Madame Lazare
(Irischer Bestseller, ausgezeichnet mit dem Literaturpreis der Europäischen Union. Deutsche Erstübersetzung durch Elvira Veselinović, perfekt als Einstimmung für den Irland-Urlaub)
Seit sie denken kann, ist Levana stolz auf ihre jüdische Herkunft, die Generationen jüdischer Frauen, von denen sie abstammt, auf ihre Großmutter, Hana Lazare, die als Einzige in ihrer Familie die Shoah überlebt hat – und es nie geschafft hat, darüber zu sprechen. Bis Hana, die zunehmend den Bezug zum Hier und Jetzt verliert, plötzlich anfängt, Wörter in einer Sprache zu murmeln, die Levana vollkommen fremd ist. Als sie beginnt, die Bruchstücke zusammenzufügen, die aus Madame Lazares Erinnerung emporgespült werden, löst sich vor ihren Augen alles, was sie über das Leben ihrer Großmutter weiß, in Nichts auf. Die Spur führt sie von Paris und Brüssel bis ans Ende der Welt, eine kleine Insel vor der irischen Atlantikküste, zu einem jungen Mädchen, das sich nicht mehr vom Leben wünscht, als alt werden zu dürfen auf dieser Insel, wo der Wind ihr das Haar zerzaust, beim Klang der Wellen und dem Geruch von Seetang, beim Geschichtenerzählen am Torffeuer – bis etwas ihr Leben für immer ändert.
»Die Raffinesse des Plots und die Erzählkunst erinnern den Leser an die großen Werke von Balzac oder Thomas Mann.« (Irish Times) – Man muss gar nicht so weit ausholen: Auch für sich genommen ist Tadhg Mac Dhonnagáins Madame Lazare ganz große Kunst und ganz sicher ein Straßenfeger.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Eva
5/5
19.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ausdruck weit über die Sprache hinaus
Der Klang des Gälischen singt in einer saalfüllenden Akustik von Melancholie, Sehnsucht, Geschichten am Feuer und alten Liedern.
Mit Madame Lazare durfte ich erneut auf die Aran Islands vor der Westküste Irlands reisen. Wer mich kennt, weiß, dass ich kaum einen Ort so liebe wie Inis Mor, die größte der Inseln vor dem County Clare. Ich schlage das Buch auf, und schon rauscht der Atlantik um mich herum, sitze ich mit Muraed im Curragh und rudere in Richtung des irischen Festlands.
Madame Lazare erzählt die Geschichte von Muraed, die ihre Enkelin Levana unter dem Namen Hana kennt. Für Levana war Hana die jüdische Großmutter, eine Estin in Paris und die - so wurde es Levana erzählt - als Einzige in ihrer Familie den Holocaust überlebte. Zeitlebens weigerte sie sich, über ihre Vergangenheit zu sprechen.
Levana ist getrieben von einem unbändigen Wissensdurst. Sie fragt und fragt. Vergeblich. Bis Hana dement wird und in den Jahren vor ihrem Tod die französische Sprache vergisst und nur noch gälisch spricht, die Sprache ihrer Kindheit.
Dieser Roman ist getragen von Sprache. Der Erzählstil leuchtet trotz einer klaren Geradlinigkeit voller Liebe zur irischen Kultur, zum Klang des Irischen und der großen Kunst des Geschichtenerzählens. Aus diesem Gegensatz entsteht eine knisternde Spannung. Wer einmal gälische Lieder und Gedichte gehört hat, wird sich ihrer Magie kaum entziehen können. Levanas Freund Armand vertont sie im Roman zu einer Klangkomposition.
Sprachlosigkeit findet jenseits der Sprache einen Ausdruck, eingefangen in der erzählten Figur, im Original im Irischen, das seinen Ursprung in der mündlichen Überlieferung hat.
Fein entwickelt Tadhg Mac Dhonnagáin einen spannenden, komplexen Roman um eine Frau, für die ihre Insel und ihre Sprache Heimat bedeuten. Er setzt sich auseinander mit Glaubenssätzen, mit den Geschichten, die wir uns erzählen und der Bedeutung von Sprache für Identität und Zugehörigkeit. Das ist perfekt gelungen, über Generationen und Zeiten hinweg.
begine
aus Lemwerder
5/5
30.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was verbirgt Hana
Der irische Schriftsteller Tadhg Mac Dhonnagáin schreibt den Roman, Madame Lazare, eine bewegende Geschichte.
Raffiniert lässt er verschiedene Personen erzählen und wechselt schnell zwischen den Jahren.
Besonders intensiv schildert er das Leben auf einer Insel an der irischen Atlantikküste. Da erleben wir einen Vater und seine Tochter die die Geschichte in Gedichten, aus dem Gedächtnis immer weiter geben.
Dann geht es nach Paris ins 21. Jahrhundert. Die Großeltern ziehen ihre Enkeltochter Levana auf. Die Mutter starb jung und sie wollte, das Levana im jüdischen Glauben aufwächst. Die Großmutter hütet ein Geheimnis.
Als Hana immer mehr vergisst, fängt sie plötzlich in einer fremden Sprache an zu reden.
Levana gibt nicht auf und forscht , wo Hana herkommt.
Das hat der Autor gut umgesetzt und richtig spannend werden lassen.
So hatte der Roman einen Sog und ich ich gebe eine gute Leseempfehlung.
Magdalena
aus Köln
5/5
11.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Kindheit im katholischen Irland und ein langes Leben im jüdischen Glauben
Madame Lazare von Tadhg Mac Dhonnagáin, aus dem Irischen von Elvira Veselinović ist ein großartiger Familien-/Generationenroman, der in Irland der 1930er und 1940er Jahre und in der Gegenwart in Brüssel spielt.
Levana stammt aus Paris, sie lebt und arbeitet in Brüssel. Ihre Mutter ist gestorben, als sie ein Kind war, und sie ist bei ihren Großeltern Hana und Samuel aufgewachsen. Die Familie praktiziert seit jeher den jüdischen Glauben, Hana ist Shoah-Überlebende. Als Levana die Nachricht erreicht, dass es Mémé nicht gut geht, macht sie sich auf den Weg zu ihr nach Paris. Als Hana wiederholt im Schlaf unverständliche Worte von sich gibt, nimmt Levana ihr Gemurmel auf und schickt es an eine Freundin, die Übersetzerin bei der Europäischen Kommission ist. Es stellt sich heraus, dass Hana Irisch spricht.
Àrainn / Irland, 1937: Muraed lebt mit ihrem Vater, Schwester Bid und Bruder Páraic auf den Aran-Inseln vor der Westküste Irlands. Páraic ist kognitiv beeinträchtigt, er kann nicht sprechen und verbringt seine Tage damit, mit Steinen zu spielen. Manchmal überkommen ihn Wutanfälle, dann ist Muraed die Einzige, die ihn beruhigen kann.
Muraeds Vater ist in der ganzen Gegend als Geschichtenerzähler bekannt. Als eines Tages ein Volkskundler auftaucht, der diese Geschichten aufnehmen und aufschreiben will, ist Muraed von diesem Projekt begeistert. Voller Elan schreibt sie ganze Hefte voll mit den Geschichten ihres Vaters und schickt sie nach Dublin.
Für Levana ist es ein Schock zu erfahren, dass ihre Großmutter aus dem katholischen Irland stammt, zumal in ihrem Hause immer nach jüdischen Bräuchen und Traditionen gelebt wurde.
Für mich hätte das Buch noch länger sein können, gerne hätte ich mehr über das Leben von Hana und Samuel nach ihrem Kennenlernen erfahren. Muraeds Geschichte hat mich sehr berührt, unglaublich, dass sie ihr Leben lang eine Lüge gelebt hatte und ihr Geheimnis erst im hohen Alter enthüllt wurde, nachdem Kindheitserinnerungen wieder hochgekommen sind.
Sehr informativ ist das umfangreiche Glossar am Ende des Buches mit Erläuterungen zu dem von Muraed aufgesagten Gedicht über die Geschichte Irlands, Hinweisen zur irischen Aussprache der Orts- und Personennamen, und Begriffen aus dem jüdischen Brauchtum. So wird der Name des Autors Tadhg Mac Dhonnagáin Teig Mäc Ronnagahn und die Protagonistin Muraed Müräd ausgesprochen.
Sehr gern empfehle ich den berührenden Irland-Roman weiter und vergebe fünf Sterne.
Bewertung
5/5
08.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein großartiger, eindringlicher Roman
Seit sie denken kann, ist Levana stolz auf ihre jüdische Herkunft, die Generationen jüdischer Frauen, von denen sie abstammt, auf ihre Großmutter, Hana Lazare, die als Einzige in ihrer Familie die Shoah überlebt hat und es nie geschafft hat, darüber zu sprechen. Bis Hana, die zunehmend den Bezug zum Hier und Jetzt verliert, plötzlich anfängt, Wörter in einer Sprache zu murmeln, die Levana vollkommen fremd ist. Als sie beginnt, die Bruchstücke zusammenzufügen, die aus Madame Lazares Erinnerung emporgespült werden, löst sich vor ihren Augen alles, was sie über das Leben ihrer Großmutter weiß, in Nichts auf. Die Spur führt sie von Paris und Brüssel bis ans Ende der Welt, eine kleine Insel vor der irischen Atlantikküste, zu einem jungen Mädchen, das sich nicht mehr vom Leben wünscht, als alt werden zu dürfen auf dieser Insel, wo der Wind ihr das Haar zerzaust, beim Klang der Wellen und dem Geruch von Seetang, beim Geschichtenerzählen am Torffeuer, bis etwas ihr Leben für immer ändert. »Die Raffinesse des Plots und die Erzählkunst erinnern den Leser an die großen Werke von Balzac oder Thomas Mann.« (Irish Times) Man muss gar nicht so weit ausholen, auch für sich genommen ist Tadhg Mac Dhonnagáins Madame Lazare ganz große Kunst und ganz sicher ein Straßenfeger. Bitte mehr von diesen Büchern.
Eternal-Hope
aus Österreich
4/5
25.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Frage der Identität zwischen Irland, Frankreich und dem Judentum
Ich habe die Lektüre dieses Buches vor mehreren Wochen beendet, blicke nun zum Verfassen der Rezension noch einmal auf das Buchcover und spüre, wie ich sofort wieder drin bin in der Geschichte. Ich bin wieder mit der jungen Muraed auf den irischen Aran-Inseln und blicke auf das Meer. Ich spüre ihre tiefe Verwurzelung in der irischen Volkskultur und in ihrem katholischen Glauben, die Hoffnung auf Hilfe durch die Jungfrau Maria, ihre Verbundenheit und Liebe zu ihrem kognitiv beeinträchtigten Zwillingsbruder Páraic, um den sie sich aufopfernd kümmert, aber auch zu ihrer Heimat. In mir höre ich das Rauschen des Meeres und die so andersartige irische Sprache, in der abends beim geselligen Zusammensein alte Gedichte und Geschichten weitergegeben werden. Und ich denke und fühle nach, über Verwurzelung, Heimat und Identität,...
... aber auch über Entwurzelung, neue Heimat und wiederum die Identität, die mit der eigenen Herkunft und Religion verbunden sein kann. Denn auch die anderen Schauplätze, an denen das Buch spielt, spüre ich noch tief in mir. Die in Frankreich lebende Familie Lazare: Oma Hana, die angibt, aus einer jüdischen Familie im Baltikum zu stammen und all ihre Familienmitglieder in der Shoah verloren zu haben. So tief sei das Trauma, dass sie nicht darüber sprechen könne, seit Jahrzehnten. Ihr Mann Samuel, mit deutsch-französisch-jüdischen Wurzeln, liebevoll an ihrer Seite. Die beiden sind Teil der jüdischen Community an Vertriebenen und Überlebenden in Paris, doch sonderlich religiös sind sie nicht. Das ändert sich erst, als sich die erwachsene Tochter Brigitte kurz vor ihrem Tod stark der jüdischen Religion zuwendet und ihnen den Auftrag gibt, Enkelin Levana in dieser Prägung zu erziehen. Dann die erwachsene Levana, die sich um die älter und kränker werdende Oma Hana kümmert, die plötzlich in einer unbekannten Sprache spricht und damit ihre Enkelin vor ein Rätsel stellt.
Daran, wie dieses Buch noch nach Wochen emotional in mir nachwirkt, zeigt sich, dass es sich um ein tiefgründiges und atmosphärisch geschriebenes Werk mit realistisch und vielschichtig gezeichneten Charakteren handelt, das viel Stoff zum Nachdenken, Nachspüren und Diskutieren liefert. Erzählt ist das Buch auf mehreren Zeitebenen und aus den Sichten verschiedener Figuren, vom Irland in der Zeit des Zweiten Weltkrieges über das Paris Jahrzehnte später bis zu Belgien in der nahen Gegenwart. Dabei sind die verschiedenen Zeit- und Ortswechsel so geschickt miteinander verwoben, dass ich das Buch als leicht lesbar, spannend und unterhaltsam empfunden habe, nie verwirrt war und es genossen habe, die unterschiedlichen Perspektiven kennen zu lernen, mit den Figuren mitzufühlen und Schritt für Schritt die genaueren Hintergründe der Geschichte zusammenzusetzen. Dabei habe ich außerdem viel Interessantes über die irische Sprache und Volkskultur gelernt.
Im Anhang findet sich ein ausführliches Glossar mit Informationen zur Aussprache der irischen Wörter sowie weiteren Hintergrundinformationen sowohl zur irischen Kultur als auch zur jüdischen Religion. Dieses habe ich parallel zur Lektüre als sehr hilfreich empfunden. Insgesamt zeigt sich auch dadurch, wie ausführlich sich der Autor mit seinen Themen auseinandergesetzt hat.
Vieles von dem, was ich bisher erwähnt habe, würde also für ein 5-Sterne-Buch sprechen, wenn es nicht einen kleinen Makel gäbe: nicht alles hat sich am Ende so aufgelöst und erklärt, dass es für mich komplett plausibel war. Es bleiben einige offene Fragen in Bezug auf die Geschichte. Dafür einen Stern Abzug für ein sonst sehr gutes, lesenswertes und definitiv empfehlenswertes Buch, das ich sehr gerne gelesen habe.
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