Vor gut 60 Jahren kamen die ersten Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Wo stehen wir heute, nach so vielen gemeinsamen Jahren? Musa Deli zeigt, wie sehr auch die dritte Generation noch von der Migration geprägt ist, und wie es besser laufen könnte.
„Wir sind ein Land mit Migrationshintergrund“, stellte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unlängst fest. Die deutsche Gesellschaft hat längst ein internationales Gesicht. Und doch fragen sich viele angesichts von jubelnden Erdogan-Fans in Köln oder protzenden migrantischen Jugendlichen in dicken Autos, ob die Integration wirklich gelungen ist.
Musa Deli kennt die Sorgen, Probleme und Hoffnungen der Deutschtürken von seiner Arbeit als Sozialpsychologe in Köln wie kaum ein anderer. Seine aus persönlicher wie allgemeingültiger Sicht geschilderte Geschichte der drei Generationen von Türken in Deutschland ist eine ebenso hellsichtige wie mitreißende Analyse der Lebenswirklichkeit in Deutschland in all ihren Facetten. Gerade in Hinblick auf die aktuelle Migration ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, was es bedeutet, in einem fremden Land aufzuwachsen.
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Bereicherung für ein friedliches Miteinander
Bewertung am 28.09.2022
Bewertungsnummer: 1795096
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
In „Zusammenwachsen“ beschreibt Musa Deli die Belastungen und Herausforderungen der Migration und ihre Auswirkungen auf die Integration der MigrantInnen in Deutschland. Dabei konzentriert er sich vorrangig auf Menschen mit türkischem Migrationshintergrund.
Doch was bedeutet es, ein Mensch mit Migrationshintergrund zu sein? Per Definition ist es jemand, der selbst oder mindestens ein Elternteil migriert ist. Dies bedeutet, dass Migranten der 3. Generation, bei denen die Eltern in Deutschland geboren wurden, in sämtlichen Statistiken gar nicht als „mit Migrationshintergrund“ auftauchen, aber die Auswirkungen dennoch in der Gesellschaft spüren. Dies behindert allerdings in weiten Teilen ein normales Zusammenleben, da man sich ständig rechtfertigen muss (z.B. zu politischen oder religiösen Themen) oder sich anpassen/entscheiden soll („Hier in Deutschland trinken wir Bier!“, „Wir sind in Deutschland, redet deutsch!“ bei Unterhaltungen mit anderen türkischsprachigen Menschen). Dies kann mitunter zu einer Identitätskrise führen.
Musa Deli geht zunächst auf die unterschiedlichen Generationen an MigrantInnen ein und erläutert wirklich unfassbar empathisch von den jeweiligen Problemen und Gedanken dieser Menschen. Dabei beruft er sich auf seine Arbeit als Leitung eines Gesundheitszentrums für MigrantInnen in Köln. Gerade diese Erklärungen zu den drei Generationen fand ich sehr hilfreich für den Umgang mit Menschen in meinem Umfeld, da jede Generation ihre eigenen Probleme hat und wir doch oft vergessen, uns in unser Gegenüber hineinzuversetzen. Besonders betroffen hat mich das Kapitel zu den „Kofferkindern“ - die Kinder der ArbeitsmigrantInnen, die zunächst in der Türkei bei Verwandten auf unbestimmte Zeit bleiben mussten. Das ist etwas, das ich bis heute einfach nicht nachvollziehen kann, aber jeglicher Versuch es mit der älteren Generation zu besprechen, endet leider in einem relativ kurzen Gespräch. Aber auch dazu hat der Autor eine sehr logische Erklärung:
„bei ihnen [den Müttern, die ihre Kinder zurückgelassen haben] ist heute vor allem die Scham darüber groß, die Trennung zugelassen zu haben. Manchmal sogar so groß, dass sie über das Thema schweigen oder es nicht mehr erinnern.“
Man könnte auch sagen, dass es einen so tiefen Riss in der Seele hinterlassen hat, dass man diese teils traumatische Trennung versucht von sich abzukapseln und dann in Gesprächen in eine „Abwehrhaltung“ eingeht. So werden klärende Gespräche zwischen 1. und 2. Generation dadurch „vereitelt, dass Eltern ihren Kindern Undank vorwerfen […]. Es wird argumentiert, dass man doch stets alles für die Familie getan und Geld verdient habe, um den Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen.“
Im weiteren Verlauf erläutert Deli, mit welchen Mitteln und Vorgehensweisen wir die Integration „verbessern“ können und ein friedliches Miteinander möglich machen. Hierbei ist es vor allem wichtig, dass wir als Gesellschaft Offenheit ausstrahlen und unsere kulturelle Diversität als Bereicherung auffassen.
[…]es werden von beiden Seiten Vermutungen über die Beweggründe des Gegenübers angestellt, ohne miteinander in den Dialog zu treten. Wir bleiben uns - trotz all der gemeinsamen Jahre - fremd und erfahren nichts über die tatsächlichen Motive und Hintergründe der alltäglichen Interaktionen.“
Dieses Buch möchte ich wirklich von Herzen empfehlen: An Menschen mit türkischem Migrationshintergrund aus jeder (!) Generation, da man so generationenübergreifende Konflikte vielleicht vermeiden kann (oder die Eltern/Kinder besser versteht!). Daher die Bitte, dieses Buch auch auf Türkisch zu übersetzen.
Weiterhin an Menschen, die aus anderen Ländern nach Deutschland migriert sind, um einen offenen Austausch zu fördern und voneinander zu lernen. Man kann vielleicht einen Großteil der Erklärungen auf die Allgemeinheit der MigrantInnen beziehen, aber eben nicht alles.
Zu guter Letzt möchte ich dieses Buch jedem Menschen in Deutschland empfehlen, der sich unserer Gesellschaft zugehörig fühlt, hier lebt und sich vielleicht sogar an dem „Migrantenstrom“ stört, da ich die Hoffnung nicht aufgebe, auch mit diesen Menschen auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
Ich vergebe 4,5 Sterne, da sich manche Erläuterungen wiederholen und der Autor zu häufig generalisiert (vor allem die Erklärungen der Probleme der ersten und dritten Generation). Es wäre schön gewesen, hier auch von den „integrierten“ Menschen zu lesen.
Außerdem möchte ich anmerken, dass der Titel wundervoll gewählt wurde, da das Wort je nach Schreibweise eine mehrfache Bedeutung hat: Zusammenwachsen und zusammen wachsen.
Für mich war die Lektüre dieses Buches eine absolute Bereicherung!
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