sie sich dies m.M.n anhand der Kontroverse run dum die Autorin J.K. Rowling vor Augen führen. Unabhängig davon wie man ihre Position im Einzelnen bewertet, zeigt der Verlauf der Debatte doch eine typische Dynamik; Innerhalb kürzester Zeit verschob sich der Fokus von der primär inhaltlichen Auseinandersetzung hin auf eine morlaische Einordnung der Person selbst. Unterstützer und Kritiker standen sich also nicht länger als Diskurspartner bzw. "Gegner", im weitesten Sinne, gegenüber, sondern als Vertreter unterschiedlicher ideologischer Positionen. Solche Geschehnisse sind es, die Precht im Blick hat, wenn er von einem Diskussionsklima spricht, in dem nicht mehr die Qualität des Arguments, sondern die potenziellen sozialen folgen über seine Äußerbarkeit bestimmen. De facto also ein Verlust des Leitbildes nach Habermaas des zwanglosen Zwangs des besseres Arguments. Problematisch wird das Buch dort, wo aus dieser Beobachtung eine weitreichende Diagnose abgeleitet wird, ohne sie hinreichend abzusichern. Precht operiert häufig mit exemplarischen Eindrücken und generalisiert diese zu gesellschaftlichen Trends. Empirische Fundierung oder eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einschlägiger Forschung bleiben weitgehend aus. Das ist insofern bemerkenswert, als der Anspruch des Buches durchaus ein grundsätzlicher ist. Es geht nicht um einzelne Fehlentwicklungen, sondern um den Zustand der demokratischen Debattenkultur insgesamt. Sicher, es ließe sich einwenden, dass Prechts Vorgehen auch der Eigenlogik des Formats geschuldet ist. Schließlich ist "Angststillstand" keine langfristig angelegte Studie, sondern eine Intervention, ein Essay, in eine noch immer laufende, sich rasch verschiebende Debatte. Dies sollte beim Lesen berücksichtigt werden. Der damit verbundene Zeitdruck begünstigt Zuspitzungen und geht nahezu zwangsläufig zulasten empirischer Absicherung. Gleichwohl entbindet es nicht vollständig von analytischer Sorgfalt, gerade bei einem so gravierenden Thema. Hinzu kommt, dass die Argumentation nicht immer die nötige Trennschärfe aufweist. Unterschiedliche Phänomene, von sozialer Ächtung in digitalen Räumen bis hin zu legitimer gesellschaftlicher Kritik, werden teilweise unter einem gemeinsamen Deutungsmuster zusammengeführt, ohne ihre jeweiligen Bedingungen ausreichend zu differenzieren. Gerade hier hätte man sich mehr analytische Disziplin gewünscht. Wer den Verfall des Diskurses diagnostiziert, sollte selbst umso genauer zwischen seinen Erscheinungsformen unterscheiden. Gleichwohl liegt die Stärke des Buches in seiner klaren Stoßrichtung! Precht erinnert, gegen einen nicht zu leugnenden Zeittrend (!) daran, dass Demokratie auf Dissens angewiesen ist und dass die Bereitschaft, abweichende Positionen auszuhalten, eine ihrer Grundbedingungen darstellt. Seine Kritik an einer Diskurskultur, die moralische Eindeutigkeit über argumentative Offenheit stellt, ist zumindest diskussionswürdig und trifft einen zentralen Punkt gegenwärtiger Auseinandersetzungen. Im Ergebnis bleibt ein ambivalenter Eindruck. „Angststillstand“ ist kein präzise durchgearbeitetes Analysewerk, sondern ein Buch, das von Zuspitzung lebt und dabei analytische Unschärfen in Kauf nimmt. Gerade deshalb ist es aber auch anschlussfähig. Weniger als abschließende Diagnose, sondern als Ausgangspunkt für eine weiterführende Diskussion. Wer bereit ist, diese Unschärfen mitzudenken, wird aus der Lektüre durchaus Gewinn ziehen. Zwar nicht unbedingt in Form gesicherter Erkenntnisse, wohl aber als Anstoß zur eigenen Urteilsbildung. Das entspricht dem Leitbild des mündigen Lesers, der seine Urteilskraft nicht delegiert, sondern Argumente prüft und gegeneinander abwägt. Trauen Sie sich, auch dort zu widersprechen, wo Einigkeit bereits erwartet wird.

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