Bittersüß und zutiefst politisch schreibt Dmitrij Kapitelman in seinem neuen Roman über Familie und die (Un-)Möglichkeit der Verständigung in Zeiten alter und neuer Kriege.
Eine Familie aus Kyjiw verkauft russische Spezialitäten in Leipzig. Wodka, Pelmeni, SIM-Karten, Matrosenshirts - und ein irgendwie osteuropäisches Zusammengehörigkeitsgefühl. Wobei, Letzteres ist seit dem russischen Überfall auf die Ukraine nicht mehr zu haben. Die Mutter steht an der Seite Putins. Und ihr Sohn, der keine Sprache mehr als die russische liebt, keinen Menschen mehr als seine Mutter, aber auch keine Stadt mehr als Kyjiw, verzweifelt. Klug ist es nicht von ihm, mitten im Krieg in die Ukraine zurückzufahren. Aber was soll er tun, wenn es nun einmal keinen anderen Weg gibt, um Mama vom Faschismus und den irren russischen Fernsehlügen zurückzuholen? Ein Buch, wie nur Dmitrij Kapitelman es schreiben kann: tragisch, zärtlich und komisch zugleich.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Bewertung
5/5
29.04.2025
eBook (ePUB)
Wenn die eigenen Wurzeln verwirren
Kapitelmanns "Russische Spezialitäten" handelt von Dima, dem Sohn eines jüdisch-urkainischem Vaters und einer russisch-sibirischen Mutter. Nachdem sie nach Deutschland auswandern, eröffnen sie einen Laden für russische Spezialitäten, in dem Dima von kleinauf mithilft. Dabei begegnen ihm zahlreiche "Naschi", die "Unseren", der Personen beschreibt, die allesamt aus postsovjetischen Staaten stammen. Dadurch bildet sich bei Dima ein Herkunftsbewusstsein, das von Einheit handelt, egal aus welchem post-sovjetischem Staat man kommt. Das hat sich jedoch seit dem Angriffskrieg Russlands schlagartig geändert, denn seine Mutter ist der pro-russischer Propaganda so stark ausgeliefert, dass eine immer größere Kluft zwischen ihnen, aber auch zwischen Dima und seinem Herkunftsbewusstsein, wächst. "Russische Spezialitäten" ist ein höchstpersönlicher Roman, dessen Handlung ich nur zu gut aus meinem eigenen Leben kenne. Kapitelmann gelingt es grandios den inneren Konflikt zwischen Herkunft und politischem Bewusstsein darzustellen und dabei bittersüß nostalgisch zu schwelgen.
brauneye29
aus Wachtendonk
5/5
22.02.2025
eBook (ePUB)
Lesenswert
Zum Inhalt:
Eine Familie aus Kyjiw führt in Leipzig einen Laden für russische Spezialitäten und gleichzeitig gibt es eine Art osteuropäisches Zusammengehörigkeitsgefühl das abrupt ändet als der russische Überfall auf die Ukraine geschieht. Die Mutter steht voll auf der Seite Putins, der Sohn verzweifelt fast daran. Wie soll er nur die Mutter vom Faschismus und russischen Lügen wegholen?
Meine Meinung:
Das erste was mir nach Abschluss des Buches in den Kopf kam war "Holla, die Waldfee", denn dieses Buch erwischt einen schon eiskalt und macht vieles sehr deutlich. Zerrissenheit, die plötzlich in der Familie auftritt, Propaganda, rechtsradikale Themen, der Krieg als Thema lässt einen nicht unberührt und dennoch gibt es auch immer wieder eine gewisse Leichtigkeit und dann wieder eine große Ernsthaftigkeit. Der Schreibstil ist sehr gut und das Buch verdient es absolut gelesen zu werden.
Fazit:
Lesenswert
CK
aus Raum Stuttgart
4/5
23.10.2025
eBook (ePUB)
Sprache und Zugehörigkeit…
Sprache und Zugehörigkeit Dimitrij Kapitelmann erzählt in seinem aktuellen Roman die Geschichte einer Familie, die in Leipzig ein Geschäft für russische Spezialitäten hat. Neben Wodka und Pelmeni gibt es hier auch eine Art Zugehörigkeitsgefühl für Osteuropäer*innen. Seit Kriegsbeginn in der Ukraine ist das Verhältnis zwischen dem Protagonisten und seiner Mutter schwierig, denn die Mutter steht auf Putins Seite; glaubt alles, was das russische Fernsehen zeigt. "In der russischen Welt meiner Mutter ist Russland gut und heldenhaft und hat gar keine andere Wahl, als zu kämpfen. Herzlos ist das nicht von ihr, nur sehr wahrheitsverloren. Deswegen leidet Mama wohl auch so sehr darunter, dass ihr Sohn diese russischen Wahrheiten aufs Verderben nicht erkennen will. Sie fühlt sich missverstanden und zu Unrecht als russischer Unmensch verurteilt. Mir bleibt nur, weiter die Grenze zur Gewalt aufrechtzuerhalten, auch vor ihr. Und beim Abendessen selektiv auf den russisch ungefährlichen Bildschirm zu schauen. Aber Selbstbetrug ist eben auch Arbeit, die kein anderer für dich macht. Mama stopft sich noch eine Zigarette." "Ich schaue zu Mama. Wie ängstlich muss man sein, um die Welt nur aus dieser totalitären fernsehrussischen Sicht betrachten zu wollen? Wie schwach? Denn das ist Gewalt im Kern immer: Schwäche." Das Verhältnis ihres Sohnes zu ihr sowie zu seiner geliebten russischen Sprache wird auf eine schwere Probe gestellt. "Aber was heißt schon ‚außer‘ Sprache? Seit diesem Krieg weiß ich überhaupt nicht, was Sprache eigentlich ist. Was sie soll. Was sie will. Was sie kann. Ob sie gehört, wem sie gehört, wohin sie gehört. Wie sehr Sprache der Zeit hörig ist. Mein Verhältnis zur Sprache meiner Mutter, meiner Mutter-Sprache, war nicht immer so entmündigend politisch. Es gab Zeiten, da waren die Wörter zwischen uns treue Boten des Vertrauens. Nicht undurchsichtige Vertreter von Zusammengehörigkeit oder ewiger Trennung. Von Unschuld und Kriegsverbrechen, Leben und Tod letztlich." Mitten im Krieg unternimmt er eine Reise in die Ukraine, um seine Mutter zur Vernunft zu bringen. Ist das eine kluge Idee? "Das Licht geht aus, mein Handy hat aber weiter Empfang. Mama schreibt: 'Ja, es besteht ja auch gar keine richtige Gefahr. Russland beschießt ja ausschließlich militärische Ziele.' Sowjetischer Leim ist offensichtlich wirklich dicker als Blut. Falls diese Reise in die vom Krieg übersäte Ukraine ein unbewusster Versuch war, Mama von den russischen Lügen zurückzubekommen, dann ist er gescheitert." Dimitrij Kapitelmann hat einen gleichermaßen unterhaltsamen wie nachdenklich stimmenden Roman über Familie, Sprache und Herkunft geschrieben. Besonders die Abschnitte über seine Liebe zur russischen sprache fand ich sehr gelungen. "Wenn wir beide miteinander reden, fühlt es sich manchmal so an, als wäre uns nur noch die gemeinsame russische Sprache geblieben. Dabei waren wir noch nie weiter von einer gemeinsamen russischen Sprache entfernt. Und dennoch habe ich fast anderthalb Stunden an meinem russischen Sprachinhalator gehangen, bevor ich zu Besuch kam. Und gelesen. Nach etwa einem Jahr Invasion beschloss ich, trotz des russischen Terrors täglich genauso viele Seiten russischer Literatur zu lesen, wie ich Lebensjahre zähle. Aktuell also 36 Seiten täglich. Um etwas, das ich gar nicht näher bestimmen kann, nicht an die Vergangenheit zu verlieren. Möglichst halblaut, damit ich meine Mutter-Sprache von mir selbst höre. Nicht von meiner Mutter. Ich trage eine Sprache wie ein Verbrechen in mir und liebe sie doch, bei aller Schuld. Neben aus der Ukraine geflohenen Menschen stehe ich stumm wie ein Baumstumpf. Zumindest bis ich einige von ihnen ebenfalls Russisch sprechen höre." "Doch die Angst vor fehlenden russischen Wörtern werde ich wohl nie loswerden. Auch deshalb versuche ich, stolz zu sein auf die russischen Wörter, die mir nicht fehlen. Die russische Sprache wird den russischen Präsidenten überleben. Wenn er schon lange in seinem hässlichen Massenmördergrab verfault. Dann könnten die russischen Wörter, die mir nicht fehlen, noch für vieles gut sein. Zumindest hoffe ich das." Ansonsten passiert zugegebenermaßen nicht allzu viel in dem Roman, es sind mehr Alltäglichkeiten, das mag vermutlich nicht jede*r. Ich fand den Roman größtenteils sehr gelungen. Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars über NetGalley. Die hier geäußerte Meinung ist meine eigene.
meerblick
4/5
18.02.2025
eBook (ePUB)
Innere Zerrissenheit
Dmitrij Kapitelman geboren in Kjyiw (Kiew) selbst Kontingentflüchtling erzählt in seinem Roman 'Russische Spezialitäten' eindrucksvoll die Geschichte einer jüdisch-russischen Familie, die in den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts nach Deutschland, genauer gesagt nach Leipzig, auswanderte, dort in einem russischen Geschäft Spezialitäten aus der Heimat verkaufen und nicht nur nebenbei jede Menge Heimatgefühle bei ihren Kunden aufleben lassen. Mit Beginn der russischen Invasion auf ukrainische Gebietshoheit zerreiben sich die Gemüter zwischen Mutter und Sohn aber auch zwischen den Familien und Freunden in der Heimat in Folge differenter politischen Sichten auf das Kriegsgeschehen. Während die Mutter propagandistischen Verblendungen des russischen Staatsfernsehens folgt, zeigt der Sohn eine solidarische Haltung zum ukrainischen Volk, die er in eine unglaubliche Reise gipfeln lässt.
Der Autor vermittelt in einer Sprache der Zerrissenheit einen schier unlösbaren familiären Konflikt, hervorgerufen durch komplett konträre Sichtweisen seiner Protagonisten auf politisch motivierte kriegerische Auseinandersetzungen. Bei aller hochbrisanten Problematik lässt er dem Humor einen gewissen Raum, schwört aber gleichzeitig eine äußerst nachdenkliche Stimmung herauf.
meerblick
4/5
18.02.2025
eBook (ePUB)
Innere Zerrissenheit Dmitrij…
Innere Zerrissenheit Dmitrij Kapitelman geboren in Kjyiw (Kiew) selbst Kontingentflüchtling erzählt in seinem Roman 'Russische Spezialitäten' eindrucksvoll die Geschichte einer jüdisch-russischen Familie, die in den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts nach Deutschland, genauer gesagt nach Leipzig, auswanderte, dort in einem russischen Geschäft Spezialitäten aus der Heimat verkaufen und nicht nur nebenbei jede Menge Heimatgefühle bei ihren Kunden aufleben lassen. Mit Beginn der russischen Invasion auf ukrainische Gebietshoheit zerreiben sich die Gemüter zwischen Mutter und Sohn aber auch zwischen den Familien und Freunden in der Heimat in Folge differenter politischen Sichten auf das Kriegsgeschehen. Während die Mutter propagandistischen Verblendungen des russischen Staatsfernsehens folgt, zeigt der Sohn eine solidarische Haltung zum ukrainischen Volk, die er in eine unglaubliche Reise gipfeln lässt. Der Autor vermittelt in einer Sprache der Zerrissenheit einen schier unlösbaren familiären Konflikt, hervorgerufen durch komplett konträre Sichtweisen seiner Protagonisten auf politisch motivierte kriegerische Auseinandersetzungen. Bei aller hochbrisanten Problematik lässt er dem Humor einen gewissen Raum, schwört aber gleichzeitig eine äußerst nachdenkliche Stimmung herauf.
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5/5
06.04.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Familie und die Weltpolitik
Die Mutter in Sibirien geboren, der Vater jüdischer Ukrainer, der Sohn seit seinem achten Lebensjahr in Leipzig aufgewachsen. Davon erzählt Kapitelman und von seinen aktuellen Versuchen, seine von den russischen Propagandalügen überzeugten Mutter mit Tatsachen und Argumenten davon abzubringen. Ob er mit seinem letzten Überzeugungsversuch, seiner nicht ungefährlichen Reise nach Kiew, den gewünschten Erfolg hat? Sprachschöpferisch, mit Humor, mit Sarkasmus, mit Wehmut und mit phantastischen Elementen (sprechende Fische und Maschinengewehre) und durchdrungen von seiner Liebe zur Mutter und zur Mutter-Sprache. Unbedingt lesenswert.
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5/5
18.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Innere Zerrissenheit bittersüß erzählt
Man hat es nicht leicht als jüdischer Ukrainer mit russlandstämmigen Eltern, der längst mit ihnen in Leipzig lebt. Gerade wenn die Mutter sich in diesen Zeiten fanatisch an ihr Geburtsland klammert, in dem sie selbst so wenig Zeit verbracht hat. Nun verfolgt sie russisches Fernsehen, das ihr den Krieg gegen die Ukraine schmackhaft macht.
Sprachlich hervorragend erzählt Kapitelman von russischen Spezialitäten, Verwandlungen an Bahnhöfen und innerer Zerrissenheit.
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5/5
20.02.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erschreckend aktuell
Sie haben noch keinen Kapitelman gelesen? Tun Sie es. Sein Vorgängerbuch "Eine Formalie in Kiew" kann ich auch sehr empfehlen. Er schreibt sehr kurzweilig, biografisch, brandaktuell und besticht durch seine außergewöhnliche Sprache mit neuen sehr treffenden Wortfindungen.
Der Autor beschreibt in seinem neuen Buch den russischen Lebensmittelladen seiner Eltern in Leipzig. Geboren in Kyjiw verkauft die Familie alles was man hier in Deutschland fern der Heimat vermissen könnte. Das osteuropäische Gemeinschaftsgefühl gibt es gratis obendrauf. Doch seit dem russischen Angriffskrieg ist das Familienleben entzweit. Seine Mutter ist total von den russischen Fernsehlügen infiltriert und absolut Putintreu. Wie soll er sie von der Realität überzeugen? Ihm fällt nichts besseres ein, als mitten im Krieg in seine alte Heimat die Ukraine zu fahren. Unbedingt jetzt lesen!
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4/5
16.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Muttersprache
In "Russische Spezialitäten" erforscht Dmitrij Kapitelman die Beziehung zu seinen Eltern, vor allem zur Mutter.
Er tut dies zugewandt und verzweifelt, liebevoll und verständnislos. Ständig ist er hin und her gerissen zwischen Mutterliebe und ihrer Manipulierbarkeit.
Die Muttersprache, das Russische, spielt dabei eine zentrale Rolle.
Liebenswerter Sarkasmus macht diesen Roman zu einem überraschenden Lesevergnügen.
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4/5
14.10.2025
eBook (ePUB)
...alles nur Menschen...
Der Ich-Erzähler ist Anfang der 90er Jahre mit seinen Eltern als jüdischer Kontingentflüchtling von Kyjiw nach Deutschland umgesiedelt worden. Die Bilder von Krieg und Zerstörung aus der Stadt seiner Kindheit machen ihn betroffen. Die Kommunikation mit seinen Jugendfreunden wird darüber hinaus erschwert durch den Umstand, dass seine Mutter der russischen Propaganda aufgesessen ist. Diese wird verbreitet in der Sprache seiner Kindheit, deren Klang ein Gefühl von Heimat in ihm auslöst, dem Inhalt des Gesagten kann er jedoch nicht Glauben schenken.
Dies alles spielt sich ab im "Magazin", dem Laden für russische Spezialitäten, den die Familie gemeinsam betreibt. Ein sehr berührender Roman voll sprachlicher Brillanz.
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