Eigentlich möchte Hannah nicht im Gerichtsverfahren gegen ihren früheren Chef Daniel aussagen. Dem renommierten Sternekoch werden sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Bisher hatte Hannah die Erinnerungen an ihre Zeit im Restaurant sorgfältig verdrängt und will zehn Jahre später die scheinbare Stabilität ihres Lebens nicht gefährden.
Während Hannah von der Vergangenheit eingeholt wird, ist der Angeklagte fassungslos. Wegen eines Vorfalls, dem Daniel kaum Bedeutung beimisst, ist er gezwungen, sein Restaurant im Zentrum Dublins zu schließen. Er sieht sich als Opfer von Rufmord durch eine Kellnerin, die es auf Schmerzensgeld abgesehen hat.
Zugleich muss sich seine Frau Julie, bedrängt von Paparazzi und dem drohenden Zusammenbruch der gemeinsamen familiären Existenz, der Frage stellen, ob Daniel der Mann ist, den sie zu kennen glaubte.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Bewertung
aus Freiberg
5/5
21.02.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Opfer oder Überlebende: Aufwühlender, authentischer #metoo-Roman
Hm, noch ein weiterer #metoo-Roman, brauchen wir den wirklich?
Im Fall von Sarah Gilmartins Roman „Service“ sage ich eindeutig: JA, brauchen wir!
Die Thematik ist zwar an sich nicht neu, hier ist das Setting aber mal in der Nobel-Restaurant-Szene angesiedelt, zudem ist die Umsetzung mit den drei Erzählperspektiven wirklich sehr gelungen. Dass nicht nur das Opfer, sondern auch der Täter und dessen Ehefrau zu Wort kommen, sorgt hier für ein besonderes Lesevergnügen. Insbesondere die Sicht und Gedankengänge von Julie, der Ehefrau, fand ich sehr interessant.
Der Titel „Service“ mutet recht harmlos an und zu Beginn des Buchs wird man auch erstmal in die Welt der Sterne-Restaurants und die stressigen Tagesabläufe eingeführt. Diese Beschreibungen fand ich sehr authentisch und glaubwürdig, besonders was die Situation der Frauen im Service und das Klientel im Restaurant angeht:
"Die ganze Atmosphäre. Das Anspruchsdenken. Bloß weil sie reich sind, können sie uns, das Personal, behandeln, wie sie wollen."
Und dann geht es richtig los: Hannah wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, obwohl sie die Erinnerungen an ihre Zeit im Restaurant vor 10 Jahren lieber weiterhin verdrängen will. Sie möchte sich nicht mehr mit dem befassen, was damals passiert ist. Daher möchte sie nicht im Gerichtsverfahren gegen ihren früheren Chef Daniel aussagen. Dem berühmten Sternekoch werden sexuelle Übergriffe vorgeworfen, weswegen er gezwungen war, sein Restaurant zu schließen. Er kann das gar nicht fassen, da er selbst dem Vorfall, um den es bei der Anklage geht, kaum Bedeutung beimisst. Er sieht sich selbst als Opfer von Rufmord und einer ungerechtfertigten Anklage. Gleichzeitig muss sich seine Frau Julie neu sortieren, nicht nur die Belagerung durch die Presse setzen ihr zu, sondern auch die Frage, wie gut sie den Mann an ihrer Seite eigentlich wirklich kennt?
"Die Frage verfolgt mich überall hin: wie konnte ich nicht wissen, dass mein Mann mit anderen Frauen anwandelte? Und dahinter die Frage, die mir noch niemand gestellt hat: Wie konnte ich nicht wissen, dass mein Mann ein Triebtäter ist? Aus irgendeinem Grund habe ich darauf keine Antwort, lediglich den grausamen Gedanken, dass all die Jahre bedeutungslos waren, unsere Ehe eine Illusion."
Auf dem Weg bis zur Gerichtsverhandlung nimmt die Handlung ordentlich an Fahrt auf. Dabei gibt es immer wieder Rückblenden, die die Spannung ebenso aufrechterhalten.
Ich möchte hier nicht spoilern und sage daher nichts zum Ende der Geschichte - lest dieses Buch unbedingt selbst!
Wer „Prima facie“ von Suzie Miller mochte, dem wird sicher auch dieses Buch gefallen.
Für mich ist es auf jeden Fall ein echtes Highlight zu einem sehr wichtigen Thema!
"Dieser Sommer ruinierte tatsächlich mein letztes Studienjahr, aber nicht so, wie meine Eltern befürchtet hatten. Im September kehrte ich als anderer Mensch als Trinity College zurück, beschädigt und wachsam, konnte die Geschehnisse nicht hinter mir lassen und war zu verängstigt, um auf eine bessere Zukunft zu vertrauen. Tage, Wochen, Monate, die ich mit der Frage verschwendete, wieso es mir passiert war. Ich war wütend auf alles.
....
.... während meine eigentliche Frage lautete: könnt ihr mir helfen, nicht mehr kaputt zu sein?"
"Gelegentlich gelingt es einem, das Trauma auszublenden, doch die Nachwirkungen vergisst man nicht."
"Und danach, als sie sagte, man könne sich entscheiden, ob man Opfer oder Überlebende sein wolle, dachte ich: Schon, oder man kann sich entscheiden, beides zu sein."
„Auf einmal bin ich wutentbrannt, spüre denselben grenzenlosen Zorn wie nach jener Nacht: Ich war nicht diejenige, die das Problem verursacht hatte, musste es aber trotzdem beseitigen, da die Welt nie müde wird, Frauen mit Aufgaben zu überhäufen.“
nessabo
5/5
07.02.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein weiterer, äußerst lesenswerter #MeToo-Roman
Wer „Prima facie“ mochte, wird hier eine würdige Alternative finden, denn wenig überraschend ist es völlig egal, in welcher Branche oder in welchem Land sich ein 6ueller Übergriff ereignet - das Victim Blaming und die juristischen Hürden sind überall gleich.
Während „Prima facie“ aber einen starken Fokus auf das Rechtssystem und den Wandel der Protagonistin von Verteidigerin zu Betroffener legte, setzt „Service“ die Komplexität der Tat anders um. So gibt es hier drei Erzählstimmen, die den zu Beginn nur zaghaft angedeuteten Vorfall vielschichtig betrachten.
Ich mag verschiedene Perspektiven sehr, weil sie, wenn gut geschrieben, ein komplexes Gesamtbild schaffen können. Das ist Sarah Gilmartin eindeutig geglückt! Kellnerin Hannah, die sehr jung im gehobenen Restaurant T anfängt, schildert zunächst eindrücklich die Atmosphäre in der Gastronomie. Wer dort schon einmal gearbeitet hat, wird das Geschriebe wohl körperlich fühlen, so authentisch ist es.
Daniel, der Beschuldigte, ist ein arrogantes Ekel und ich habe mich einfach kontinuierlich aufgeregt. Andere schreiben davon, dass sie sogar fast auf seine Sicht hereingefallen sind, das war bei mir gar nicht der Fall. Auch, wenn der Charakter eines Menschen nicht zwangsläufig auf sein Verhalten schließen lässt, war für mich hier von Anfang an alles klar. Seine Sicht, so gut sie auch in die Handlung passt, ist der Grund, warum ich einen halben Stern weniger vergebe als für „Prima facie“ - es hat mich einfach zu sehr aufgewühlt, ihn wiederholt in meinem Kopf zu haben.
Julie, seine Ehefrau, ist eine faszinierende Figur, die erst im Laufe der Geschichte Vergangenes neu einordnet und damit die für mich spannendste Entwicklung durchläuft. Sie ist die Figur, die zwischen den beiden anderen steht und deren Urteil wiederholt schwankt.
Ein großes Plus des Romans ist die Solidarität unter den Kellnerinnen und die war für mich auch das, was das Buch zum Schluss durchaus empowernd machte, ohne angesichts der bitteren Realität naiv zu sein. Eine Geschichte, die schmerzvoll und zum Schreien, aber eine klare Empfehlung ist!
4,5 ⭐️
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TW: Vergew@ltigung, 6uelle Übergriffe, Substanzmissbrauch
nessabo
5/5
07.02.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein weiterer, äußerst…
Ein weiterer, äußerst lesenswerter #MeToo-Roman Wer „Prima facie“ mochte, wird hier eine würdige Alternative finden, denn wenig überraschend ist es völlig egal, in welcher Branche oder in welchem Land sich ein 6ueller Übergriff ereignet - das Victim Blaming und die juristischen Hürden sind überall gleich. Während „Prima facie“ aber einen starken Fokus auf das Rechtssystem und den Wandel der Protagonistin von Verteidigerin zu Betroffener legte, setzt „Service“ die Komplexität der Tat anders um. So gibt es hier drei Erzählstimmen, die den zu Beginn nur zaghaft angedeuteten Vorfall vielschichtig betrachten. Ich mag verschiedene Perspektiven sehr, weil sie, wenn gut geschrieben, ein komplexes Gesamtbild schaffen können. Das ist Sarah Gilmartin eindeutig geglückt! Kellnerin Hannah, die sehr jung im gehobenen Restaurant T anfängt, schildert zunächst eindrücklich die Atmosphäre in der Gastronomie. Wer dort schon einmal gearbeitet hat, wird das Geschriebe wohl körperlich fühlen, so authentisch ist es. Daniel, der Beschuldigte, ist ein arrogantes Ekel und ich habe mich einfach kontinuierlich aufgeregt. Andere schreiben davon, dass sie sogar fast auf seine Sicht hereingefallen sind, das war bei mir gar nicht der Fall. Auch, wenn der Charakter eines Menschen nicht zwangsläufig auf sein Verhalten schließen lässt, war für mich hier von Anfang an alles klar. Seine Sicht, so gut sie auch in die Handlung passt, ist der Grund, warum ich einen halben Stern weniger vergebe als für „Prima facie“ - es hat mich einfach zu sehr aufgewühlt, ihn wiederholt in meinem Kopf zu haben. Julie, seine Ehefrau, ist eine faszinierende Figur, die erst im Laufe der Geschichte Vergangenes neu einordnet und damit die für mich spannendste Entwicklung durchläuft. Sie ist die Figur, die zwischen den beiden anderen steht und deren Urteil wiederholt schwankt. Ein großes Plus des Romans ist die Solidarität unter den Kellnerinnen und die war für mich auch das, was das Buch zum Schluss durchaus empowernd machte, ohne angesichts der bitteren Realität naiv zu sein. Eine Geschichte, die schmerzvoll und zum Schreien, aber eine klare Empfehlung ist! 4,5 ⭐️ . . TW: Vergew@ltigung, 6uelle Übergriffe, Substanzmissbrauch
madamebiscuit15
5/5
25.09.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Absolut lesenswert, aktuell und packen geschrieben
Das schillernde Restaurant T. zieht die junge Kellnerin Hannah in seinen Bann. Glamourös, ein toller Verdienst, ein eingeschworenes Team und der hoch angesehene Chefkoch Daniel, der hinter den Kulissen den Ton angibt. Schnell wird sie ein Teil davon und akzeptiert den Sexismus und die verbalen Erniedrigungen der Kellnerinnen, weil es eben dazu gehört. Doch dann gibt es diesen einen Abend, nachdem die Gäste gegangen waren, das Team ausufernd feiert und der für Hannah alles verändert.
10 Jahre später wird Daniel von einer Kellnerin des sexuellen Missbrauchs angeklagt. Ob er ihn wirklich begangen hat?
Sarah Gilmartin schreibt fesselnd und psychologisch scharfsinnig. Innerhalb weniger Zeilen war ich in die Gastrowelt abgetaucht und konnte das Buch nicht mehr zur Seite legen. Dabei wird die Geschichte nicht nur aus Hannahs, sondern auch aus Daniels und der Perspektive seiner Frau Julie erzählt. Für mich ein absolut gelungener Kniff, der dem Roman noch mehr Tiefe und Substanz verleiht. Anhand aller drei Protas verdeutlicht die Autorin plastisch unsere gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Egal, ob die althergebrachten, patriarchalen oder die sich etablierenden, feministischen und wie tief gerade die gestrigen Ansichten auch in uns Frauen immer noch verankert sind.
„Bin ich dir jemals so vorgekommen, als müsste ich Frauen zum Sex zwingen?“ S. 205
Dieses Buch hat mich in vielen Momenten wütend gemacht, weil die Aussagen darin so treffend und wahr sind. Es offenbart mit einer erschreckenden Leichtigkeit, wie sehr wir gewillt sind, uns selbst zu belügen, um den Schein zu wahren und was für schreckliche Folgen das für uns hat. Aber es zeigt auch auf, dass wir nicht machtlos sind.
Von mir gibt es eine 100% Leseempfehlung für alle.
Bewertung
5/5
26.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wessen Wahrheit zählt?
Dieser Roman erzählt eine realistische, moderne Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Hannah, die junge Studentin,beginnt im Sternelokal von Daniel als Kellnerin zu arbeiten. Sie wird unter dem Kriterium ‚optisch ansprechend‘ eingestellt und damit ist schon viel über die Auswahl des Servicepersonals gesagt. Durch Hannah und ihre Beobachtungen entfaltet sich der Kosmos eines hierarchisch geführten Restaurants. Auch Daniel erzählt über sein Leben, seine Erfolge und seine Ansprüche. Während man die beiden Erzählstränge verfolgt wird klar, dass hier etwas nicht zusammen passt. Und tatsächlich wird Daniel angezeigt und vor Gericht gestellt: er habe eine Angestellte vergewaltigt. Nun berichtet auch seine Ehefrau über ihr Leben mit ihm und den Kindern. Dieser Roman ist spannend wie ein Krimi, spart sich aber Klischees. Erst kurz vor Schluss erfahren die Leser/innen die Wahrheit und welche Konsequenzen die verschiedenen Personen daraus ziehen.
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5/5
20.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Absolute Leseempfehlung
"Service" ist ein spannender #metoo Roman, der durch drei unterschiedliche Perspektiven besticht. Hannah hat vor Jahren als Kellnerin im angesagten Restaurant des attraktiven Sternekochs Daniel in Dublin gearbeitet. Jetzt, Jahre später, wird sie gebeten vor Gericht auszusagen. Daniel ist wegen sexuellen Übergriffen angeklagt. Hannah lehnt ab, doch der Prozess lässt ihre Erinnerungen an diese Zeit wieder lebendig werden. Wir lesen die Geschichte aus der Sicht von Daniel, der sich nicht zu erinnern scheint, Hannah, die offensichtlich auch betroffen ist und Daniels Ehefrau Julie, welche ihr komplettes Leben in Frage stellt. Unglaublich spannend erzählt, mit überzeugender Darstellung der Atmosphäre in diesem Spitzenrestaurant. Ich habe bis zum Ende mitgefiebert und finde es ein sehr gelungenes Buch zu diesem Thema.
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