Wie im „Floß der Medusa“ erzählt Franzobel eine neue erfundene wahre Geschichte: Der Pathologe Thomas Harvey stiehlt Einsteins Hirn und behält es sein Leben lang.
Am 18. April 1955 kurz nach Mitternacht stirbt Albert Einstein im Princeton Hospital, New Jersey. Seinem Wunsch entsprechend wird der Körper verbrannt und die Asche an einem unbekannten Ort verstreut. Vorher jedoch hat der Pathologe Thomas Harvey Einsteins Hirn entfernt, danach tingelt er damit 42 Jahre durch die amerikanische Provinz. Mit ihm erlebt Harvey die Wahl John F. Kennedys zum Präsidenten und die erste Landung auf dem Mond, Woodstock und Watergate und das Ende des Vietnamkriegs; und irgendwann beginnt das Hirn, mit Harvey zu sprechen.
Franzobels neuer Roman ist ein hinreißender Trip durch wilde Zeiten und zugleich die Lebensgeschichte eines einfachen, aber nicht gewöhnlichen Mannes, den Einsteins Hirn aus der Bahn wirft.
Kundinnen und Kunden meinen
3.7/5.0
Bewertung
5/5
19.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Roman, der auf Tatsachen beruht....
Ein Roman, der auf Tatsachen beruht. Als Einstein 1955 starb, wurde ihm das Gehirn zu Forschungszwecken entnommen. Für Harvey wird es zur Obsession, er flüchtet durch die Staaten, aus Angst jemand könnte es stehlen. Sein eigenes Leben bleibt dabei auf der Strecke.
Bewertung
5/5
06.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Für Fans skurriler Charaktere
Eine „erfundene wahre Geschichte“, so bezeichnet Hanser den Roman Franzobels rund um den Pathologen und Durchschnittsbürger Thomas Harvey, der 1955 in Princeton den Leichnam Albert Einsteins obduziert und dessen Gehirn entwendet. Was für ihn mit der Suche nach dem Ursprung von Einsteins Genialität beginnt, entwickelt sich zu einem wendungsreichen Lebensprojekt. Das Hirn (es spricht Schwyzerdütsch!) begleitet Harvey auf einer oft bizarren Tour durch Jahrzehnte amerikanischer Zeitgeschichte.
Ein intelligenter und an vielen Stellen skurriler Roman, bei dem der reale Hintergrund und die Phantasie des Autors eine wilde Mischung aus Religion, Philosophie und Geschichte ergeben. Einfach genial!
Edith Berger
aus 3istau
5/5
07.02.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
sehr großes Lesevergnügen
„Thomas Harvey ist an keiner Steilküste zerschellt, sondern an einer weichen grauen Masse, einem Hirn“….Thomas Harvey ist Pathologe am Princeton Hospital New Jersey. Albert Einstein wird in diesem Spital behandelt. Die Aussichten sind schlecht. Es ist der 18. April 1955. Thomas Harveys Plan für den Tag - kurz in der Klinik vorbeischauen und danach einen Blumenstrauß für seine Frau Elouise zum Hochzeitstag kaufen. Und dann stirbt Einstein, ausgerechnet heute. Der Klinikdirektor beschwört ihn, als Chef der Pathologie die Obduktion vorzunehmen. Und dann geht der Wissenschaftler mit ihm durch. Hätte er nur seinen kurzen Gedanken diese Aufgabe abzulehnen durchgezogen.
Eskalina
aus Hannover
5/5
01.02.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Außergewöhnlich...gut!
Gibt man „Einsteins Gehirn“ in die Suchmaschinen ein, so erhält man die historischen Tatsachen zu dieser Geschichte. Als Albert Einstein im April 1955 starb, entnahm der Pathologe Thomas Harvey eigenmächtig das Gehirn, um des Sitz der Genialität zu erforschen. Als das bekannt wurde, musste er sich mit der erbosten Familie auseinandersetzen, doch es gelang ihm, die Erlaubnis von Einsteins Sohn zu bekommen. Harvey musste recht bald erkennen, dass er, ein mittelmäßiger Pathologe, auf Hilfe für diese Forschung angewiesen war. Er schickte Gewebestücke an verschiedenen Hirnspezialisten in den USA, die aber keine Auffälligkeiten finden konnten.
Für Harvey wird das Gehirn zu einer Obsession; seine Gedanken drehen sich nur noch um das Gehirn und irgendwann beginnt das Gehirn auf schweizerdeutsch mit ihm zu sprechen. Die erste Ehe geht daran kaputt, er verliert seine Stelle und zieht mit dem Hirn im Einwegglas durch verschiedene Bundesstaaten, immer in der Angst, dass ihm jemand das Denkorgan stehlen könnte.
Franzobel erzählt in seinem neuen Roman erneut eine wahre Geschichte, die sich so oder so ähnlich abgespielt haben könnte. Er nimmt die bekannten Fakten, erfindet den Rest dazu und das so gut, dass man, wie schon bei seinen anderen Büchern, fast süchtig danach wird. Auch bei Einsteins Hirn konnte ich nicht genug von der Erzählweise bekommen. Der Autor schildert mit teilweise schwarzem Humor diese tragikomische Lebensgeschichte. Es ist die Geschichte eines Versagens auf ganzer Linie.
Die einzelnen Lebensstationen des Protagonisten zu verfolgen, seine widersprüchliche Persönlichkeit zu erleben und den zeitgeschichtlichen Kontext zu erfahren, war ein außergewöhnliches Leseerlebnis. Ich bin immer noch schwer begeistert von diesem Roman und hoffe, Franzobel arbeitet schon an seinem nächsten Meisterwerk.
dracoma
aus LANDAU
4/5
18.01.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was für eine bizarre Geschicht…
Was für eine bizarre Geschichte! Franzobel hat sich einen historischen Stoff ausgesucht: die Geschichte des Thomas Stoltz Harvey (1912 – 2007), Chefpathologe des Krankenhauses in Princeton, in dem am 18.4. 1955 Albert Einstein infolge eines Aneurysmas gestorben war. Zu Einstein muss man nicht viel sagen: Nobelpreisträger und zu Lebzeiten schon einer der weltweit bekanntesten Wissenschaftler. Seine Relativitätstheorie revolutionierte die Physik, und die Menschen erfuhren staunend, dass Zeit und Raum keine Konstanten sind, dass der Kosmos sich seit einem Urknall ständig ausdehnt und andere Kosmen neben unserem denkbar sind. Einstein war nicht nur ein genialer Wissenschaftler, sondern wurde wegen seiner pazifistischen Einstellung auch zu einer Pop-Ikone seiner Zeit. Harvey ist ein freundlicher und gutartiger Mensch, ein frommer Quäker. Er obduziert Einsteins Leiche und entnimmt dabei eigenmächtig Einsteins Hirn, um Forschungen zur Anatomie der Genialität in Gang zu bringen. Dazu fehlen ihm jedoch die Arbeitsmittel und auch die fachliche Kompetenz. Daher zerschneidet er es in zentimetergroße Kuben, die er in Einmachgläsern bei sich zuhause lagert und wiederholt Hirnforschern zur Untersuchung anbietet – vergeblich. Franzobel ist ein Autor, der penibel recherchiert und für den historische Redlichkeit ein Muss ist. So suchte er alle Orte auf, an denen Harvey lebte und wirkte, und ließ sich von den letzten Zeitzeugen ihre Eindrücke schildern. Daher kann er weit ausholen. Wir lernen Harveys Elternhaus kennen, vor allem seinen frommen Vater und dessen Prügelexzesse, und verfolgen Harveys eher unruhiges Leben. Seine Ehen scheitern, zu seinen Kindern hat er kaum Kontakt, seine beruflichen Tätigkeiten variieren, er verliert seine Approbation und schlägt sich als Nachtwächter und Hilfsarbeiter durch, die politischen Verhältnisse wechseln (und hier kann sich der Autor seine bissige Kritik nicht verkneifen), panta rhei – die einzige Konstante in seinem Leben ist das Zusammensein mit Einsteins Hirn, das er in Einmachgläsern „eingeweckt“ immer mit sich führt. Und hier warten Überraschungen auf den Leser, die ihm Einsteins widersprüchlichen Charakter, seine Gedanken buchstäblich zu Gott und der Welt nahebringen. Franzobel vermischt originell die historische Realität mit einer Fiktion, wie sie hätte sein können. Seine Sprache ist wie gewohnt bildgewaltig, gelegentlich derb, aber immer wieder blitzt sein Humor durch; „Lungenfachärzte rauchten, und der Proktologe bohrte in der Nase“ (S. 118). Aber ich habe auch sehr anrührende Szenen gelesen, als er z. B. schildert, wie der über 80jährige Harvey, einsam, krank und verarmt, sich ein Zusammensein mit seiner ersten Frau erhofft.
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5/5
06.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Buch mit Hirn
Ein wilder Ritt durch die USA der Nachkriegsgeschichte. Pathologe Thomas Harvey muss Einstein autopsieren-und behält einfach dessen Hirn. Um dessen Genialität nachzuweisen. Oder so ähnlich. Fortan begleitet ihn dieses Hirn durch alle Höhen und Tiefen seines Lebens.
Wie immer glänzt Franzobel mit Einfallsreichtum, Humor und zahllosen Metaphern. Einigen mag das vielleicht zu anstrengend sein. Für mich ist es das erste Lese-Highlight 2023.
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5/5
25.01.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Abgedrehter geht es kaum
1955: Albert Einstein stirbt. Und welche glorreiche Idee hat Thomas Harvey, der zuständige Pathologe? Er entnimmt vor der Einäscherung des Leichnams Einsteins Hirn und steht ab sofort öfter im Rampenlicht, als ihm guttut. Ob dies zum Wohle der Wissenschaft geschieht, oder um die eigene Mittelmäßigkeit zu kompensieren, wird sich am Ende eines über vierzig Jahre andauernden, von schwarzhumorigen und grotesken Erlebnissen durchzogenen Wahnsinns herausstellen, bei dem ein Protagonist im Mittelpunkt steht, den man in einem Moment in den Arm nehmen und im nächsten ohrfeigen möchte.
Die Skurrilität des Ganzen dürfte für den einen oder anderen eine Herausforderung sein, aber man kommt nicht umhin, den inhaltlichen und sprachlichen Einfallsreichtum zu bewundern.
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