Mit gerade einmal 38 Jahren wurde der ältere Bruder von Édouard Louis tot in seiner kleinen Wohnung aufgefunden. Den Großteil seines Lebens verbrachte der Bruder mit Träumen und Hoffen: auf eine erfolgreiche Karriere als Handwerker, auf Wohlstand, auf die Liebe des Vaters. Doch die Realität sah anders aus, Glücksspiel und Alkohol beherrschten sein Leben. Der Roman ist die Geschichte seines Zusammenbruchs, und zugleich ein zärtliches Porträt über den Bruder, der in bewegenden Szenen immer wieder versucht, dem jüngeren Édouard einen anderen Weg ins Leben zu weisen als den eigenen.
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bedrückend
Chrissy am 09.03.2026
Bewertungsnummer: 3071005
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dies ist wohl das dritte Buch aus Louis' Feder in dem er seine dysfunktionale familiäre Situation beleuchtet. Die ersten Beiden kenne ich noch nicht, das werde ich nach der Lektüre von "Der Absturz" aber definitiv nachholen! Auf unglaublich reflektierte Weise beleuchtet der Autor die Geschichte vom Scheiterns seines großen Bruders. Das ganze unterteilt er nicht in Kapitel sondern "Fakten", durchzogen von vielen Rückblenden und inneren Monologen sowie Zitaten aus psychologischer Fachliteratur. Wer ist Édouards Bruder wirklich? Ein geborener Versager oder ein Produkt seiner Umwelt? Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Auch die Übersetzerin hat hier großartige Arbeit geleistet, der Schreibstil ist schonungslos und bedrückend, ich konnte das Buch garnicht aus der Hand legen, auch jetzt im Nachhinein hinterlässt es noch ein beklemmendes Gefühl. Leseempfehlung für alle die auch mal etwas schwerere Kost mögen.
Erschütterndes, zugleich tief empathisches Buch
buecherboy am 10.02.2026
Bewertungsnummer: 3042324
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Absturz von Édouard Louis ist ein erschütterndes, zugleich tief empathisches Buch über Herkunft, Gewalt und die Fragilität eines Lebens, das früh aus der Bahn geriet. Im Mittelpunkt steht Louis’ älterer Bruder – ein Mann, der vom Alkohol, von Armut und von der Lieblosigkeit seiner Umgebung gezeichnet war. Nachdem Louis vom Tod seines Bruders erfährt, macht er sich auf den Weg in seine Heimat, zu seiner Mutter – und beginnt, das Leben des Verstorbenen zu erzählen und zu reflektieren. Was als nüchterne Bestandsaufnahme beginnt, wird zu einer Suche nach Nähe, nach Verständnis und nach einer gemeinsamen Vergangenheit, die es kaum gab.
Mit präziser, unpathetischer Sprache rekonstruiert Louis die Spuren eines langsamen Absturzes: Arbeitslosigkeit, Entfremdung, die Flucht in Sucht und Selbstzerstörung. Dabei gelingt es ihm, Nähe zu schaffen, ohne zu beschönigen. Die Gefühle schwanken zwischen Ekel, Trauer und Mitgefühl – genau in dieser Ambivalenz liegt die Stärke des Textes. Immer wieder leuchten kurze Momente der Zärtlichkeit und Liebe auf, die den Bruder nicht nur als Opfer seiner Umstände zeigen, sondern als Mensch mit Sehnsüchten, Träumen und dem Wunsch nach Anerkennung.
Formal bleibt Louis seinem Stil treu: autofiktional, reflektiert und von großer sprachlicher Klarheit. Er beobachtet, ohne zu urteilen, und erlaubt sich eine seltene Form der Ehrlichkeit. So wird Der Absturz mehr als nur das Porträt eines Scheiterns – es ist auch eine Selbstbefragung über Familie, Scham und die Unmöglichkeit, der eigenen Herkunft ganz zu entkommen.
Der Absturz ist ein Zwiegesang aus Mitgefühl und Wut, Trauer und Analyse – ein stilles, schmerzhaftes Buch, das fragt, wie sehr Herkunft und soziale Umstände Menschen formen, und wie schwer es ist, sich selbst und andere loszulassen, wenn die Vergangenheit so tief in einem nachhallt.
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