Sie ist Mitte fünfzig und beginnt ein Verhältnis mit einem dreißig Jahre jüngeren Mann. Einem Studenten, noch dem Milieu verhaftet, aus dem sie sich emanzipiert zu haben glaubt. Er verlässt die gleichaltrige Freundin und liebt sie mit einer Leidenschaft wie keiner zuvor. Die intime Episode ist zugleich politisch, auf der Straße, in den Restaurants und Bars: fast ständig böse Blicke, wütende Reaktionen. Sie ist wieder das »skandalöse Mädchen« ihrer Jugend, nun aber ganz ohne Scham, mit einem Gefühl der Befreiung. Annie Ernaux erzählt radikal und pointiert von einer Liebesbeziehung gegen jede Konvention – und bricht damit ihr letztes Tabu.
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Ein leise erzählter erfüllender Tabubruch
MarieOn am 01.09.2023
Bewertungsnummer: 2012412
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Die beiden, gefangen in einem Alltag aus verfrühtem Zusammenziehen und Prüfungsstress, hatten sich nie vorgestellt, dass Sex auch etwas anderes sein kann als die mehr oder minder aufgeschobene Befriedigung des Begehrens. Eine Art kontinuierlicher Schaffensprozess. Seine Leidenschaft angesichts dieser Neuentdeckung band mich immer mehr an ihn. S. 10
Soviel zu den Gründen, warum sich zwei vom Alter her so unterschiedliche Menschen voneinander angezogen fühlen können.
Nachdem A. der junge Mann eine Affäre mit der Autorin Annie Ernaux angefangen hatte, trennte er sich von seiner Freundin. Annie verbringt ab dann die Wochentage mit ihm in seiner Wohnung und sie lieben sich. Das Zimmer, in dem sie die meiste Zeit auf zwei Matratzen verbringen, entwickelt am Abend eine besondere Stimmung. Hier sieht Annie von seinem Fenster aus die Klinik, in die sie als Studentin, vielleicht so alt wie ihr Geliebter, einmal gegangen war, wegen starker Blutungen nach einer heimlichen Abtreibung. Diesen Umstand, von hier auf das Gebäude schauen zu können, findet sie so unerhört, dass sie ihrer Beziehung einen tieferen Sinn attestiert.
Und dann beginnt Annie Ernaux ihr Leben zu analysieren. Sie vergleicht sich mit ihm, findet in ihm das proletenhafte, das allen anhaftet, die in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen sind, so wie sie. Neben ihrem Ehemann hatte sie sich wie eine Proletin gefühlt, neben A., wie eine Bildungsbürgerin.
Er war die verkörperte Vergangenheit. S. 21
Das erste Staunen über die Blicke ihrer Mitmenschen in den Cafés, weicht einer Gewissheit und Sicherheit, dass sie lieber in das Gesicht dieses jungen Mannes sieht, als in das Zerknitterte eines Gleichaltrigen. Die Frauen ihres Alters, die diskret mit ihm flirten, weil sie ihre Stellung auf dem Beziehungsmarkt kennen, sind ihr lieber als die jungen, die so tun, als sei sie gar nicht da.
Fantastisch! Einfach einzigartig! Genial!
Bewertung am 29.03.2023
Bewertungsnummer: 1910687
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Und noch so vieles mehr! Und das bei so wenigen Worten. Aber dennoch schafft es Nobelpreisträgerin Annie Ernaux in diesen wenigen Worten und kurzen Passagen, so viel zu thematisieren, was andere in hunderten und tausenden von Seiten nicht schaffen würden. Die Art und Weise wie diese Person mit Worten umgehen kann, ist eine Kunst, die ihresgleichen sucht und auch lange auf dieser Suche verweilen wird. Denn sowas habe ich in meinem Leben nicht gelesen. Ich bin hin und weg, komplett überzeugt davon, dass dieses autobiografische Werk eine literarische Ausnahme ist.
Wie man es schafft, in teilweise einzelnen Passagen, Textabschnitten oder sogar nur in Sätzen ein gigantisches, gesellschaftskritisches oder philosophisches Thema aufzumachen und die Klammer direkt im Anschluss wieder zu schließen, ist mir ein Rätsel, aber eines, auf das ich mich sehr gerne einlasse. Ich genieße die Art und Weise wie “Der junge Mann” bestimmte Themen eröffnet, ihnen eine Plattform und meinen Gedanken Anstöße gibt sehr. Ich finde nicht, dass es schade ist, dass dieses Buch so kurz ist. Literatur und Kunst sollte dem kapitalistischen Grundgedanken vom “Preis-Leistungs-Verhältnis” nicht folgen, sondern diesem Strom eher entgegenwirken.
Natürlich hätte man aus dieser Geschichte mehr machen können, mehr schreiben können. Aber gerade dadurch, dass dieses Werk so aufgebaut ist, wie es nun mal ist, macht es zu dem, was es ist: Ein literarisch einzigartiges Werk!
“Der junge Mann” erzählt die Geschichte einer Annie Ernaux in ihren Fünfzigern und von ihrer Affäre und Partnerschaft mit einem 30 Jahre jüngeren Studenten. Eine interessante Prämisse dir mir sehr gefallen hat.
Meinung aus der Buchhandlung
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Eine Frau trifft einen jüngeren Mann und die beiden verlieben sich ineinander. Ihre Liebe ist leidenschaftlich und stürmisch. Doch nach einer Weile, beginnt die Frau zu zweifeln. Sie sie zu alt für Ihn? Will er eine Jüngere? Und auf einmal beginnt sie, wieder an ihre Abtreibung, welche sie vor einer Zeit gemacht hat, zu denken. Und sie redet sich ein, etwas von ihrem ungeborenen Kind in dem jungen Mann zu sehen. Doch kann das sein?
“Der junge Mann” ist ein Buch, welches von jedem Leser anders aufgenommen wird. Bei uns in der Buchhandlung haben es, außer mir, noch drei Kolleg*innen gelesen und wir haben festgestellt, dass wir es alle anders interpretiert haben. So viel Leben und Tiefe in einem kleinen Text! Ein richtiges Miniaturkunstwerk.
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Eine Frau trifft einen jungen Studenten. Die beiden verlieben sich stürmisch und leidenschaftlich. Genauso groß wie die Gefühle und das Verlangen sind die Vorurteile von außen wie im Inneren der Beziehung. Genüge ich? Will er eine Jüngere? Kann ich noch mit meinem eigenen, jüngeren Ich mithalten? Und wann wird alles fade und reine Wiederholung? Unglaublich wie viel Leben und Erleben Annie Erneaux in diesen winzigen Text steckt. Lesenswert!
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